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Guter Städtebau ist Lebensqualität - Pilotprojekt wohn.bau.kultur geht neue Wege bei Planung und Gestaltung

Die 'Wüste' lebt. Im gleichnamigen Stadtteil in Osnabrück haben Stadtplaner ein Beispiel für Wohnbau-Kultur ausgemacht, das das Prinzip klassischer Reihenhausarchitektur auf den Kopf stellt.

Auf kleinen Flächen schafft es geradezu spielerisch das, was offensichtlich oberstes Ziel einer Stadtplanung zum Wohle des Menschen ist: Lebensqualität! -  Aber auch in Gütersloh machten die hochkarätigen Fachreferenten, die sich zum gepflegten Schlagabtausch in der vergangenen Woche in die Volksbank-Zentrale trafen,  Vorbilder aus der Siedlung an der Fritz-Blank-Straße etwa. Vor allem aber sprachen sie den obersten Gütersloher und Rheda-Wiedenbrücker Städteplanern  Michael Zirbel und Matthias Abel höchstes Lob aus für ein Pilotprojekt, mit dem beide Kommunen in Zukunft Qualitätssicherung bei der Wohngebietsplanung betreiben wollen.

„Wohn.bau.kultur“ heißt das vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung geförderte Pilotprojekt der Städte Rheda-Wiedenbrück und Gütersloh, das nach der viel beachteten Abschlusspräsentation - rund 150 Zuhörer, etliche davon Planer, Architekten und Baufachleute aus ganz NRW – sozusagen in seine praktische Phase geht. „Strategien für Ostwestfalen-Lippe“ ist die komprimierte Zusammenfassung einer Dokumentation überschrieben, die als eine Art kleiner Leitfaden für alle am Planungsprozess Beteiligten verstanden werden kann.   Sie orientiert sich an zwei Kernfragen,  die auch die höchst lebendige und auch für Laien verständliche Expertendiskussion in der Volksbank bestimmten: Was ist gute Wohnbau-Kultur und wie erreiche ich sie?

Der Laie mag sich im ersten Moment kaum vorstellen, dass die Antworten dazu ganze Bibliotheken füllen können, aber der Gang durch verschiedene Baugebiete kann ihm bereits deutlich vor Augen führen, warum manches vielleicht gut gemeint ist, aber „irgendwie doch nicht stimmt“: Hier eine kasernenartige Gleichförmigkeit, dort ein Sammelsurium aus idyllischer Individualität in bester Disharmonie aneinandergereiht. Das Feld ist weit und die Ansprüche vielfältig, machte Prof. Dr. Martin Wentz, Frankfurt a. Main, aus Sicht des langjährigen Städteplaners, aber gleichzeitig auch durch die Brille der Immobilienwirtschaft deutlich. Er nennt eine Reihe von Faktoren, die entscheidend sind für eine gelungene Planung: Neue Quartiere brauchen räumliche Strategien, die Schaffung von „Teilquartieren“, „Nachbarschaften zum Bestand“, aber auch Klimaschutzziele und eine individuelle Vermarktungsstrategie sind für Wentz unter anderem Teil des Erfolgs.

„Vorgaben des Bebauungsplans reichen nicht aus“  plädiert Prof. Christa Reicher (Fakultät Raumplanung an der TU Dortmund) für die Durchführung von Gestaltungswettbewerben.  

Der (Wohn-)Wert einer Immobilie oder eines Gebietes hängt auch aus ihrer Sicht von einer ganzen Reihe von umgebenden Bedingungen ab: Architektur der Nachbargebäude, energetische Konzepte, die Gestaltung des öffentlichen Raums und die Infrastruktur sind Beispiele dafür.

An gelungenen Projekten aus dem „Alltagsgeschäft“ der Architekten, die dann so alltäglich doch wieder nicht sind,  macht  Prof. Carsten Lorenzen (TU Dresden, Fakultät Architektur) seine Sicht auf das Thema fest: „Leben bei Hofe“ heißt das Wohnprojekt auf dem Gelände einer ehemaligen Kondomfabrik in Hamburg, dessen bestechender Ansatz die Individualität im Genormten ist. Höfe, Häuser, Nachbarschaften, Dachterrassen, Eigentumswohnungen und Reihenhäuser in verschiedenen Größen entstanden aus einem sehr überschaubaren Grundmuster und erlauben immer wieder neue Gestaltungsvarianten.

Michael Zirbel, Leiter des Fachbereichs Planung bei der Stadt Gütersloh, beschreibt mit einem historischen Beispiel, „dass guter Städtebau nicht nur etwas für die Sinne, sondern auch ein handfestes wirtschaftliches Argument ist.“ Die Berliner „Hufeisensiedlung“, ein Entwurf des Architekten Bruno Taut aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, kennt in der Planung zwei Haustypen, aus denen 472 Einfamilienhäuser und rund 2000 Wohnungen geschaffen wurden. „Ein kluger und feinsinniger Rhythmus von Achsen und Plätzen, Materialien und Farben machen dieses Gebäude zum Kunstwerk,“ schwärmt Zirbel. Inzwischen ist es Weltkulturerbe der UNESCO.

Einigkeit herrschte in der Diskussion darüber, dass Wohnbau-Kultur den Willen und die Zusammenarbeit aller Beteiligter, vom Planer über den Investor und den Architekten bis hin zu den Verantwortlichen für Grün und Infrastruktur voraussetzt, dass aber die „Linie“ erkennbar sein muss: „Wir brauchen ein Alphatier“ im kreativen Prozess, fasste Prof. Elke Pahl-Weber, als Leiterin des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung eine fachkundige Moderatorin, die Meinungen zusammen. Die Dokumentation und der Leitfaden aus Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück jedenfalls können als Vorbild für andere  Kommunen dienen. Denn auch wenn die Runde Kreativität mit dem Hinweis einfordert, „einmal vom Damokles-Schwert für die Ewigkeit bauen zu müssen, Abschied zu nehmen“, so bleibt doch der leidvolle Seufzer, der wohl in jeder Stadt an irgendeiner Stelle angebracht ist: „Bausünden haben ein langes Leben.“

Den Abschlussbericht und eine Broschüre zu diesem Pilotprojekt finden Sie oben rechts unter Downloads.
Bestellen können Sie die Broschüre: StadtGuetersloh.Stadtplanung@gt-net.de oder telefonisch: 05241/822367.

Offizielles Onlineportal der Stadt Gütersloh | Datum: Tue, 27. September 2016