Evangelische Gemeinde
Die evangelische Gemeinde prägte das religiöse, soziale und kulturelle Leben Güterslohs im 19. und frühen 20. Jahrhundert in besonderer Weise. Als konfessionelle Mehrheitskirche war sie eng mit der Entwicklung der Stadt verbunden und nahm weit über den kirchlichen Raum hinaus Einfluss auf Bildung, Fürsorge und gesellschaftliche Ordnung. In einer Zeit tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen bot die evangelische Kirche Orientierung, Gemeinschaft und institutionelle Stabilität.
Im 19. Jahrhundert war die evangelische Gemeinde fest in die staatlichen und kommunalen Strukturen eingebunden. Kirche und Obrigkeit standen in enger Beziehung, insbesondere im preußischen Staatskirchensystem. Geistliche wirkten nicht nur als Seelsorger, sondern auch als moralische Instanz und gesellschaftliche Autorität. Der regelmäßige Gottesdienst, kirchliche Feste und Lebensstationen wie Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung strukturierten den Alltag vieler Einwohnerinnen und Einwohner.

Simultankirche
Seit 1655 war durch den Hagener Rezess das Simultanverhältnis für die bestehende St. Pankratius-Kirche festgelegt worden. Vereinfacht gesagt hatten die Konfessionen den bisherigen kirchlichen Besitz an Grund und Gebäuden in Gütersloh untereinander aufgeteilt und geregelt, wer zu welchen Bedingungen weitere Pflichten und Rechte, zum Beispiel an der nunmehr gemeinsam genutzten Kirche, in Anspruch nehmen konnte.
Auseinandersetzungen nach dieser konfessionellen Spaltung blieben trotz aller Regelungen bis ins 19. Jahrhundert nicht aus. So gab es 1724 einen tumultartigen Streit um den Ostertermin, weil dieses Fest zwischen dem in der evangelischen Herrschaft Rheda gebräuchlichen Kalender und dem im katholischen Fürstbistum Osnabrück genutzten um eine Woche verschoben war. Auch die Besetzung der evangelischen Pfarrstelle konnte bis 1780 durch das katholische Kollegiatstift in Wiedenbrück kontrolliert werden.
Ab 1780 beruhigte sich die Situation allmählich. Später wurde die Kirche von beiden Konfessionen gemeinsam umgestaltet. Dabei wurden die Figuren der Kreuzigungsgruppe in der Alten Kirche aufgestellt, die heute in der Dauerausstellung im Stadtmuseum betrachtet werden können. Sie wurden bei der erneuten Umgestaltung nach 1890, nun alleinig durch die evangelische Gemeinde, wieder entfernt.
Im 19. Jahrhundert führte nur noch die gemeinsame Nutzung der Kirche gelegentlich zu Störungen der Gottesdienste mit nachfolgenden Querelen. Diese schliefen zeitweise ein, als zwischen 1861 und 1879 die evangelische Gemeinde ausschließlich ihre Neue Kirche nutzte. Um ihnen künftig aus dem Weg zu gehen beschloss man nach langen, 1882 begonnenen und erst 1887 abgeschlossenen Verhandlungen die Auflösung des Simultaneums an Kirche und Kircheneigentum. Nur der gemeinsame Friedhof „Unter den Ulmen“ ist heute noch eine Folge des Simultaneums. Allerdings gibt es darüber einen eigenen Vertrag zwischen den beiden Kirchengemeinden.




Apostelkirche / Alte Kirche
Die alte „St. Pankratius-Kirche“ hatte seit 1655 beiden Konfessionen für Gottesdienste gedient, doch 1861 ergab sich mit dem Bau der Neuen Kirche für die evangelische Gemeinde die Chance, sie fast ausschließlich für die heimischen Katholiken zu nutzen. Nur noch zu Beerdigungen kamen 18 Jahre lang die Protestanten in ihre alte Kirche.
Die katholische Gemeinde hätte die Nutzungsrechte der Protestanten an der alten Kirche um 1860 kaufen und damit das Simultaneum beenden können. Doch Pfarrer Antonius Berens war der Meinung, dass seine Gemeinde zu arm sei, um die Kirche allein zu unterhalten.
Als die evangelische Gemeinde 1879 ihren Gottesdienst wieder rechtmäßig in der alten Kirche feierte, begann auch Berens umzudenken. Der Kirchenvorstand und die Gemeindevertretung als Organe der katholischen Kirchengemeinde beschlossen am 20. Dezember 1882 den Bau einer neuen katholischen Kirche. Dazu musste allerdings das Simultaneum am gemeinsamen Kirchenbesitz zunächst aufgelöst werden, um finanzielle Handlungsfreiheit zu gewinnen.
In einem Auflösungsvertrag von 1887 stimmte die evangelische Gemeinde der Auflösung des Simultaneums zu. Im Oktober 1890 wurde sie alleinige Besitzerin und Nutzerin der alten Kirche, aus der mit Ausnahme des Beichtstuhls, des Altarsepulchrums und des Armenstocks für die Katholiken kein Mobiliar entfernt wurde. 1893 gestaltete die evangelische Kirchengemeinde die nun „Alte Kirche” genannte ehemalige „St. Pankratius-Kirche” für die Erfordernisse des evangelischen Gottesdienstes um.

