Handel
Der Handel bildete im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine tragende Säule der wirtschaftlichen Entwicklung von Gütersloh. Zwischen traditionellem Marktwesen und aufkommender Industriewirtschaft entwickelte sich die Stadt zu einem regionalen Handelsstandort mit wachsender Bedeutung.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Handel vor allem lokal und landwirtschaftlich geprägt. Wochen- und Jahrmärkte dienten dem Austausch von Lebensmitteln, Vieh und handwerklichen Erzeugnissen. Kaufleute und Handwerker versorgten die Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs, während Fernhandel nur in begrenztem Umfang stattfand.
Fuhrleute
Die Blütezeit des Gütersloher Fuhrgewerbes fällt in die Jahre nach der Fertigstellung der Köln-Mindener Chaussee (1817) und die Zeit bis zur Eröffnung des Güterverkehrs auf der parallelen Eisenbahn-Linie (1847).
Gütersloher Fuhrmänner waren wahrscheinlich schon vor 1700 im Auftrag auswärtiger Handelshäuser oder auf eigene Rechnung unterwegs. Nachweisbar hat von 1694 bis 1848 die Familie Angenete in vier Generationen als Frachtfahrer ihr Geld verdient. Sogar die Ehefrauen stammten oft aus Fuhrmannsfamilien.
1830 rechnete man als Transportgut jährlich 3000 Zentner Butter, 1500 Zentner Fleischwaren, 500 Zentner Hanf, 1500 Zentner Lumpen und 1000 Zentner rohe Häute – wohl als Ferntransporte für die geplante Eisenbahn.
Die Beförderung von Waren für Händler war zu keinem Zeitpunkt der wichtigste Erwerbszweig in Gütersloh. Selbst in Zeiten des Pferdetransports wuchs ihre Zahl in Gütersloh im Verhältnis zu Zahl der Gewerbetreibenden nicht weiter an: Im Jahr 1822 gab es 202 Gewerbetreibende, darunter 21 Händler (ca. 10 Prozent) und 51 im Fuhrgewerbe wirkende Personen (ca. 25 Prozent der Gewerbetreibenden).
1845 waren in Gütersloh 523 Gewerbetreibende verzeichnet. Von ihnen handelten 131 mit Waren (ca. 25 Prozent) und 75 Personen ( ca. 14,3 Prozent) transportierten sie als Fuhrleute.
Allerdings waren die Verbesserungen der Straßentechnik – also der Chaussee – und der Fahrzeugtechnik – der Bau größerer Wagen für mehr Gewicht – durchaus Anzeichen für größere Effektivität beim Einsatz der Gütersloher Fahrzeuge. Insofern dürfte die Transportmenge aus Gütersloh durchaus zugenommen haben. Allerdings fehlen darüber weitere Angaben.
Das Fuhrgewerbe übernahm nach der Fertigstellung der Eisenbahn die Verteilung der Waren vom Güterbahnhof oder auch den Transport zum Bahnversand, wenn die Unternehmungen nicht mit eigenen Fahrzeugen arbeiteten. Dabei wurden bis weit nach dem Ersten Weltkrieg noch Pferde als Zugtiere eingesetzt. So übernahm Adolf Titgemeyer 1909 den Kohlenhandel und das Fuhrgeschäft von Ludwig Heißmann an der Lindenstraße. Er erwarb 1925 seine erste Zugmaschine und lieferte noch bis 1958 mit Pferden aus.

Der Nachlass der Familie Angenete befindet sich heute im Stadtarchiv. Die Unterlagen des Bestandes sind hier recherchierbar.
Verleger
Verleger waren Kaufleute, die Rohstoffe zur Weiterverarbeitung zu Kleinunternehmern brachten, deren Arbeit bezahlten und die fertigen Produkte weiter verkauften. In Gütersloh hatte das Verlagswesen vor allem für die Herstellung von Garn eine große Bedeutung.
Die Verleger brachten die Flachs-Fasern in vorbehandeltem Zustand aus dem Ravensberger Land zu den heimischen Spinnerinnen und Spinnern. Das hergestellte Garn holten sie wieder ab und verkauften es entweder zur Herstellung von Leinenstoffen im Raum Bielefeld oder bei noch besserer Qualität zum Beispiel nach Brabant, wo die feinen Gütersloher Garne zu Brüsseler Spitzen verarbeitet wurden.
Mit dem Ende der Handgarnspinnerei erlosch die bedeutungsvolle Rolle des Verlegers im Textilgewerbe. Die Berufsbezeichnung Verleger ist heute nur noch bei der Herstellung von Büchern und Tonträgern erhalten.
Lumpenhandel
Lumpenhandel war in den Jahren nach dem Eingehen der Handspinnerei als Erwerbszweig der einfachen Leute, ab etwa 1825 ein Noterwerb. Die Gewerbesteuerlisten im Stadtarchiv weisen den Anstieg der damals unter dem Oberbegriff "umherziehende Händler" verzeichneten Lumpensammler von 33 (1819) auf 84 (1843) beziehungsweise 97 (1858) aus.
Die ehemaligen Spinner konnten die Qualität der Textilreste beurteilen, deren Weiterverkaufswert an die Großhändler von entscheidender Bedeutung war. Verwendet wurden die Lumpen meist für die Textil- oder Papierherstellung.
Als 1847 die Köln-Mindener Eisenbahn eröffnet wurde, entwickelte sich Gütersloh nach einem Bericht der Industrie- und Handelskammer Bielefeld "zum Zentrum des Lumpenhandels im Regierungsbezirk [Ostwestfalen]".
Der Grund dafür lag nicht in der Tatsache, dass hier übermäßig viele "Lumpensammler" tätig waren. Vielmehr hatte die Familie Saligmann an der Kökerstraße einen großen Handelsbetrieb für Lumpen aufgebaut und ließ die Textilreste von hier aus per Bahn zur Weiterverarbeitung in die Papiermühlen des Rheinlandes transportieren. Abgesetzt wurden 1856 insgesamt 10.000 Zentner und 1860 rund 15.000 Zentner Lumpen.
