Katholische Gemeinde
Die katholische Gemeinde nahm in der Geschichte Güterslohs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein. In einer überwiegend evangelisch geprägten Stadt bildeten die Katholiken zunächst eine konfessionelle Minderheit. Mit dem Bevölkerungswachstum, Eingemeindungen, der Industrialisierung und der Zuwanderung von Arbeitskräften – insbesondere aus katholisch geprägten Regionen – wuchs die Gemeinde jedoch kontinuierlich und entwickelte sich zu einem wichtigen Bestandteil des religiösen und gesellschaftlichen Lebens in Gütersloh.
Bevor die heutige St. Pankratius-Kirche eingeweiht wurde, diente die Alte Kirche (heute Apostelkirche) seit dem Hagener Rezess 1655 Katholiken und Protestanten im so genannten „Simultaneum“ gemeinsam als Gotteshaus. Mit der Einweihung der neuen St. Pankratius-Kirche erhielt die katholische Gemeinde von Gütersloh ihr erstes eigenes Sakralgebäude.
St. Pankratius
Die Zahl der Katholiken in Gütersloh und den umliegenden Bauerschaften stieg wie die Gesamtzahl der Menschen in der Region stetig an. Das entsprach der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung, lag aber auch am Zuzug von Arbeitskräften für die allmählich entstehende Industrie und für die Eisenbahn. Nach 1861 hatte die katholische Gemeinde die "Alte Kirche" (heute Apostelkirche) 18 Jahre lang trotz des juristisch bestehenden Simultanverhältnisses mit der evangelischen Gemeinde allein weiter nutzen können, weil die evangelische Gemeinde die alte Simultankirche nach dem Bau ihrer neuen Kirche nur zu Beerdigungsgottesdiensten nutzten. Seit 1879 aber reichte die Kirche nicht mehr aus, denn die Katholiken organisierten auch in Gütersloh nun überall ein aktives, anziehendes Gemeindeleben. Man sprach in einem Schreiben an das Generalvikariat sogar davon, dass die Gemeinde angesichts der Zustände in der alten Kirche „geistige Verödung“ erleide.
Nachdem am 17. November 1887 das Simultanverhältnis an Kirche und Grundbesitz aufgehoben worden war, entschied man sich 1888 für den Bauplatz auf dem Land des Colons Westmöller zwischen dem neuen Friedhof und der Dalke an der Chaussee nach Wiedenbrück. Der Bauplatz lag in der Bauerschaft Kattenstroth, außerhalb des Stadtkerns.
Die Baukosten wurden durch Kirchenabgaben und Spenden erbracht. Pfarrer Laurentius Becker wandte sich mit einem Spendenaufruf auch an die Katholiken außerhalb Güterslohs: „Helft uns beim Bau einer Kirche im evangelischen Rom” hieß es unter Anspielung auf die Erweckungsbewegung, das evangelische Gymnasium, den Carl-Bertelsmann-Verlag und die Mehrheit der protestantischen Bevölkerung in diesem Aufruf. Diözesan-Baumeister Arnold Güldenpfennig plante den Neubau dieser neuromanischen Kirche, den der Soester Maurermeister C. Plassman ausführte. Am 15. Oktober 1890 wurde sie vom Paderborner Weihbischof Dr. Augustinus Gockel geweiht. Die Gütersloher Zeitung berichtete: „Die nunmehr geweihte Kirche erhielt den Namen 'St. Pankratius-Kirche', also den Namen, den die Simultankirche bis dahin getragen hatte”. Die Kirche an der heutigen Straße „Unter den Ulmen” wurde zur Heimat und zum Kristallisationspunkt des Gemeindelebens einer Kirchengemeinde, die bis zum Zweiten Weltkrieg noch fast das ganze Gebiet des historischen Kirchspiels umfasste. Nur Avenwedde war 1835 ausgepfarrt worden. Erst durch die Kirchenbauten in Kattenstroth, Spexard und im Miele-Viertel wurde sie in den 1950er Jahren zur Mutterpfarrei für nahezu alle Gütersloher Gemeinden mit Ausnahme der in Isselhorst, Avenwedde und Friedrichsdorf.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche zum Teil beschädigt.




