Vereine
Das Vereinswesen hat in der Geschichte Güterslohs seit dem 19. Jahrhundert eine prägende Rolle im gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben gespielt. Mit dem Wandel der Stadt von einem kleinen Gemeinwesen zu einer pulsierenden Stadt entwickelte sich auch das Vereinsleben von ersten lose organisierten Gruppen zu einem vielfältigen Netz bürgerschaftlicher Gemeinschaften. Vereine waren wichtige Träger von Freizeitgestaltung, sozialem Engagement, sportlicher Betätigung und kultureller Identität.
Kirchliche Vereine
Allen katholischen Vereinen gemeinsam war die Ausrichtung auf die unterschiedlichen sozialen Gruppen und Lebenskreise der Katholiken. Mit dieser Verbreiterung ihrer Vereinsbasis war die katholische Kirche seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine Phase der Modernisierung ihrer Struktur eingetreten, die sich insbesondere im Kulturkampf der Bischöfe mit antikatholischen Kirchenvorstellungen Bismarcks bewährte und die zur Schaffung eines katholischen Milieus wesentlich beitrug. Anders als die vielfach bekämpften Sozialdemokraten konnten die Katholiken ihr Milieu in Gütersloh seit etwa 1890 nahezu ungestört und zusätzlich motiviert durch die Auflösung des Simultaneums entwickeln.
Die Vielfalt des evangelischen Gemeinde- und Vereinslebens im 19. Jahrhundert ist groß, denn wie wenige Jahre später auch das katholische Leben wurde das der Protestanten in Gütersloh in nahezu jede soziale oder gesellschaftliche Gruppe ausgedehnt. So verfestigte sich in Gütersloh das evangelische Milieu als Zusammenschluss der aktiven Personen und Mitglieder nachhaltig. 1874 gründete sich beispielsweise der Evangelische Jünglingsbund und Männerverein, der heutige Christliche Verein junger Menschen e.V. (CVJM)


Soziale Vereine
In Gütersloh existierten bereits im 19. Jahrhundert zahlreiche Vereine mit sozialen Zielsetzungen und Aufgaben, die oft aus dem kirchlichen Umfeld entstanden. Die wichtigsten Gruppen und die Wende zum 20. Jahrhundert waren der Vaterländische Frauenverein, der am 11. November 1878 unter der Leitung der Bürgermeistergattin Marie Mangelsdorf entstanden war, die konfessionellen Gruppen des (evangelischen) Frauenvereins und der katholische "St.-Elisabeth-Frauenverein" sowie der Frauenverein des Blau-Kreuz-Vereins.
Wesentlich war beispielsweise beim Vaterländischen Frauenverein die Beschaffung von wohltätigen Gaben und Spenden und deren Vermittlung an hilfsbedürftige Personen in Gütersloh geworden. 30 Jahre war Marie Mangelsdorf Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins und übernahm die Organisation und Repräsentation. Der Vaterländische Frauenverein entwickelte sich später weiter zu einer Gruppe des Deutschen Roten Kreuzes.
Das Rote Kreuz bestand auch in Gütersloh als "Freiwillige Sanitäts-Kolonne vom Roten Kreuz". Vorsitzender war 1907 Dr. August Stohlmann. Er war zu dieser Zeit wie seine Mitstreiter davon überzeugt, das Rote Kreuz als "patriotischen Verein" zu führen.
Zu den sozialen Vereinen würden wir heute auch die Enthaltsamkeits- und Mäßigkeitsvereine zählen. Nach einem ersten Höhepunkt der Tätigkeit des (evangelischen) Enthaltsamkeitsvereins um 1845, als tausende von Menschen an dessen Festen teilnahmen, schlief dessen Tätigkeit in späteren Jahren allmählich ein. Als konfessionelle Anti-Alkoholikergruppen bestanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts der evangelische Blau-Kreuz-Verein und die Katholische Mäßigkeits-Bruderschaft. Weltanschaulich neutral verhielten sich die Guttempler mit ihrer Gütersloher "Loge".
Gesellige Vereine
Als erster geselliger Verein entstand in die "Gütersloher Schützengesellschaft von 1832" mit dem Ziel, hier "ein Schützenfest, das doch nicht selten in den kleinsten Orten anzutreffen, und welches in mancher Hinsicht nützlich, keineswegs aber unheilbringend ist, zu veranstalten." Gütersloh biete keine Gelegenheit, "um sich auch nur einigermaßen Vergnügen bedienen zu können."
