Accesskeys

1 2 3
4 5 6
7 8 9
0

Zugänglichkeit

Schriftgröße

Städtischer Musikverein erhält bisher unbekanntes Archivmaterial

Gesungen wird woanders. Hier wird geordnet, entfaltet, gebügelt und registriert. Vier gestandene Herren, alle verdiente Mitglieder und Sänger im Städtischen Musikverein Gütersloh, auf Spurensuche im Stadtarchiv an der Hohenzollernstraße.

Städtischer Musikverein Protokollbuch
Protokollbuch mit Übersetzung: Die Einträge in der Kladde reichen von 1890 bis 1933, beim Lesen hilft die Sütterlin-Tabelle.

Vor ihnen der lange Tisch des Besucherzimmers, bedeckt mit Blättern, Kladden, Zeitungsausschnitten, Briefen und Listen. Zu erkennen: feine Sütterlin-Handschrift, akribisch aufgestelltes Zahlenwerk, Datumsangaben, die uns bis zum Ende des 19.Jahrhunderts führen, Adressköpfe längst verschwundener Gütersloher Gebäude wie etwa das Hotel Barkey. Die Archivalien entstammen  einem schlichten Pappkarton ohne Aufschrift und sind doch ein Schatz für die Biographie des Städtischen Musikvereins. „Sie schließen die Lücke in der Vereinsgeschichte zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg,“  bewertet Hans Broermann, ehemaliger 2. Vorsitzender des Vereins, die Dokumente nach der ersten Durchsicht. Und auch für Stadtarchivar Stephan Grimm sind sie ein wichtiger Beitrag zur Vereins- aber auch zur Stadthistorie.

Dr. Lotte Heller, ehemalige Vorsitzende des Städtischen Musikvereins, hat den unscheinbaren braunen Karton an Broermann und seine Mitstreiter Joachim Westerbarkey, Eberhard Neuhaus und Walter Holtkamp übergeben, die bereits seit längerem ehrenamtlich den Archivbestand des Städtischen Musikvereins aufarbeiten und katalogisieren. Mittwochs treffen sie sich normalerweise. Sie seien gerade „auf der Zielgeraden“ mit ihrer Arbeit gewesen, als vor einigen Wochen das „Paket“ von Frau Heller ankam, erzählt Hans Broermann. Sie war durch Presseveröffentlichungen auf die Arbeit der Freizeit-Archivare aufmerksam geworden und hatte sich an den Karton erinnert, der ihr selbst vor vielen Jahren von einem früheren Vorstandsmitglied übergeben worden war. Zwischen Aktendeckeln und in solide gebundenen Büchern befand sich eine bunte Sammlung Vereinsalltag: Protokollbücher – das älteste reicht von 1890 bis 1933 – Anwesenheitslisten, ordentlich nach Stimmlagen unterteilt, Konzertrezensionen, Briefe, Kondolenzschreiben, Danksagungen und die wohl älteste Vereinssatzung im Druck von 1893. Das Jahr 1890 war ein entscheidendes Datum für den hochkarätigen Chor, der 2007 150jähriges Bestehen feierte: Seit dieser Zeit nannte er sich Gütersloher Musikverein (vorher Gesangverein). Zum „Städtischen Musikverein Gütersloh“ wurde er 1936.

Städtischer Musikverein Programm
Das ganze Vereinsleben: Bilanzen und ein Programmzettel von 1918 einträchtig beieinander im Pappkarton.
Städtischer Musikverein Archivmaterial wird gebügelt
Glattgebügelt: Eberhard Neuhaus  sorgt dafür, dass die Schriftstücke ohne Knick in den Bestand des Stadtarchivs übergehen.

