Andere Träger
Neben kommunalen Einrichtungen und kirchlicher Diakonie prägten im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche weitere soziale Träger das Fürsorgewesen in Gütersloh. Diese Akteure entstanden meist aus bürgerlichem, vereinsmäßigem oder privatem Engagement und reagierten auf soziale Herausforderungen, die mit Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und veränderten Lebensbedingungen einhergingen. Sie ergänzten staatliche und kirchliche Angebote und trugen wesentlich zur sozialen Absicherung weiter Teile der Bevölkerung bei.
Vaterländischer Frauenverein
Am 11. Oktober 1878 riefen Marie und Emil Mangelsdorf den Vaterländischen Frauen-Verein ins Leben. Bürgermeister Emil Mangelsdorf blieb ebenso wie seine Ehefrau 30 Jahre im Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins. Während Marie Mangelsdorf als Vorsitzende wirkte, versah er das Amt des Schriftführers. Schon kurz nach der Gründung waren 240 Mitglieder zu verzeichnen. Dabei umfasste der Verein sowohl Frauen als auch Männer der oberen gesellschaftlichen Schicht, also dem Bürgertum. Der Landrat berichtete 1885 über die Zielsetzung des Vereins, dass er "hauptsächlich […] die Hebung von Uebelständen unter der armen Bevölkerung" bezwecke.
Anfangs plante der Frauenverein eine Kleinkinderschule (Kindergarten) für die Kinder armer Leute, die mit seiner Unterstützung 1882 eingeweiht wurde. In den folgenden Jahrzehnten veranstalteten die Bürgerfrauen Geldsammlungen für Notleidende, auch außerhalb Güterslohs. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten ab Mitte der 1880er Jahre lag darauf, jährlich 15 bis 20 Kinder armer Familien zu einem dreimonatigen Kuraufenthalt nach Sassendorf zu schicken. Diese Kinder litten an Schwindsucht, die auch durch Mangelernährung hervorgerufen wurde.
Anfang des 20. Jahrhunderts wandte sich der Verein der Krankenhaus- und Familienpflege im Falle eines Krieges zu. Dementsprechend übernahmen die Frauen des Vaterländischen Frauenvereins im Ersten Weltkrieg die Betreuung der Verpflegungsstation für Soldaten am Bahnhof.
Die finanziellen Mittel des Vereins setzten sich aus Mitgliederbeiträgen, Geldsammlungen, Verlosungen von Handarbeiten und Haushaltsgegenständen sowie testamentarischen Schenkungen verstorbener Mitglieder zusammen.
Bis zum Ausscheiden Marie Mangeldorfs aus dem Amt der Vorsitzenden 1908 hatte sich die Mitgliederzahl auf 512 erhöht. Für ihr Engagement wurden sie 1899 mit der Rote-Kreuz-Medaille 3. Klasse ausgezeichnet, ihr Ehemann sieben Jahre später im Jahr 1906.


Werkswohnungsbau
Die Industrialisierung in Gütersloh begann 1855 mit dem Bau der Dampfmaschine für den Mühlen- und Brennereibetrieb Plange. Als 1874 Greve & Güth Dampfmaschinen für den Antrieb der Webstühle einsetzte, war diese Energieerzeugung aus Kohle nahezu überall in Deutschland üblich geworden und wurde auch in Gütersloh bald von jedem neuen Industriebetrieb eingesetzt. Die Maschinisten und Schlosser wurden für die Betriebe zu den wichtigsten Fachkräften. Sie mussten möglich rasch eingreifen, wenn Störungen eintraten oder außerhalb der normalen Arbeitszeiten Wartungen durchgeführt werden mussten, um die normalen Abläufe nicht zu stören.