Bürgermeister Haege genehmigte das Fest am 22. Juni 1832 "in der gewissen Voraussetzung, dass es bei diesem Feste weniger darauf abgesehen ist, sich bloß auf einige Tage den Vergnügungen hinzugeben, als vielmehr den Gemeinsinn und die brüderliche Eintracht, durch eine, ohne Rücksicht auf Standesverschiedenheit zu bildende Gesellschaft zu beleben und zu fördern.".
Die Gütersloher Schützengesellschaft erlebt in den folgenden Jahren heftige Auseinandersetzungen vor allem mit dem evangelischen Pastor Johann Heinrich Volkening, der seit 1827 hier erster Prediger war und die Schützen unter anderem als "Sabbatschänder" bezeichnet hatte. Heftige Proteste der Schützen gegen die ungerechtfertigten Angriffe Volkenings endeten erst als dieser sich unter dem Druck seiner Vorgesetzten zeitweise mäßigte und 1838 nach Jöllenbeck berufen wurde.
Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich solche Konflikte um Festfreuden längst erledigt. Neben den gesellschaftlichen Institutionen wie der Schützengesellschaft oder den beiden Herrengesellschaften breitete sich eine neue Form der Geselligkeit. Sie entstand aus den geselligen Interessen der nun noch mobiler gewordenen Beschäftigten etwa der Eisenbahn, die jenseits oder neben kirchlichen oder gewerkschaftlichen Bindungen. Dementsprechend war sowohl beim Dilettanten-Verein "Humor" als auch bei seinem Partnerverein "Schiller" Eisenbahner Vorsitzende und Hauptakteure dieser Gruppen, die vor allem Geselligkeit und das Theaterspiel pflegten.
Militärische Vereine
Militärische und patriotische Vereine gehörten zu den besonderen Erscheinungsformen des deutschen Vereinswesens nach der militärisch geschaffenen Einigung Deutschlands in den Kriegen 1866 und 1870/71.
Ihre Mitglieder waren in der Regel Teilnehmer dieser Kriege und patriotisch gesinnte Männer aus nahezu allen politischen Lagern. Selbst sozialdemokratische Arbeiter schlossen sich nach dem Militärdienst Vereinigungen wie dem Gütersloher Landwehr-Verein unter dem Vorsitz von Fabrikbesitzer Albert Niemöller oder dem Artillerie-Verein unter Bäckermeister Wilhelm Mestemacher an. Außerdem hatte hier der Kriegerverein für den Kreis Wiedenbrück mit Brauereidirektor Dr. Varnholt seinen Sitz.
Zu den besonderen Erfolgen dieser Vereinigungen gehört nicht nur die Förderung der patriotischen Gefühle, sondern auch die Errichtung des Kriegerdenkmals, das seit 1896 auf dem Dreiecksplatz an die Toten der Einigungskriege und die Siege Bismarcks und des ersten Kaisers Wilhelm I. erinnerten. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses für Kriegszwecke eingeschmolzen.
Hinzu kamen Vereinigungen, die die wilhelminische Politik der Expansion des Reiches und seiner militärischen Kräfte besonders förderten, etwa der Marine-Verein mit Werkmeister W. Sommerkamp, der Flottenverein für den Kreis Wiedenbrück und der Kolonialverein – letztere unter dem Vorsitz des Geheimen Medizinalrats Dr. Schlüter.






Sportvereine
Im Garten des Gastwirts Barkey an der Kökerstraße errichtete Bauunternehmer Heinrich Schlüpmann 1862 ein "Turnlokal". Der am 2.9.1862 gegründete Turnverein löste sich jedoch mangels nachhaltigen Turn-Interesses am 22. März 1866 wieder auf, die Halle wurde abgerissen.
So ist der Gütersloher Turnverein (GTV) von 1879 der älteste Sportverein Güterslohs. Seine Gründung entspricht dem nationalen Geist der Zeit, denn Turnen war in Deutschland sein etwa 1815 Teil der freiheitlich-nationalen Bewegung für die Einigung der in Kleinstaaten zersplitterten "Nation" gewesen und wegen ihrer freiheitlich Ausrichtung bis 1842 sogar verboten gewesen. Danach entfaltete sich die Deutsche Turnerschaft kräftig und war "stolz darauf, dem Heere in jedem Jahre ein ganzes Armeekorps körperlich gut durchgebildeter Rekruten zu stellen."