Neue Kirche / Martin Luther-Kirche
Die Neue Kirche entstand wegen des starken Anstiegs der Bevölkerung und der großen Beteiligung der Gemeinde an den Gottesdiensten um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Wirken der ravensbergischen Erweckungsbewegung mit dem zwischen 1827 und 1837 auch in Gütersloh tätigen Pfarrer Johann Heinrich Volkening hatte nachhaltig zu einer immer größeren Teilnahme an den Gottesdiensten geführt. Die Absicht eines Neubaus entstand aber auch wegen der wiederkehrenden Reibereien um die mit den Katholiken simultan genutzte „St. Pankratius-Kirche“.
Die Baukosten hatte die Gemeinde seit 1851 in Sammlungen, durch Vermietung der Kirchensitze, durch Kirchenabgaben und durch ein Legat des Kaufmanns Heinrich Barth (1791 - 1858) in dessen Testament zusammentragen. Der Bau der Kirche kosteten insgesamt 75.000 Taler.
Der Architekt Christian Heyden aus Barmen plante die Neue evangelische Kirche in Anlehnung an den gotischen Stil. Die klare neugotische Formensprache des zwischen 1857 und 1861 errichteten Gebäudes ließ den Baukörper zu den bemerkenswertesten Bauten der Neugotik in Westfalen werden.
Der Bauplatz für die neue Kirche lag an der Berliner Straße hinter zwei älteren Fachwerkhäusern, war aber von der Straße gut zu erreichen. Die beiden Vorderhäuser der Kirche blieben noch fast 100 Jahre erhalten.
Der erste Gottesdienst wurde 1861 in der „Neuen Kirche“ gefeiert. Um 1911 erhielt das Gebäude den Namen Auferstehungskirche. Im Herbst 1933 wurde die Kirche nach dem Reformator Martin Luther benannt, dessen 450. Geburtstag in jenem Jahr gefeiert wurde.








Die Martin Luther-Kirche wird auch in einem Beitrag des Audiowalks "Zeit:Punkte" behandelt! Hör doch mal hier rein.
Evangelische Pastoren
Die Rollen der evangelischen Pastoren in Gütersloh veränderten sich mit der Entwicklung des wirtschaftlich starken Dorfes mit seinem ländlichen Umfeld zu einer aufstrebenden Industriestadt. Die prägenden Pastoren waren die jeweils ersten Pastoren der Gemeinde. Christian Ludwig Schlüter (1769-1826) feierte 1819 sein 50-jähriges Amtsjubiläum in Gütersloh.
Johann Heinrich Volkening (1796-1877) wurde im März 1827 Pastor in Gütersloh. Er war in vielen seiner theologischen Auffassungen und Aussagen in Gütersloh umstritten. Zugleich trug er wesentlich dazu bei, dass Gütersloh in den Kreisen des evangelischen Deutschlands als „die Stadt auf dem Berge“ geachtet wurde. Was als Anspielung auf die führende Rolle Jerusalems positiv gemeint war, löste mit Blick auf das kleine Gütersloh allerdings den Spottnamen „Nazareth“ aus. 1838 ging Volkening nach Jöllenbeck, Bielefeld, ohne den Kontakt nach Gütersloh abzubrechen: Die Gründung des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums geht unter anderem auf sein Wirken zurück. 1838 folgte ihm Friedrich Greve (1802-1863), der aus Gütersloh stammte und zuvor seit 1827 die zweiter Pfarrerstelle innehatte.
Der junge Hermann Moritz Banning (1838-1843) war als Teil der Erweckungsbewegung unter anderem ein wichtiger Gesprächspartner Heinrich Barths, der schließlich mit seinem Testament viele Aktivitäten der evangelischen Gemeinde förderte. Banning wurde nach fünf Jahren in Gütersloh nach Unterbarmen berufen. Sein Nachfolger August Florenz Müller verfasste in seiner Gütersloher Zeit von 1843 bis 1859 unter anderem Notizen zur Gütersloher Kirchengeschichte.
Otto Greve setzte in seinen Amtsjahren von 1862 bis 1901 die Tätigkeit seines Vaters und Vorgängers Friedrich im Sinne der Erweckung fort. Der 1860 aus Barmen gekommene und 1883 hier verstorbene Otto Meyer folgte der seit 1884 bis 1912 tätige Paul Siebold aus Schildesche. Siebold war verwandtschaftlich mit Bürgermeister Emil Mangelsdorf verbunden und förderte insbesondere die bauliche Entwicklung der gemeindlichen Einrichtungen, beispielsweise des Vereinshauses und des Konfirmandensaales. Ab 1910 war er zusätzlich Superintendent in Bielefeld.
1883 bereits war eine zusätzliche dritte Pfarrstelle eingerichtet worden. 1908 kam eine vierte Pfarrstelle hinzu. Karl Meinshausen, von 1883 bis 1925 im Gemeindedienst, und Emil Seippel, von 1902 bis 1912 in Gütersloh, waren mit ihren speziellen Fähigkeiten in der Blaukreuzarbeit beziehungsweise als Prediger vor dem Ersten Weltkrieg aktiv.

