Gaststätten, Hotels und Lokale
Die ersten Gasthäuser in Gütersloh richteten sich vor allem an Reisende und Fuhrleute. Im 19. Jahrhundert erlebte das Gaststättengewerbe jedoch einen deutlichen Aufschwung: Auswärtiges Essen und Trinken gewann im Bürgertum an Beliebtheit, während Arbeiter sich im Zuge der Industrialisierung die Kneipen als soziale und politische Treffpunkte erschlossen. Nicht ohne Grund werden Gaststätten als „Spiegel der Gesellschaft“ bezeichnet – sie waren und sind bis heute zentrale Orte der Geselligkeit.
Schank- und Speiselokale
Die Schankkonzession war für viele Menschen in Gütersloh und den umliegenden Bauerschaften Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts eine der wenigen Möglichkeiten, das Einkommen zu verbessern. So entstanden zahlreiche kleine Kneipen, in denen neben allen möglichen Handelsgütern insbesondere Alkohol verkauft wurde. Die Krise des Garngewerbes hatte seit etwa 1830 viele Einwohnende in diese Kleingewerbe getrieben. Diese Schankstätten verschwanden nach 1870 allmählich aus den Gewerbestatistiken.
Dafür entwickelten sich Gaststätten mit Saalbetrieb wie Heinrich Pallmeyer an der Blessenstätte oder Georg Pollkläsener, Unter den Ulmen - das heutige Gütersloher Brauhaus - zu Treffpunkten der Gütersloher Vereine. Andere wurden wie das Restaurant Hohenzollern an der Berliner Straße 8 zu speziellen Speiselokalen.
Manche der Namen haben wie die Gaststätten Hermann Kuhlmann (Berliner Straße), August Meyer an der Blessenstätte (Sprottendiele), der "Bockskrug" am Stadtpark oder Scheck (damals noch Münsterstraße, später in der Berliner Straße) noch Jahrzehnte später Bestand.




Ausflugslokale
Sowohl für die städtische als auch für die Landbevölkerung entstanden nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Ausflugslokale mit Biergärten und sonnigen Terrassen. Zu den bekanntesten Ausflugslokalen zählten Bertels Säle in Kattenstroth, in denen sich seit etwa 1855 bereits die Pennäler und die Primaner des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums trafen. Später wurde es nach seinem Besitzer in Wiltmanns Säle umbenannt.




Parteilokale
Parteilokale waren ebenso wie Parteizeitungen Zeichen ihrer Zeit, in der sich Menschen bestimmter sozialer Gruppen zu "Parteien" zusammenfanden. Erst die "Sozialdemokratische Partei Deutschlands" wurde als Partei trotz ihres Verbots durch die Sozialistengesetze Bismarcks (1878 - 1890) zu einer Partei im heutigen Sinne.
Die zweite "moderne" Partei des 19. Jahrhunderts war das Zentrum als Partei der Katholiken. Die liberalen und konservativen Kräfte in Preußen und im Deutschen Reich schufen zunächst nur kurzlebige Parteien als Interessengruppen. Das politische System der Bundesrepublik Deutschland mit ihren Volksparteien CDU und SPD war bis zum Ende der Weimarer Republik 1933 noch undenkbar, da soziale Lage und Umgebung die Parteizugehörigkeit wesentlich prägten. Insofern waren Parteizeitung und Parteilokal von entscheidender Bedeutung für den Zusammenhalt der Wählergruppe.

Hotels
Hotels dienten in Gütersloh seit etwa 1870 zunehmend der Unterkunft und Verpflegung der gebildeten Stände und waren somit klassische Einrichtungen des bürgerlichen Reiseverkehrs.
In Gütersloh bestanden um die Jahrhundertwende drei Hotels, von denen der Westfälische Hof (bis zum Jahre 2021 "Fasan" in der Kökerstraße 10) und das Hotel Barkey (heute: Goldschmiede Haines und Durchfahrt zum Kolbeplatz) in der Kökerstraße als Seitenstraße der Chaussee und als Verbindungsstraße zum Bahnhof lagen. Das Hotel Schmale wurde später zum Hotel Kaiserhof und ist der Vorgänger des Parkhotels.
Für die durchziehenden Handwerkergesellen gab es übrigens seit etwa 1890 mit dem Evangelischen Vereinshaus unter der Leitung des Hausvaters Tobusch ein zweckmäßiges und günstiges Quartier mit stark religiöser Prägung, aus dem sich in den 1950er Jahren der "Ravensberger Hof" als beliebtes Hotel entwickelte.