Die St. Pankratius-Kirche wird auch in einem Beitrag des Audiowalks "Zeit:Punkte" behandelt! Hör doch mal hier rein.
Katholische Pastoren
Die katholischen Pastoren wohnten bis 1894 im Pfarrhaus am Domhof, einer kleinen Nebenstraße der Kirchstraße, also in unmittelbarer Nähe der alten St. Pankratius-Kirche. Zu den profiliertesten Pfarrer-Persönlichkeiten der katholischen Gemeinde gehörte Johann Anton Meybüscher, der von 1890 bis 1823 Pfarrer in Gütersloh war. Sein Verhältnis zur evangelischen Gemeinde und Geistlichkeit scheint entgegen aller Erwartung entspannt und kollegial gewesen zu sein.
Mit Pastor Martin Nagel, von 1823 bis 1849 in Gütersloh, und seinem kurzzeitigen Nachfolger W. Diekmann, von 1849 bis 1853, verbinden sich keine außergewöhnlichen Ereignisse im Gemeindeleben. Deren Wahrnehmung in Gütersloh fällt wegen der Entwicklungen um die evangelische Erweckungsbewegung und ihre Protagonisten Volkening und Bertelsmann allerdings wohl gering aus.
Pfarrer Anton Berens, der von 1853 bis 1887 in Gütersloh tätig war, wirkte unter anderem an den Auflösungsverhandlungen für das seit 1655 bestehende Simultaneum mit, um danach einen Kirchenneubau einzuleiten. Er hatte als erster katholischer Pfarrer die weitgehende Freiheit der Nutzung einer „eigenen“ Kirche erlebt, als die neue evangelische Kirche fertiggestellt worden war und die üblichen Probleme der gemeinsamen Kirchennutzung 1861 entfielen.
Pastor Laurentius Becker (1843-1904) war vom 16. August 1887 bis zu seinem Tod am 6. April 1904 in Gütersloh tätig. Er bat Mitbrüder und Katholiken außerhalb Güterslohs um Mithilfe für den Bau einer katholischen Kirche „im evangelischen Rom“ und warb so eine ansehnliche Spendensumme für den Bau der 1890 eröffneten neuen Kirche ein. Außerdem begründete er in seinem ehemaligen Pfarrhaus mit einer Stiftung seiner früheren Haushälterin als finanzielle Grundausstattung das katholische Krankenhaus, das durch weitere Ausbauten rasch zum angesehenen St. Elisabeth-Hospital ausgebaut wurde.
Das Wohnhaus der Pfarrer war 1893 direkt an der neuen Kirche „Unter den Ulmen“ errichtet worden. Nachfolger Heinrich Wallmeyer wirkte von 1904 bis 1911 in Gütersloh. In dieser Zeit beeinflusste er den Bau der Krankenhauskapelle und gründete mit Gemeindemitgliedern den St.-Josefs-Arbeiterverein, die Jungfrauenkongregation und die Kleinkinderschule (Kindergarten).
Nur von 1912 bis 1915 wirkte Domkapitular Johannes Gabriel als Pfarrer in Gütersloh, bevor Pfarrer Kaspar Strunz (1868-1942) mitten im Ersten Weltkrieg sein Nachfolger wurde. Strunz entwickelte die Struktur und das Vereinswesen der katholischen Gemeinde weiter, unter anderem im Katholischen Vereinshaus, das Carl Miele 1921 stiftete.




