Bürgermeister
Der Bürgermeister fungierte als leitende administrative und politische Persönlichkeit der Stadt. Er vertrat die Stadt nach außen, koordinierte die Verwaltungsarbeit und sorgte für die Umsetzung kommunaler Entscheidungen. Mit der Zeit wurde das Bürgermeisteramt stärker professionalisiert und an rechtliche sowie organisatorische Vorgaben angepasst.
Die Bürgermeister samt Amtszeit von 1813 bis 1936 waren:
1813 bis 1827 Christoph Heinrich Tegeler
1827 bis 1846: Hermann Christian Haege
1847 bis 1853: Arnold Rüter
1853 bis 1854: Fritz (Friedrich) Detmer (kommissarisch)
1854 bis 1861: Friedrich Wilhelm Friebe
1861 bis 1862: Ludwig Carl Gottlob Freiherr von Richthofen (kommissarisch)
1862 bis 1874: Louis (Ludwig) von Schell
1874 bis 1908: Emil Mangelsdorf
1908 bis 1934: Gustav Tummes (früher Thummes)
Christoph Henrich Tegeler (1755 – 1841)
Christoph Henrich Tegeler wurde im November 1755 als zweites von vier Kindern des Kaufmanns Georg Henrich Tegeler (1716-1777) und dessen erster Ehefrau Margarete Elisabeth Delkeskamp (1725-1759) geboren. Die Familie betrieb ihre Geschäfte seit 1669 in dem 1658 erbauten Haus Kirchstraße 4, später Strenger, das als „Borgemesterhus“ bekannt wurde.
Christoph Henrich Tegeler war als Manufakturwarenhändler tätig, Eigentümer mehrerer Häuser und gehörte zu den angesehensten und wohlhabendsten Bewohnern. Nachdem der von den Franzosen 1809 eingesetzte Maire (Bürgermeister) Carl Heinrich Lehmann vor den anrückenden Kosaken geflohen war, wurde er am 17. November 1813 zum Bürgermeister gewählt. Ihm zur Seite stand der Verwaltungssekretär und spätere Nachfolger, Hermann Christian Haege. In wirtschaftlich schwieriger Zeit setzte er sich für den Ausbau der Straßen ein. Im Herbst 1817 wurde die Chaussee von Koblenz nach Minden, die heutige Berliner Straße gebaut, 1922 erfolgte die Pflasterung der Münster- und Königstraße, 1824 der Kirchstraße. 1825 erfolgte die Erhebung Güterslohs zur Stadt.
Aus der Ehe mit Franziska Louise Lange verw. Schlüter aus Lippstadt ging die einzige Tochter Johanna (1793-1834) hervor, die 1819 den Kaufmann Friedrich Wilhelm Stahl (1795-1837) heiratete, Bruder des Brennereibesitzers Carl Christoph Stahl („Domhof-Destillerie“). Am 11. März 1827 erlebte Tegeler noch die Antrittspredigt des Erweckungspredigers und ersten Pfarrers der evangelischen Gemeinde, Johann Henrich Volkening. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters gab er am 28. Juni 1827 das Bürgermeisteramt ohne Pensionsanspruch auf. 1840 wurde Tegeler zum Ehrenmitglied der Herrengesellschaft „Eintracht“ ernannt. Am 8. März 1841 verstarb er im Alter von 85 Jahren. In seinem Testament vermachte er dem evangelischen Armenfond 100 Reichstaler.
Hermann Christian Haege (1795 – 1858)
Bereits 1812 kam der am 14. Oktober 1795 in Halle (Westf.) geborene Hermann Christian Haege als Verwaltungssekretär nach Gütersloh. Er war ehrenamtlich in vielen Vereinen und Gesellschaften engagiert und gründete unter anderem 1833 den „Verein zur Rettung verwahrloster Kinder“. Am 12. Dezember 1842 wurde Hermann Christian Haege (1795–1858) vom Magistrat zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Bereits seit 1827 war er jedoch in Gütersloh als Bürgermeister tätig – damals allerdings nicht durch Wahl, sondern durch Ernennung der Regierung. Die ihm zur Seite gestellten Beigeordneten waren Ehrenbeamte ohne Gehalt – eine Funktion, die deshalb ausschließlich wohlhabenden Bürgern offenstand. Zusätzlich war Haege von 1843 bis zu seinem Tod im Jahr 1858 Amtmann der Landgemeinde Gütersloh.

Arnold Rüter (1810 – 1896)
1822 kaufte der Gastwirt Arnold Rüter Senior das Haus Berliner Straße 9, Ecke Münsterstraße (später Puwelle). Hier wurde am 28. September 1810 der Sohn Arnold junior geboren, der ebenfalls Gastwirt wurde.
1838 heiratete er Franziska Elisabeth Louise Stahl (1820-1845), eine Enkelin des früheren Bürgermeisters Christoph Henrich Tegeler. Mit ihr hatte er drei Kinder, alle starben noch zu seinen Lebzeiten. Als Nachfolger von Hermann Christian Haege wurde Rüter am 22. Januar 1847 zum Bürgermeister gewählt. Da ein Rathaus fehlte, richtete er die Amtsstube in seinem Wohnhaus ein. Die Sitzungen der Stadtverordneten fanden in der oberen Etage der Gesellschaft „Eintracht“ in der Kirchstraße statt.
