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Die Eingemeindung von Stadt und Amt am 1. April 1910

Die zunehmende Industrialisierung beförderte im späteren Verlauf des 19. Jahrhunderts ein rasches Wachstum, das Güterslohs Kapazitäten für Wohnungsbau und Gewerbeflächen bald an ihre Grenzen brachte. Seit den 1880er Jahren betrieb deshalb insbesondere der Bürgermeister Emil Mangelsdorff (1839–1925) die Eingemeindung der gesamten Landgemeinde und der Bauernschaft Kattenstroth, teils gegen erhebliche Widerstände. Sie wurde erst nach langen Verhandlungen am 1. April 1910 vollzogen.

Meilenstein im Stadtpark zur Erinnerung an die Eingemeindung der Landgemeinden in die Stadt Gütersloh am 01.04.1910 (BB23923)
Meilenstein im Stadtpark zur Erinnerung an die Eingemeindung der Landgemeinden in die Stadt Gütersloh am 01.04.1910 (BB23923)

Stadtteile-Plan

Am 1. April 1910 wurde die in langen Verhandlungen mit der Landgemeinde Gütersloh und dem benachbarten Amt Kattenstroth-Spexard vorbereitete Eingemeindung der meisten historisch zum Kirchspiel Gütersloh gehörenden Bauerschaften zur Stadt Gütersloh vollzogen. Wesentliche Begründung dafür war noch 1907 das fehlenden von Fläche: Der Mangel an geeignetem Bauflächen in der Stadt ist die Veranlassung gewesen, dass mehrere Industriellen ihre Betriebe in den letzten Jahren in die Landgemeinde verlegt oder dort neue Betriebe gegründet haben.

"Die in der Landgemeinde Gütersloh angesiedelten Industriellen haben sämtlich den Wunsch ausgesprochen, mit ihren Fabrikbetrieben der Stadt zugeschlagen zu werden; sie hoffen, dass sie dort mehr Entgegenkommen und Verständnis finden." So heißt es in den ersten Planungen zur Eingemeindung.

Neben diesem unverhohlenen Angriff auf die stark von agrarischem Denken geprägten Repräsentanten der Landgemeinde nannte der Verwaltungsbericht der Stadt aber noch weitere Argumente für die Eingemeindung: "Es kann aber für die Stadt nicht wünschenswert sein, allein bebautes Terrain eingemeindet zu sehen. Die Hauptsache ist, dass durch die Einverleibung von Grundstücken aus den benachbarten Gemeinden der Stadt unbebaute Flächen Land zugeführt werden, welche durch Aufteilung von Straßen und Plätzen, durch Aufstellung von Bebauungs- und Fluchtlinienplänen, durch Entwässerung etc. zur Bebauung fähig gemacht werden. Es wird sich noch einmal rächen, dass um die Stadt herum eine wilde Bebauung allen Regeln der Gesundheit entgegen stattgefunden hat. […] Während in der Stadt kein Mangel an freien Plätzen ist - die Plätze bei der evangelischen Kirche, bei der evangelischen Schule, Gymnasium, Seminar, der neue große Marktplatz - ist bis jetzt nicht ersichtlich, ob in der Landgemeinde die gleiche Rücksicht bei den Ansiedlungen um die Stadt herum gewaltet hat."

Die Stadt mit inzwischen 7500 Einwohner und einer beachtlichen Wirtschaftskraft auf einer Grundfläche von 171 Hektar wuchs mit dem Vollzug der Eingemeindung von einem Tag auf den anderen um das 25-fache. Damit hatte der vormalige Bürgermeister Mangelsdorf das Ziel seines beruflichen Wirkens erreicht und seinem Nachfolger Thummes die Aufgabe einer umfassenden Stadtplanung für nunmehr 17.900 Menschen rechtzeitig in die Hand gegeben.

Einwohnendenverzeichnis vom 13. Dezember 1852, Haus Nr. 1 bis 303 (B 443)
Einwohnendenverzeichnis vom 13. Dezember 1852, Haus Nr. 1 bis 303 (B 443)
Im 19. Jahrhundert wurden Häuser vielerorts noch nicht nach Straßen, sondern fortlaufend nummeriert. Diese sogenannte Konskriptionsnummerierung vergab Hausnummern innerhalb eines gesamten Ortes in einer einzigen Reihenfolge. Straßennamen spielten für die amtliche Registrierung der Einwohnenden daher zunächst keine Rolle. Erst mit der Eingemeindung des Amtes Gütersloh wurde eine flächendeckende Nummerierung nach Straßen nötig. Eine vollständige Abkehr der Konskriptionsnummerierung erfolgte im heutigen Stadtgebiet jedoch erst zur Kommunalen Neugliederung 1970.