Kirchliche Einrichtungen
Kirchliche Einrichtungen entwickelte die katholische Kirche in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch außerhalb der Städte. Dadurch modernisierte sie die Kirchenstruktur und mobilisierte auch die Gläubigen zu mehr und bewussterem Einsatz für ihre katholische Kirche.
Im mehrheitlich evangelischen Gütersloh hatte die katholische Gemeinde, deren Mitglieder meist in den Bauerschaften Kattenstroth und Spexard lebten, zusätzliche Probleme mit dem noch bestehenden Simultaneum. Dies schränkte die Verfügungsgewalt der Laien und Pfarrer über Kirchenbesitz wesentlich ein: Erst nach der 1887 beschlossenen Auflösung mit der Fertigstellung der neuen Kirche 1890 gewannen Pfarrer, Kirchenvorstand und Gemeindevertretung ihre eigene Handlungsfreiheit.
So konnte Pfarrer Laurentius Becker 1894 im ehemaligen Pfarrhaus am Domhof das St. Elisabeth-Hospital als katholisches Krankenhaus eröffnen. Es wurde innerhalb weniger Jahrzehnte kräftig ausgebaut und prägte, besonders mit den Neubauten nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht nur die kleine Straße am „Domhof“, sondern auch die Dalkestraße. Dort entstand schon 1908 die aufwendige Krankenhaus-Kapelle.
Pastor Hermann Wallmeyer soll zwischen 1907 und 1911 unter anderem auch einen Kindergarten gegründet haben. Darüber hinaus gab es 1911 zeitweise eine katholische Privat-Töchterschule mit der Lehrerin Witwe Antonie Borkowski.

Kirchliche Vereine
Einer der ersten katholische Vereine in Gütersloh war die „Katholische Kapelle“. Sie wurde 1890 vom Pfarrer Laurentius Becker gegründet, um Messfeiern, Prozessionen und sonstige kirchliche Veranstaltungen mit Musik zu verschönern. Während die Kapelle vorwiegend Blasmusik ertönen ließ, pflegte der 1911 ins Leben tretende Kirchenchor unter der Leitung des katholischen Rektors August Schätzlein den Gesang. Der Chor entstand aus der Gesangsabteilung des damaligen Katholischen Bürgervereins als „Cäcilienchor St. Pankratius“.
Der Katholische Bürgerverein umfasste in erster Linie die Kaufleute und Bildungsbürger aus dem Stadtgebiet. Vorsitzender war Dr. Hermann Schlüter, der Kreisarzt des Kreises Wiedenbrück. Für die Arbeiter bestand auf Initiative von Pastor Wallmeyer seit 1907 der St. Josef-Arbeiterverein, für die Handwerker gab es den Katholischen Gesellenverein.
Nachdem die Sodalität der Jünglinge und Männer die männlichen Jugendlichen nach dem Besuch der Schule weiterhin für ein Leben in der katholischen Gemeinschaft zu gewinnen suchte, übernahm dies wohl um 1910 die Jungfrauen-Congregation für die heranwachsenden Mädchen und Frauen. Der Rollenzuschreibung der Zeit und der Kirche gemäß wurden die Frauen seit Anfang des 20. Jahrhunderts im „St. Elisabeth-Frauenverein“ organisiert. Dieser widmete sich der „Wohlfahrt und Wohltätigkeit“ und ist als Vorläufer der ehrenamtlichen Caritas von entscheidender Bedeutung für das ehrenamtliche soziale Wirken der katholischen Kirche. Der „Verein vom heiligen Borromäus. Verein zur Verbreitung nützlicher Bücher“ versuchte 1903 durch die Bereithaltung katholisch geprägter Bücher das konfessionelle Bewusstsein zu stärken und übernahm dabei auch Bibliotheksaufgaben in der Gemeinde.

Friedhof
Die gemeinsame Nutzung der Alten Kirche, wie sie durch das Simultaneum vertraglich geregelt war, erstreckte sich auch auf den Kirchhof, der in vormoderner Zeit traditionell als Begräbnisstätte diente. Obwohl das Simultaneum 1877 endete und die Katholiken mit der St. Pankratius-Kirche erstmals ein eigenes Gotteshaus erhielten, wurden und werden auf dem neuen Friedhof Unter den Ulmen bis heute Katholiken und Protestanten gemeinsam zur letzten Ruhe gebettet.

Schon gewusst? Eine Übersicht der Flurkreuze, Bildstöcke, Heiligenhäuschen und historische Grenzsteine im Kreis Gütersloh gibt es hier anzusehen.