Hervorgerufen durch eine Wirtschaftskrise, die durch den Niedergang der Garnspinnerei verursacht wurde, entstand eine große Armut in der Bevölkerung. Nach dem Hungerjahr 1846 bemühte sich Rüter um die Linderung der Not und förderte unter anderem die Einrichtung einer Webschule im Jahr 1850. In seine Amtszeit fielen die Eröffnung der Köln-Mindener Eisenbahn 1847, die Eröffnung des Evangelischen Gymnasiums am 17. Juni 1851 und die Grundsteinlegung des Neubaus am 26. März 1852 in Anwesenheit des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV.
Besondere Herausforderungen stellten sich Rüter durch die Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Konservativen, vor allem während der Revolutionstage im März 1848. Es gelang dem als loyal und ehrenhaft bekannten, jedoch von den Liberalen unterstützten Bürgermeister nicht, die auseinanderstrebenden Richtungen zu versöhnen.
Am 7. September 1853 schied er nach einem gegen ihn angestrengten Disziplinarverfahren wegen Vernachlässigung der Amtsgeschäfte aus dem Dienst aus. Er wanderte nach Amerika aus, wo er unternehmerisch erfolgreich tätig war. Nach 20 Jahren kehrte er in seine Heimatstadt zurück, wo er am 29. Januar 1896 im Alter von 85 Jahren starb.
Fritz (Friedrich) Detmer (kommissarisch) (1809 – 1867)
Otto Friedrich (Fritz) Detmer (Dettmer) wurde am 3. Oktober (oder November) 1809 in Gütersloh-Pavenstädt als zweites von fünf Kindern des Kolons und Pächters der Neuen Mühle, Carl Henrich Detmer und Margarethe Agnesa Saligmann, geboren.
Er war als Kaufmann und Destillateur tätig, beteiligte sich an der Finanzierung des Baus der Köln-Mindener Eisenbahn und gehörte 1839 zu den Mitbegründern der Gesellschaft „Eintracht“.
Am 25. Januar 1851 wurde er zum Beigeordneten der Stadt Gütersloh gewählt. Nach dem vorzeitigen Ausscheiden des Bürgermeisters Arnold Rüter aus dem Amt übernahm er am 1. September 1853 als Stellvertreter die Geschäfte. Mit der Einführung des neuen Bürgermeisters Friebe am 20. Mai 1854 endete seine Tätigkeit, der Mindener Regierungsrat Willingholz dankte ihm für die treue Dienstführung. Am 21. April 1858 schied Detmer als Beigeordneter der Stadt aus.
Am 31. Januar 1859 wurde er zum Ehren-Amtmann des Amtes Gütersloh berufen, das die Bauerschaften Blankenhagen, Nordhorn, Sundern und Pavenstädt umfasste. Bis zu seinem Tod war Detmer in dieser Funktion tätig. Seine Wohnung hatte im Haus Münsterstraße 13, wo er am 12. September 1867 ehe- und kinderlos verstorben ist. In der Chronik für die Landgemeinde Gütersloh 1800-1900 heißt es: “Wegen seines allgemein bekannten Wohlwollens gegen jedermann, seiner Zuvorkommenheit auch gegen den Geringsten und dabei geraden redlichen Sinnes, aber besonders wegen seiner Mildtätigkeit gegen Arme und Notleidende stand er bei den Amtseingesessenen in unbedingter Achtung. Sein schneller Tod wurde von vielen aufrichtig betrauert“.
Friedrich Wilhelm Friebe (1813 – 1861)
1813 in Hirschberg (Schlesien) geboren, schlug Friebe eine Militärlaufbahn ein. Seit 1846 arbeitete er in der Verwaltung der Regierung in Arnsberg und als Kreissekretär in Lippstadt.
Am 20. Mai 1854 trat er das Bürgermeisteramt in Gütersloh an. Seine guten Verbindungen zu dem Kaufmann und Stadtverordneten Heinrich Barth gaben der Stadt die Möglichkeit, nach seinem Tod 1858 aus den Mitteln einer Stiftung den Neubau eines Rathauses (1864 fertig gestellt) und eines Krankenhauses (Einweihung 1868) zu finanzieren. In Friebes Dienstzeit fielen die Neunummerierung der Häuser im Stadtgebiet, die Fertigstellung eines weiteren Gebäudes der evangelischen Schule in der Kökerstraße und der Neubau der Martin-Luther-Kirche (damals Neue Kirche) 1861, deren Baukommission er geleitet hatte. Als Vorsitzender des Bauausschusses erreichte er die Stiftung von fünf Chorfenstern durch das preußische Kultusministerium.
Infolge einer schweren Erkrankung starb Friebe 1861 im Krankenhaus Bethanien in Berlin.