Kinos
Das Kino entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer neuartigen und populären Form der Unterhaltung und veränderte das Freizeitverhalten auch in Gütersloh nachhaltig. Während kulturelle Angebote im 19. Jahrhundert noch vor allem durch Vereine, Gasthäuser, Theateraufführungen oder Musikveranstaltungen geprägt waren, eröffnete der Film erstmals die Möglichkeit, bewegte Bilder einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Damit wurde das Kino zu einem Ausdruck technischer Innovation und gesellschaftlichen Wandels.
Am Samstag, den 6. August 1910, wurde das erste Kino in Gütersloh eröffnet. Es hieß "Metropol-Theater" und war in dem Hinterhaus des Rietmachers Tobias Kern in der Strengerstraße Nr. 8 untergebracht. Der Eintritt für die Eröffnungsvorstellung mit neun Filmen kostete für den ersten Platz 70, den zweiten 50 und den dritten 30 Pfennige, Schüler zahlten die Hälfte.
Seit den 1890er Jahren fanden, vorwiegend im Saal des "Ratskellers" und gegen Eintritt von 50 Pfennigen, Vorführungen von "Edisons Kinematographen" statt. Hierbei handelte es sich um einen Apparat zur Erzeugung und Wiedergabe von Bildreihen, mit welchem Einzelfotos als Bewegungsvorgänge oder "lebende Bilder" gezeigt werden konnten. Im Oktober 1907 fand die erste Vorführung von Filmen im Freien statt. Auf dem Gütersloher Marktplatz wurde mit Hilfe von "Borras Elektro-Biograph" (Kinematograph) und einer Kapelle von 40 Musikern "lebende Bilder", unter anderem über "Buffalo Bill, dem Helden des wilden Westens", "Sherlock (Charlock) Holmes, dem berühmeten Detektiv Englands" und den "Wundern in den Meerestiefen" vorgeführt.
Im Winter des Jahres 1912 brannte das "Metropol-Theater" ab. Im September 1912 wurde ein neues Kino in der Bahnhofstraße, heute Eickhoffstraße, eröffnet. Es war der Vorgänger der für die Bebauung des Kolbeplatzes 1999 eingestellten Stadttheater-Lichtspiele. Bis zum Jahr 1930 blieben die Lichtspiele in der Bahnhofstraße das einzige Kino der Stadt.

Gaststätten
Gaststätten für Fuhrleute waren entlang der Chaussee unerlässlich. Als bekanntester gilt der Gasthof C. H. Stock am späteren Rathausplatz. Insgesamt wurden im Kreis Wiedenbrück an "Krügen und Ausspannungen für das Frachtfuhrwerk und die zum Markte kommenden Landleute" im Jahr 1819 zunächst 34, später im Jahre 1843 insgesamt 51 verzeichnet, bis sich die Zahl wieder auf 39 im Jahr 1858 reduzierte.
Groß war auch die Zahl der Schankwirte im Raum Gütersloh. Viele kleine Händler, Hofinhaber oder Hausbesitzer hatten zusätzlich die Konzession für den Ausschank von Bier und Branntwein erworben. Im Kreis Wiedenbrück waren es zunächst rund 125, doch 1858 hatte sich ihre Zahl auf 53 reduziert. Viele dieser Schankwirtschaften waren Zeichen der Not, wenn die Spinnerei nach 1820 nicht mehr den Lebensunterhalt sicherte.
Zugleich stieg aber auch das Niveau der Gastronomie: Zwischen 1819 und 1858 verdoppelte sich beispielsweise die Anzahl der "Gasthöfe für gebildete Stände" von neun auf 18. Dies war ohne Zweifel eine Folge der Chaussee, auf der nun bessergestellte Personen reisten, und zugleich Folge des langsamen wirtschaftlichen Aufblühens der Region, in der zunehmend mehr Gewerbebetriebe entstanden.

Neugierig geworden?
Das Stadtarchiv bewahrt als Gedächtnis der Stadt auch Bestände mit Bezug zu Gaststätten auf. Interessant ist hier beispielsweise die Sammlung Meyer (SG Meyer) zur Geschichte vieler Gaststätten, Restaurants und Lokalen oder die Unterlagen der Gastwirtschaft Neue Mühle (GNM).
Eine Übersicht der Bestände des Stadtarchivs gibt es hier.