Gütersloh-Plan

Neues Stadtbewusstsein wollten die Gütersloher Stadtväter nach der Eingemeindung vom 1. April 1910 vor allem den mehr als 12.000 Neu-Gütersloherinnen und Neu-Güterslohern einhauchen.

Diese hatten bisher in Bauerschaften wie Pavenstädt, Blankenhagen, Nordhorn oder Sundern im Amt Gütersloh oder Kattenstroth im Amt Reckenberg gelebt. Diese alten Bauerschaftsnamen wollte die Stadt Gütersloh wegen ihrer trennenden Funktion aber nicht mehr pflegen.
Das neue Gebiet außerhalb des alten Stadtgebietes wurde deshalb postalisch zunächst nach den Himmelrichtungen bezeichnet mit Nordfeld, Westfeld, Südfeld und Ostfeld, wenn noch keine eigenen Straßennamen vergeben waren.

Ende der 1920er Jahre begann das Bewusstsein der alten Bauerschaften sich wieder zu entwickeln, als zum Beispiel die Schützenvereine Pavenstädt, Nordhorn und Kattenstroth entstanden. Allein der nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstanden Schützenverein Ostfeld nahm die erste Bezeichnung der neuen Stadtgebiete auf.

Ausschnitt aus dem Adressbuch von 1911. Hier die ersten Hausnummern des neuen "Nordfeld" (AAN)
Ausschnitt aus dem Adressbuch von 1911. Hier die ersten Hausnummern des neuen "Nordfeld" (AAN)

Generalbebauungs- und Verkehrsplan

Am 13. März 1909 hielt im Gütersloher Rathaus der Aachener Stadtplaner Professor Karl Henrici einen Vortrag zu seinem Generalbebauungsplan für die Gemarkung der Stadt Gütersloh. Mit dem Planungsauftrag für Henrici hatte Bürgermeister Mangelsdorf noch vor dem Ende seiner Dienstzeit 1908 die Zukunftsdiskussion für die Stadt angestoßen.

Auf der Basis seiner Beobachtungen und Berechnungen stellte Henrici einen Baubauungs- und vor allem Verkehrsplan auf, der trotz vieler Veränderungen im Laufe der folgenden Jahrzehnte die entscheidende Planungsgrundlage für die Verkehrsplaner des gesamten 20. Jahrhunderts geblieben ist. Henrici kritisierte 1909 die "offenbare Neigung der Bevölkerung, sich ganz verstreut anzusiedeln" und die planlose Entwicklung Güterslohs in den vorherigen Jahren indem er feststellte: "Alles sei aus der Hand in den Mund entstanden ohne weitere Voraussicht, ohne Ziel und ohne Überlegung, was daraus einmal werden könne."

Der Plan Henricis sah vor allem eine große Ringstraße um den Stadtkern herum vor, forderte Platzräume, die Ausweitung von Grünzonen entlang der Dalke und regte den Bau eines "stattlichen" Rathauses an. Insgesamt forderte er eine Verdichtung der Bebauung und neue Siedlungsgebiete im Bereich der Vennstraße und der Prekerstraße sowie nördlich davon ein rasterförmiges neues Straßennetz.

Viele der Straßen Güterslohs sind nach Henricis Vorschlägen angelegt worden. Auch der Ring um Güterslohs Innenstadt wurde nach den Prinzipien von 1909 allmählich verwirklicht. Vor allem der Ringschluss der von Süden kommenden und im Westen und Norden geschlossenen Ringstraße (Bundesstraße 61) wurde in den folgenden Jahrzehnten systematisch betrieben. Der Schluss des Ringes auf der Ostseite blieb bis in die 1990er Jahre fragmentarisch und wurde erst 1994 mit dem Stadtring Kattenstroth, Sundern und Nordhorn zur Bundesstraße wirklich abgeschlossen.