Der GTV hatte 1914 bei Kriegsbeginn 661 Mitglieder, von denen viele der 1909 gegründeten Turnerinnen-Abteilung angehörten. Damit war der GTV einer der größte Vereinen in Gütersloh. Dies drückte auch der Bau einer vereinseigenen Turnhalle an der Bismarckstraße aus, die am 13. April 1913 eingeweiht wurde.
Andere Sportvereine – etwa der Arbeiterbewegung – blieben nur Episoden oder lösten sich unter dem Druck der politischen Verhältnisse rasch wieder auf. Den klassischen Sportarten Ringen und Gewichtheben bot seit 1902 der Kraftsport-Verein eine Heimat. Er entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten aufgrund der guten Trainingsmöglichkeiten in der Sporthalle Moltkestraße positiv weiter.
Anlässlich der Eröffnung des Schwimmbades des Naturheilvereins an der Dalke bei Güthenke wurde am 1. August 1906 der Gütersloher Schwimmverein gegründet. Stand zunächst noch der Schwimm-Unterricht im Vordergrund, so konnte am 1909 auch Wettkampf-Sport erfolgreich betrieben werden. Diese Zweiteiligkeit der Vereinsarbeit blieb bestehen und so lernten die Gütersloher (erst ab 1919 die Gütersloherinnen) zunächst das Schwimmen, um sich dann in Wettkämpfen zu messen.
Der Gütersloher Schwimmverein von 1906 wurde später zum Motor der Entstehung von Parkbad (1928) und Hallenbad (1960) und ist bis heute wie der GTV, der KSV und der Turnverein Isselhorst (TVI) - als 1874 gegründeter ältester Sportverein im heutigen Stadtgebiet Güterslohs - einer der Traditionsvereine, die sowohl Breitensport als auch Leistungssport anbieten.






Musikvereine
Seit 1890 nannte sich der Musikverein ganz offiziell "Gütersloher Musikverein". Er hatte seit etwa 1850 in Gütersloh das musikalische Leben geprägt und hatte seinen Ursprung in den musikalischen Aktivitäten der beiden Gesellschaften "Eintracht" und "Erholung". Dort musizierten die Damen und Herren der Gütersloher Gesellschaft an den jeweiligen Flügeln – neben den Unternehmerfamilien beispielsweise auch die des Bürgermeisters Mangelsdorf. Seit 1936 nennt sich der Verein "Städtischer Musikverein".
Neben diesem Chor, der anspruchsvolle Musikliteratur erarbeitete und aufführte, gab es zahlreiche Chöre von Sportvereinen, Berufsgruppen oder Kirchen sowie Kapellen und Orchester mit teilweise beachtlichem Niveau.
Besondere Anregungen für die Westfälische Musiklandschaft gingen vom 1871 gegründeten Posaunenchor des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums aus. In ihm bliesen die jungen Schüler zum Ruhme des Vaterlandes und zum Lobe Gottes. Damit waren sie ein Teil der Posaunenmission, die evangelische Lehrer- und Pfarrerfamilie Kuhlo durch Großvater Karl Eduard (1822-1891) und Enkel Johannes als "Posaunengeneral" wirkungsvoll ins Werk setzten, wenn zum Beispiel bei der Eröffnung des Kaiser Wilhelm – Denkmals in Porta Westfalica 1896 gleich 1300 Bläser ins Horn bliesen.
1881 gründeten die Mitglieder des Gütersloher Turnvereins eine eigene Gesangsabteilung, den heutigen Turner-Gesangverein. Er hatte sich die Pflege des deutschen Liedgutes als Aufgabe gestellt. So war der Bannerspruch dieses Männerchores Programm und Erfolgsbilanz zugleich "Turnen und Singen half stets zu guten Dingen!" Unter der Leitung der Dirigenten Veerhof (188-1896) und Honcamp (1896-1900) waren die Turnersänger erfolgreiche Teilnehmer an musikalischen Wettbewerben.
Insgesamt zählt das Adressbuch für Gütersloh und Umgegend im Jahr 1907 bereits 17 musiktreibender Vereine auf, die teils aus dem kirchlichen Umfeld stammen, teil aber auch aus anderen Vereinen entstanden waren.

Historischer Verein
Der Historische Vereine Gütersloh e.V. entstand - wie viele ähnliche Vereine auf dem Lande und in Mittelstädten nach der Gründung des Deutschen Reiches von 1870/71 - unter Federführung des Geschichtslehrers Professor Albert Muncke im Jahr 1873. Mitglieder solcher Vereine waren oft neben den Gymnasiallehrern die Volksschullehrer, Architekten, Beamten und Wirtschaftsbürger eines Ortes, die neben Interesse an ihrer angestammten oder durch Zuzug angenommenen Heimat zu den gebildeteren Ständen gehörten.