Ihnen galt deshalb der Bau der ersten Werkswohnungen nahezu aller Gütersloher Betriebe, etwa der Gebrüder Bartels, von Niemöller & Abel und von Niemöller & Lütgert an der Gütsmerstraße oder für Miele an der Carl-Miele-Straße. Möglichst nah am eigenen Betrieb errichten die Firmen Werkswohnungen für die Maschinisten und andere wichtige Funktionsträger in den Fabriken. Die meisten der einfachen Arbeiter wohnten im ländlichen Umfeld in privaten Quartieren, etwa den Kotten kleinerer und größerer Höfe, in eigenen Häusern oder zunehmend in gemieteten Zimmern und Wohnungen. Erst als der Bedarf an Arbeitskräften nicht mehr direkt in Gütersloh gedeckt werden konnte, setzten die Bemühungen der Industriellen um die Besserung der Wohnsituation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Familien verstärkt ein.
Diese Bauten wurden allerdings nicht im Eigentum der Unternehmen errichtet, sondern durch zinsgünstige Darlehn als Eigenheime der Mitarbeiter. Den Anstoß dazu hatte 1895/96 die Stadt Gütersloh bei der Planung der Friedensstraße gegeben, in der Arbeiter, Beamte und Handwerker mit öffentlichen Darlehn ihr Eigentum schaffen konnten.
Baugesellschaften
Anders als in den Industrieregionen und Ballungszentren konnten in und um Gütersloh viele Menschen auf eigenem Boden bestehende Gebäude erweitern oder neue Bauten für Wohnzwecke errichten. Etliche der Bauten wurden bereits um 1900 als Häuser für die Eigentümer und eine oder mehrere weitere Mietparteien im Obergeschoss und in den Dachbodenmansarden errichtet.
Wo die eigenen finanziellen Mittel oder auch der Mut zur langfristigen finanziellen Bindung wegen der Darlehnsverpflichtungen fehlten, mussten für die jungen Familien und Einzelpersonen preisgünstiger Wohnraum geschaffen werden. Neben wenigen Privatleuten investierten in solche Mietwohnungsbauten vor allem die gemeinnützigen Baugesellschaften wie der Gemeinnützige Bauverein Gütersloh, der 1910 mit Unterstützung der Stadt Gütersloh aufgebaut wurde.
Für die Gründung solcher gemeinnütziger Gesellschaften sprach aber nicht nur der fehlende Wohnraum, sondern auch der Zustand der bestehenden Bauten. Seit etwa 1890 beschrieben der Kreisarzt Dr. Schlüter und der Bürgermeister Emil Mangelsdorf die Zustände in Gebäuden insbesondere bei den einfachen Häusern am "Busch" in der oberen Berliner Straße als schmutzig, unhygienisch und schädlich. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stießen die Erkenntnisse der Medizin, insbesondere der Hygiene, immer wieder sozialpolitische Maßnahmen zugunsten der Arbeiterschaft an. So auch die Gründung des Gütersloher Bauvereins mit seinen vor allen in den 1920er Jahren sichtbar werdenden positiven Folgen etwa an der Rhedaer Straße oder am Bockschatzweg.




Deutsches Rotes Kreuz
Vorläufer des Deutschen Roten Kreuzes war in Gütersloh der Vaterländische Frauenverein, der am 11. Oktober 1878 gegründet worden war.
1898 entstand die "Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Gütersloh". Ihre zunächst 16, bald jedoch schon 39 Mitglieder bereiteten sich auf die Versorgung Verletzter vor. Anlass war zunächst die Vorbereitung auf einen möglichen Krieg und die Versorgung der verwundeten Soldaten. Bei der wachsenden Zahl von Unfällen in der Industrie und im Verkehr bei gleichzeitig verbesserten Möglichkeiten der medizinischen Hilfe wurde die Sanitätskolonne jedoch zunehmend auch für zivile Unglücksfälle eingesetzt und transportierte Schwerverletzte zu den Krankenhäusern.
Im Ersten Weltkrieg waren viele der Sanitäter entweder als Soldaten auf den Sanitätsdienst vorbereitet oder übernahmen den Transport Verwundeter in die beiden Gütersloher Lazarette.