Kirchliche Einrichtungen
Seit 1882 bestand das Evangelische Vereinshaus an der Moltkestraße. Es sollte der männlichen Jugend als Begegnungsstätte dienen. Initiator Pastor Max Huyssen hatte unter anderem 1874 den Jünglingsverein (heute CVJM) gegründet. 1883 folgte ein Verein für die weibliche Jugend. Mittelpunkt der Vereinsarbeit beider Gruppen war das Fortbildungs- und Unterhaltungsinteresse ihrer Mitglieder, die zugleich in das Gemeindeleben eingebunden werden sollten.
Im gleichen Gebäude bot die Herberge zur Heimat als christliches Herberge den Handwerksgesellen auf Wanderschaft eine Unterkunft. Das Verbot von Kartenspiel und Alkohol und die täglichen Andachten gehörten zu den Eigenheiten dieser sozialdiakonischen Einrichtung, in der auch Obdachlose Quartier fanden.
Das Evangelische Vereinshaus wurde bereits 1899 wesentlich erweitert. Andere Erweiterungen und Umbauten dienten danach den wechselnden Zwecken des Komplexes. Die Räumlichkeiten dienen seit 1920 der gesamten Kirchengemeinde und werden heute nach zwischenzeitlicher Nutzung als Hotel Ravensberger Hof vom Kirchenkreis als Verwaltungssitz genutzt.
1882 öffnete neben dem Evangelischen Vereinshaus auch der erste Gütersloher Kindergarten unter dem Namen "Kleinkinderschule" an der Moltkestraße. Er entstand aus den Zinsen einer Stiftung in Heinrich Barths Testament von 1858 sowie den Spendensammlungen von Frauen aus der evangelischen Gemeinde und des Vaterländischen Frauenvereins. Zunächst wurden 71 Kinder dort unterrichtet, doch die Zahl wuchs rasch an.
1891 wurde die zweite Kinderschule provisorisch im Evangelischen Vereinshaus eröffnet. Sie fand 1892 Platz in einem Neubau an der Friedrichstraße, wo die Zahl der zunächst betreuten 56 Kinder in kürzester Zeit auf über 200 anstieg.
1903 errichtete Ferdinand Bartels einen eigenen Kindergarten an der Grünen Straße. Die Gründung der vierten Kinderschule im Gütersloher Industrieviertel resultierte unmittelbar aus der Tatsache, dass während des Ersten Weltkrieges immer mehr Frauen die zum Militär eingezogenen Männer in der Produktion ersetzten. Zur Betreuung der Kinder entstand er 1916 zunächst im Speisesaal der Weberei Wilhelm Bartels. 1923 bezog der Kindergarten einen Neubau an der Oststraße.
Die 1849 von Friederike Barth gestiftete Handarbeitsschule diente zunächst der Förderung armer Mädchen in hauswirtschaftlicher Hinsicht. Sie sollten vor allem die Techniken zur Pflege und Instandhaltung ihrer Kleidung lernen. Ende des 19. Jahrhunderts sollten dann ältere Mädchen in einem Internat gründlicher in hauswirtschaftlichen Fertigkeiten ausgebildet werden. 1908 errichtet die Gemeinde deshalb ein Gebäude an der Hohenzollernstraße, das neben der Handarbeitsschule vor allem als Schwesternheim für die wachsende Zahl von Gemeindeschwestern diente.