Ludwig Carl Gottlob Praetorius Freiherr von Richthofen (1837 – 1873)
Am 29. August 1861 starb überraschend der amtierende Bürgermeister Friedrich Wilhelm Friebe. In der Ratssitzung vom 4. September 1861 wurde daher beschlossen, bei der Regierung in Minden den Antrag zu stellen, bis zur Neuwahl eines Bürgermeisters „einen „Commissarius zur Erledigung der in der nächsten Zeit sich vermuthlich sehr häufenden Arbeiten herüberzusenden“. Die Regierung entsprach umgehend dem Ersuchen und entsandte am 16. September 1861 den Referendar Ludwig Carl Gottlob Freiherr Praetorius von Richthofen zur provisorischen Verwaltung des Bürgermeisteramtes in Gütersloh. Bis zum 8. Februar 1862 übte er sein Amt aus.
Ludwig Freiherr von Richthofen wurde am 13. September 1837 in Berlin als zweites von acht Kindern des Assessors im Staatsverwaltungsdienst und späteren Diplomaten Dr. phil. Emil Freiherr Praetorius von Richthofen (1810-1895) und seiner Frau Marie geb. Augustin (1814-1891) geboren. Die Familie entstammte dem schlesischen Adel. Sie hieß ursprünglich Schultze und nannte sich im 16. Jahrhundert nach der latinisierten Fassung „Praetorius“. 1661 wurde der Vorfahre Johann Praetorius (1611-1664) in den böhmischen Ritterstand erhoben und erhielt den Beinamen „von Richthofen“.
Louis von Schell (1818 – 1890)
Geboren am 3. Januar 1818 in Bochum als Emil Wilhelm Ludwig von Schell, erhielt er - stets Louis genannt - eine militärische Ausbildung. 1851 beendete er seine Militärlaufbahn als Leutnant und wurde zum Bürgermeister der Stadt Unna gewählt. Nachdem im August 1861 der Gütersloher Bürgermeister Friedrich Wilhelm Friebe mit nur 48 Jahren verstarb, übernahm von Schell am 12. März 1862 das Amt.
Während seiner Amtszeit bis 1874 war von Schell maßgeblich an der Errichtung des Gaswerks und des evangelischen Kranken- und Armenhauses Barth‘sche Stiftung, an dem Bezug des neuen Rathauses und an der Erweiterung des Stadtgebietes beteiligt. Am 14. Mai 1890 starb Louis von Schell in Gütersloh. Sein Grab befindet sich heute auf dem alten Friedhof Unter den Ulmen.
Emil Mangelsdorf (1838 - 1925)
Emil Mangelsdorf wurde am 14. März 1838 in Prenzlau in der Uckermark geboren. Nach seiner Ausbildung zum Militärbeamten nahm er an den Einigungskriegen von 1866 sowie 1870/71 teil. Am 13. März 1874 wurde er zum Bürgermeister von Gütersloh gewählt – ein Amt, das er bis 1908 innehatte.
Während seiner Amtszeit prägte er die Entwicklung der Stadt maßgeblich: So fielen in diese Jahre unter anderem die Vorbereitungen zur Eingemeindung des Amtes Gütersloh im Jahr 1910, der Bau der Teutoburger Wald-Eisenbahn (1900/1903), die Errichtung des Wasserwerks sowie des Amtsgerichtsgebäudes an der Königstraße. Auch die Gründung des Lehrerseminars und der Höheren Töchterschule geht auf seine Initiative zurück.
Im Jahr 1890 gründete Mangelsdorf die Neue Gütersloher Zeitung mit, die heute als Neue Westfälische weitergeführt wird. Auch nach seiner Amtszeit war er weiterhin politisch tätig.
Für seine Verdienste wurde Emil Mangelsdorf am 14. März 1924 zum Ehrenbürger der Stadt Gütersloh ernannt. Er verstarb im Jahr 1925 ebenda.
Gustav Tummes (1870 - 1941)
Nach Abitur und Jurastudium war der 1870 geborene Gustav Tummes seit 1899 als Gerichtsassessor, von 1902 bis 1906 als Amtsrichter in Wattenscheid und anschließend als Landrichter in Duisburg tätig. Unter 62 Bewerbern wählte ihn die Gütersloher Stadtverordnetenversammlung am 20. Dezember 1907 zum Bürgermeister für die 12-jährige Amtstätigkeit, die er am 1. Mai 1908 antrat. 1920 und 1932 wurde er jeweils mit großer Mehrheit wiedergewählt.
In seine Amtszeit fallen unter anderem die Anlage des späteren Botanischen Gartens und einer Kanalisation und die Eröffnung der „Provinzial-Heilanstalt“, des heutigen LWL-Klinikums.
Wegen einer Erkrankung schied er zum 1. Januar 1936 vorzeitig aus dem Amt.
Nicht von allen Gütersloher Bürgermeistern des 19. Und frühen 20. Jahrhunderts sind Gemälde oder Fotografien überliefert.
Weitere Informationen zu den ehemaligen Bürgermeistern nach 1936 sowie zu einzelnen Grabstellen hier: Lapidarium.