Von 1937 wiederum datiert  eines der Dokumente, die uns mehr geben als nur einen Einblick in die Vereinsgeschichte: Dort bittet der „Musikbeauftragte der Stadt Gütersloh/Westfalen“ die „Reichsmusikkammer Amt für Konzertwesen“ in Berlin um eine Stellungnahme zu der Frage, ob einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Bach in einer der hiesigen Kirchen „aus weltanschaulichen Gründen“ (!) Bedenken entgegenstehen könnten. Die Nutzung der Kirche sei „der einzige Ausweg“, um die große Nachfrage nach Karten für die Veranstaltung zu befriedigen. Man habe aber Bedenken, dass die „NSG Kraft durch Freude nicht Schwierigkeiten machen könnte, diesen Ausweg zu verwirklichen, vor allem im Hinblick auf die gespannte kirchliche Lage“ -  eine mehr als ausdrucksstarke Quelle zum Verhältnis von Kirche und Staat im Nationalsozialismus.

Bekannte Gütersloher Namen blitzen immer wieder auf in den Blättern, Briefen und Büchern, in denen sich jeder Gütersloher Lokalhistoriker festlesen dürfte. So haben Ferdinand Bartels, der bekannte Textilunternehmer, Fritz Güth, der Mitbegründer der Weberei Greve&Güth und Willibald Riechemeier, Gymnasialoberlehrer, das erste erhaltene Protokoll aus dem Jahr 1890 unterschrieben. Und ein Briefwechsel über eine geplante Vereinsversammlung richtet sich an Wilhelm Westerfrölke, Chef des Hotels Barkey und Vater des Malers Paul Westerfrölke.

Bis in die unmittelbare Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg reicht der Fund aus dem Hause Heller, den Hans Broermann, Eberhard Neuhaus, Joachim Westerbarkey und Walter Holtkamp zusammen mit Stadtarchivar Grimm nun Stück für Stück in Augenschein nehmen, aufarbeiten (dazu gehört das Glattbügeln mit einem haushaltsüblichen Bügeleisen), bewerten, der Gliederung des Vereinsarchivs zuordnen und über die Eingabe ins Archivprogramm wieder auffindbar machen. In diese Jahre nach 1945 gehört unter anderem die Notiz über die Ausgabe von Konzert-Freikarten an die Stifter von Brennholz für den Veranstaltungsraum. Auch so ein Zeitdokument, das auf einfache Weise zeigt, welchen Stellenwert Theater und Musik unmittelbar nach dem Krieg für die Menschen hatten.

Die Originale, die uns Aufschluss geben über diese Geschichte und die Geschichten dazu, bleiben im Stadtarchiv. Dort werden wir die vier genannten Herren vorwiegend mittwochs in den kommenden Monaten weiter antreffen, im Austausch über Schriftbilder, Menschen und Zeiten. Gesungen wird woanders, aber Musik ist hier auf jeden Fall drin.

Städtischer Musikverein im Stadtarchiv
Fleißige Forscher im Stadtarchiv: Joachim Westerbarkey, Walter Holtkamp, Stdtarchivar Stephan Grimm, Eberhard Neuhaus und Hans Broermann (v.l.)

Hintergrundinformationen:

Der Städtische Musikverein Gütersloh nennt als Gründungsdatum 1856/57, als sich Sänger aus den Gesellschaftsvereinen Eintracht und Erholung zum „Singverein“ zusammenfanden. Zahlreiche Rundfunkaufnahmen, Fernsehauftritte und Konzertreisen, vor allem aber sein hohes klangliches Niveau machten den Chor weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Seit 1987 ist Professor Karl-Heinz Bloemeke der Dirigent, Vorsitzender ist Dr. Reinhard Zinkann. Die Programmvorschau auf der Website des Vereins nennt als nächste große Aufführung in Gütersloh die Carmina Burana von Carl Orff am 30. März 2014  in der Stadthalle. 


Eine Meldung vom 23.12.2013


zurück zur Übersicht

Gütersloh 2.0

Innovativ, kreativ und pulsierend - Film ab für den Wirtschaftsstandort

Teaserbild Wirtschftsfilm


-

- Film ab


Stadt Gütersloh auf Facebook


-

- zum PresseCenter


Offizielles Onlineportal der Stadt Gütersloh | Datum: Mo, 26. Februar 2018