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Stadtarchivar Stephan Grimm: 30 Jahre Engagement für das Gedächtnis der Stadt

Das Stadtarchiv in der Hohenzollerstraße gibt es seit 30 Jahren. Von Anfang an  setzte sich Stadtarchivar Stephan Grimm dafür ein, dieses Archiv zu einer Fundgrube, einem lebendigen Gedächtnis der Stadt und zu einer Institution zu machen, mit der die Stadt Gütersloh werben kann.

? Jeder Mensch hat ganz individuelle Erlebnisse und Erfahrungen in einer Stadt. Warum braucht eine Stadt eine Erinnerung, indem sie ein Archiv unterhält?

Stephan Grimm: Die Geschichte einer Stadt hat viele Komponenten. Dazu gehören auch individuelle Wahrnehmungen, die das Archiv sammelt. Das können Briefe, Tagebücher oder Protokolle sein. Ziel ist es, neben den offiziellen Akten und Sammlungen möglichst viele Quellen zusammenzuführen, denn das kulturelle Gedächtnis besteht aus vielen Teilen, die man wie ein Puzzle zusammenführen kann. Eine Stadt, die sich für ihre Zukunft interessiert, braucht ein Archiv, um ihre historische Identität zu ergründen.

? Was ist wichtig für die Stadtgeschichte und wer entscheidet das?

Stadtarchivar Stephan GrimmStephan Grimm: Der Archivar entscheidet, denn der Archivar besitzt den geschulten Blick für das Ganze, was letztlich den Charakter einer Stadt ausmacht. Es ist wichtig nicht nur einzelne juristische, kulturelle oder stadtplanerische Aspekte in den Fokus zu nehmen, sondern die Stadt als Gesamtheit zu begreifen, deren Geschichte es zu dokumentieren gilt.

? Wer den Weg ins Stadtarchiv macht, sucht meistens etwas aus der Vergangenheit. Was treibt die Besucher an, um in der Stadtgeschichte zu forschen.

Stephan Grimm: Oft geht es darum, der Geschichte des eigenen Hauses, der Straße oder der eigenen Familie nachzuspüren. Journalisten kommen, um mehr über Jubiläen von Verbänden und Vereinen zu erfahren und historische Fotos zu ergattern. Studenten, die sich in ihrer Abschlussarbeit mit einem Aspekt der Gütersloher Geschichte auseinandersetzen, suchen nach Quellen im Stadtarchiv. Und Unternehmen arbeiten aus Anlass eines Jubiläums ihre Geschichte auf, so zum Beispiel bereitet sich Flöttmann bereits jetzt auf das 150-jährige Jubiläum im Jahre 2016 vor.

? Was bietet das Stadtarchiv Besuchern und Forschern, was sie in anderen Archiven nicht finden können?

Stephan Grimm: Hier findet man Nachlässe von Privatforschern, die es sonst nirgends gibt. Nützlich für die Forschungen sind auch die Sammlungen der drei Tageszeitungen und der Zeitungsausschnitte. Ab 1884 ist auch die Gütersloher Zeitung und ab 1890 die neue Gütersloher Zeitung vorhanden.

Stadtarchivar Stephan Grimm? Welche Schwerpunkte haben Sie im Laufe der Jahre für das Stadtarchiv Gütersloh gesetzt. Was war Ihnen besonders wichtig?

Stephan Grimm:  Das Stadtarchiv soll nutzerfreundlich sein. Das heißt, jedem Besucher soll deutlich werden, wie offen, vielseitig und facettenreich das Stadtarchiv ist. Inhaltlich ist unser Schwerpunkt vom gesamten gesellschaftlichen Stadtleben in Gütersloh gesteuert. Wir sind ständig auf der Jagd Suche nach allen relevanten Quellen, die dieses Leben widerspiegeln.

? Was raten Sie Besuchern, die zum ersten Mal ins Stadtarchiv kommen?

Stephan Grimm: Wir verhelfen hier zur eigenen Recherche, unter anderem mit Hilfe von Datenbanken. Hier geht es also nicht zu wie in einer Apotheke, wo die Waren aus den Schubladen geholt werden und über die Theke an den Kunden gehen. Wie sprechen mit den Besuchern, zeigen Wege auf, machen die selbstständige Suche möglich.