Kirchliche Vereine und Mission
Das Leben der evangelischen Vereine scheint sich nach dem derzeitigen Forschungsstand in zwei Phasen teilen zu lassen. In einer ersten Phase bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die erweckungsbewegten Versammlungen und Konventikel in den Häusern der Gemeindemitglieder Vorläufer des späteren Vereinslebens. Der Missionshilfsverein von 1829 und der Missionsnähverein gehörten zu dieser Form der Erweckungsbewegung. Unter Mission verstand man seinerzeit die Gewinnung der Nachbarn und Zeitgenossen für die Erweckung, etwa mit Hilfe von Missionsfesten. Erst nach 1870 wandelte sich der Begriff zur Beschreibung der Tätigkeit christlicher Missionare in nichtchristlichen Ländern – für deren Söhne die Gütersloher Gemeinde das Johanneum als Heim während des Besuchs des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums unterstützte.
Lebensprägender evangelischer Verein für viele Männer war der Enthaltsamkeitsverein, der am 14. November 1845 gegründet wurde und schnell über 600 Mitglieder zählte. Der Verein stellte aber schon in den 1850er Jahren seine Tätigkeit weitgehend ein.
Im Sinne der evangelischen Jugendarbeit war vor allem die Gründung des Jünglingsvereins 1874 von Bedeutung. Zusammen mit dem 1883 für die weibliche Jugend gegründeten Verein waren die Jugendarbeit unter der Leitung von Pastor Max Huyssen zu einer Unterhaltung, Fortbildung und Frömmigkeit miteinander verbindenden Organisation mit dem 1882 eröffneten Evangelischen Vereinshaus als zentralem Treffpunkt geworden. Die Zahl der Mitglieder stieg ebenso rasch an wie die unterschiedlichen Gruppen vom Basteln bis zum Sport in immer neuen Formen der Arbeit unter der Leitung bewährter Jugendlicher. Der heutige CVJM Gütersloh ist aus diesen Anfängen hervorgegangen.
1876 war ein eigener Posaunenchor aus der Jünglingsarbeit hervorgegangen, der ebenso das Gemeindeleben musikalisch bereicherte wie die Kirchenchöre. 1896 entstand mit dem Blauen Kreuz unter der Leitung von Pastor Meinshausen wieder eine Gruppe, die gegen die Schäden durch Alkoholkonsum engagiert war.

Die Unterlagen des CVJM können im Stadtarchiv zu den Öffnungszeiten des Lesesaals gebührenfrei eingesehen werden. Hier geht es zur Übersicht.
Friedhof
Der alte Friedhof am Kirchplatz war bereits um 1810 vollständig belegt. Zunächst beschloss man daher, die Verstorbenen der Reihe nach in jeweils frei werdenden Grüften beizusetzen. Dieses Verfahren erwies sich jedoch als unpraktikabel. In der Folge sollten nur noch Angehörige von Familien mit Erbbegräbnissen auf dem Kirchhof bestattet werden; alle übrigen Toten wollte man auf einem sogenannten „neuen Gottesacker“ der Reihe nach beisetzen. Dieser befand sich vermutlich neben der katholischen Schule an der Dalkestraße.
Im Jahr 1826 fasste der Gemeinderat schließlich den Beschluss, den Friedhof auf ein Grundstück des Colons Westmöller an der Chaussee nach Wiedenbrück zu verlegen. Die Umsetzung dieses Vorhabens verzögerte sich jedoch bis 1831, obwohl das Gelände bereits 1829 vermessen worden war. Die Verlegung von Friedhöfen war zu dieser Zeit in vielen Gemeinden erforderlich geworden. Entgegen der kirchlichen Tradition, Gräber unmittelbar an der Kirche anzulegen, machten das Bevölkerungswachstum und hygienische Erfordernisse – insbesondere zur Vermeidung von Trinkwasserverunreinigungen – neue Standorte notwendig. Zudem schrieb das Allgemeine Preußische Landrecht seit 1794 die Anlage neuer Friedhöfe außerhalb der Ortschaften vor. Der Friedhof „Unter den Ulmen“ auf dem ehemals Westmöllerschen Grundstück zählt zu den ersten baulichen Anlagen, die außerhalb der damals noch nicht exakt festgelegten Stadtgrenzen entstanden.
Wie bereits der frühere Kirchhof wurde auch dieser Friedhof als gemeinsamer Begräbnisplatz für Katholiken und Protestanten genutzt. Hierzu wurde ein neuer Vertrag geschlossen, der auch nach der Auflösung des Simultaneums Bestand hatte. Aus diesem Grund ist der Friedhof bis heute ein Simultanfriedhof, obwohl er von der evangelischen Kirchengemeinde verwaltet wird.

Die historischen Unterlagen der evangelischen Kirchengemeinde werden heute durch das Landeskirchliche Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld-Bethel verwaltet. Weitere Informationen hier.