Über das Vereinsleben des wohl am 20. November 1873 gegründeten "Historischen Vereins" ist nur wenig bekannt. Sicher ist, dass Professor Muncke, 1824 aus Gross-Neuhausen kommend und bis 1878 in Gütersloh, erster Vorsitzender des Vereins war. Oberlehrer Friedrich Eickhoff, der Schwiegersohn Carl Bertelsmanns und Autor des Weihnachtsliedes "Ihr Kinderlein kommet", wurde 1878 sein Nachfolger. Wohl schon 1883 stellte der Verein seine Tätigkeit ein und konnte bis zum Ende des Kaiserreiches auch nicht mehr direkt belebt werden. Teile seiner Tätigkeit übernahm später der Verschönerungsverein von 1880, der sich 1915 auch dem Westfälischen Heimatbund anschloss.
Der heutige Heimatverein Gütersloh e.V. entstand durch eine Neugründung am 19. Juni 1925 aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der Stadt Gütersloh.

Schulvereine
Nach der Gründung des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums (ESG) im Jahr 1851 entwickelten sich in den 1860er und 1870er Jahren verschiedene Schulvereine. Sie waren etwas Besonderes im kulturellen Leben der Stadt und gaben den Schülern die Möglichkeit, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten und dem streng reglementierten Schulalltag zu entfliehen.
Als erster Verein entstand 1861 das Trommelkorps. Hier wurde bis zur Auflösung des Vereins 1939 Marschmusik gespielt. Damit eng verbunden war der Posaunenchor, der 1870 in der Begeisterung über den Sieg Deutschlands über Frankreich gegründet wurde. Neben dem Schulorchester und der Kantorei machte er das ESG durch hervorragende Leistungen über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das einmal im Jahr veranstaltete Schülerkonzert war ein Höhepunkt im kulturellen Leben von Schule und Stadt.
1877 wurde der Spielverein ins Leben gerufen, der die Sportarten Fußball, Schlagball, Handball, Schleuderball, Leichtathletik und das Kricketspiel anbot. 1879 kam der Turnverein hinzu.
Höhepunkt des Jahres war die Turnfahrt. Alle Vereine probten den einmal jährlich stattfindenden Marsch von der Schule zum Bahnhof, von wo es entweder zum Wasserschloss nach Tatenhausen, Porta Westfalica oder zum Hermannsdenkmal ging. Der Rückmarsch erfolgte unter dem Schein von Fackeln und bengalischem Feuer. Neben dem 1875 gegründeten Stenografenverein bestand für kurze Zeit ein Leseverein, der den Nichtsportlern Abwechslung bot.
Von besonderer Bedeutung war die 1870 gegründete "Gesellige Prima". Unter dem Motto "Einigkeit macht stark" wurden wöchentliche Treffen von Primanern (Klasse 13) im Saal der Gastwirtschaft Ludwig Bergmann in Kattenstroth veranstaltet. Unter der Leitung eines "primus omnium", dem Oberhaupt der Prima, bildeten sie einen von den jüngeren Schülern abgegrenzten Zirkel mit eigenen Regeln und Grundsätzen. Dazu zählten vor allem Freundschaft, Kameradschaft, Eintracht und das Befolgen der festgelegten Statuten. Die gesungenen Lieder wurden in dem Liederbuch "Turgida Vela", die verfassten Gedichte in der "Grünen Weide" veröffentlicht.






Die historische Überlieferung des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums (ESG) befindet sich im Stadtarchiv Gütersloh und ist gebührenfrei zu den Öffnungszeiten des Lesesaals einsehbar. Eine Übersicht der Archivalien findet sich auf Archive.NRW.
Das Stadtarchiv sammelt die Vereinsschriften aller Gütersloher Sportvereine und macht sie auf Wunsch zugänglich.
Eine Übersicht der sich im Stadtarchiv befindlichen erschlossenen Bestände von Vereinen und Verbänden findet sich hier. Darunter sind beispielsweise der Gütersloher Turnverein mit dem Turner-Gesangverein (GTV), der CVJM und viele weitere Vereine.
Natürlich gehören zu evangelischen Vereinen im weiteren Sinne auch die Vereine, die aus dem Evangelisch Stiftischen Gymnasium hervorgegangen sind. Die Unterlagen des ESG können ebenfalls im Stadtarchiv eingesehen werden. Hier findet sich eine Übersicht.
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