? In der freien Wirtschaft heißt es: Das Angebot regelt die Nachfrage: Was tut das Stadtarchiv um auf sich aufmerksam zu machen, um zum Beispiel Schülerinnen und Schüler für die Stadtgeschichte zu interessieren?

Stadtarchivar Stephan GrimmStephan Grimm: Das Stadtarchiv nutzt viele Aktionen, um an die Stadtgeschichte heranzuführen. Etwa mit den Kulturstrolchen, die mit Handschuhen die Stadtchronik begutachten dürfen. Alle Kinder mögen Schätze und da werden sie hier schnell fündig. Auch in der Langenachtderkunst ist das Stadtarchiv mit von der Partie und öffnet seine Türen. Und gemeinsame Austellungen, zum Beispiel zusammen mit dem Stadtmuseum zum 1. Weltkrieg, rücken bestimmte Themen in den Vordergrund.

? Das Stadtarchiv wird von einigen ehrenamtlichen Mitarbeitern unterstützt, die man fast als „Fanclub“ des Archivs bezeichnen könnte. Wie haben diese Unterstützer Spaß am Archivieren gefunden.

Stephan Grimm: Das Stadtarchiv kann auf einen „Club der treuen Seelen“ setzen. Das sind die vielen ehrenamtlichen Helfer, die zum Teil schon seit Jahren fast täglich ins Stadtarchiv kommen und sich mittlerweile gut auskennen. Zum Beispiel Anneliese Stüker, die an vier Vormittagen, von 10 bis 13 Uhr, das Stadtarchiv unterstützt. Sie hat zum Beispiel die Akten zur Kirchstraße ausgewertet, Informationen über Erbauer, Nutzer und Besitzer zusammengetragen und somit eine komplette Straßengeschichte generiert. Auf solche Helfer können wir hier nicht verzichten. Alle Helfer kommen, weil ihnen die Arbeit Spaß macht und weil diese Arbeit gebraucht wird und wertvoll ist.

? Man kann Sie als „Mr. Stadtarchiv“ bezeichnen, denn Sie haben das Gütersloher Stadtarchiv aufgebaut und mittlerweile 30 Jahre lang gestaltet. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Archivs?

Stephan Grimm: Für Geschichte habe ich mich schon immer interessiert, und schon immer habe ich gerne Quellen und Dokumente gesammelt. Noch interessanter ist es, andere für Geschichte, besonders für Stadtgeschichte, zu begeistern. Die Vermittelungsfunktion macht Spaß. Historische Bildungsarbeit ist das Schönste, was es gibt. Warum ist eine Stadt so, wie sie ist? Wer diese Frage beantworten und verstehen möchte, findet die Antworten nur in der Geschichte. Deshalb ist es wichtig, dass Stadtarchiv zu betreiben und die Entwicklung in der Zukunft im Auge zu behalten.

? Als Gedächtnis der Stadt lassen Sie kaum eine Frage zur Geschichte von Gütersloh offen. Wie können Sie sich so viele Daten und Fakten merken?

Stephan Grimm: Was interessiert, prägt sich ein. Diesen Vorteil nutze ich in meinem Beruf. Viele Fragen wiederholen sich auch, so dass es sich im Laufe der Jahre ergibt, dass man als Stadtarchivar vieles weiß. Da muss ich dann nicht nachschauen, das habe ich parat.

Stichwort: Das Stadtarchiv

Das Stadtarchiv Gütersloh an der Hohenzollernstraße hält Bestände für historische und regionale Forschungen und Dokumentationen vor. Es bietet die Möglichkeit, Gütersloher Nachlässe zu übergeben und zu archivieren. Auch für eigene Recherchen hat das Stadtarchiv ein umfangreiches Angebot. Schrift- und Sammlungsgut der Stadtverwaltung und anderer städtischer Einrichtungen wurde seit 1809 dauerhaft gesichert. Darüber hinaus findet man Druckschriften, Zeitungen, Zeitschriften, Zeitungsausschnittsammlungen, Ton- und Bildsammlungen, Plakate, Karten, Pläne, Zeichnungen, zeitgeschichtliche Sammlungen (Flugblätter, Handzettel, Prospekte), Audiovisuelle und digitale Medien, ein Stadt- und regionalgeschichtliche Bibliothek (Präsenzbestand) sowie Private Nachlässe und Deposita. 

Offizielles Onlineportal der Stadt Gütersloh | Datum: Fr, 09. Dezember 2016