Diakonisches Werk
Die diakonischen Hilfen entwickelten sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einem zentralen Bestandteil des sozialen Lebens in Gütersloh. Sie gingen aus dem evangelischen Verständnis christlicher Nächstenliebe hervor und zielten darauf ab, Notlagen nicht nur zu lindern, sondern Hilfsbedürftige dauerhaft zu begleiten und zu unterstützen. Damit unterschieden sich diakonische Angebote zunehmend von der kommunalen Armenpflege, die stärker verwaltungsmäßig organisiert war. Eng verknüpft ist dieses Wirken natürlich auch mit der evangelischen Gemeinde in Gütersloh.
Christliche Armenpflege
Die Strukturkrise der Textilherstellung, die nach der Einführung der Spinnmaschinen die bisherige Handspinnerei überflüssig machte, führte seit etwa 1820 zu zunehmender Not und Verarmung von vor allem der Landbevölkerung. Aber auch in der Stadt Gütersloh wuchs die soziale Not in den 1840er Jahren wegen der nicht vorhandenen Arbeitsplätze für eine wachsende Anzahl von Menschen und der Ernährungsprobleme in vielen Teilen Deutschlands. Die bisherige kommunale Armenpflege konnte das Problem nicht mehr lösen.
Statt nun eine Armensteuer einzuführen, unternahmen die Stadt und die evangelische Gemeinde den Versuch einer christlichen Armenpflege. Deren Ziel war es, die von Armut betroffenen Menschen durch direkte Betreuung zu unterstützen und zu sinnvollem Tun anzuregen. Die Betreuung sollte aus Gründen der christlichen Nächstenliebe nach den jeweiligen Möglichkeiten der Gemeindemitglieder erfolgen. Etwa sechs betreuten dabei jeweils eine arme Familie und sorgten entweder für Geldunterstützung, für die Betreuung bei Schulaufgaben, für Kleidung, Wohnung und Sauberkeit oder die religiöse Unterstützung.
Organisiert wurde dieses von Carl Bertelsmann, Bürgermeister Rüter und Pastor Greve geförderte Projekt seit 1851 vom jeweiligen Pastor der Gemeinde und dem Presbyterium. Die Hoffnungen auf ein verbessertes und langfristiges Engagement der Gemeindemitglieder erfüllten sich trotz erster Erfolge nicht.
Der Gründer der Inneren Mission (heute Diakonisches Werk), der Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern war bereits 1849 auf die Armenpflege in Gütersloh aufmerksam gemacht worden und informierte darüber in einem Artikel in seinen „Fliegenden Blättern“ und auf dem Kirchentag in Wittenberg im Jahre 1849. Zwischen 1856 und 1857 besuchte Wichern drei Mal das Evangelisch Stiftische Gymnasium.
Stifter Kaufmann Heinrich Barth (1791 - 1858)
Heinrich Barth vermachte in seinem Testament von 1857 der evangelischen Gemeinde und der Stadt Gütersloh unterschiedlich hohe Geldbeträge, die zur Finanzierung der wichtigsten öffentlichen Bauten in Gütersloh beitrugen. Barth und seine Frau Friedrike Louise förderten aber schon seit etwa 1835 die Aus- und Weiterbildung der örtlichen Spinnerinnen und Spinner in einer eigenen Spinnschule oder ab etwa 1840 die Rettung verwahrloster Kinder in einem speziell dafür gegründeten Gütersloher Verein.
Heinrich Barth war 1791 in Gütersloh geboren worden und handelte als Kaufmann vor allem mit Garn. 1827 war er zweiter Beigeordneter, seit 1831 bis 1840 erster Beigeordneter seiner Heimatstadt. Von 1848 bis 1850 gehörte Heinrich Barth der Stadtverordnetenversammlung an.
Zu diesem späten Zeitpunkt hatte er sich der konservativen Gruppe am Ort angeschlossen. In den Jahrzehnten zuvor war Barth Teil der leistungsbereiten, gewinnorientierten liberalen Gruppe in Gütersloh gewesen. Barth hatte nur örtliche Schulen besucht und sich Umgangsformen, Fremdsprachenkenntnisse und Allgemeinbildung des Bürgertums selbst angeeignet. Der Gütersloher Rektor Ernst Buschmann bescheinigte Heinrich Barth „Liebe zu intellektueller Bildung“.
Friederike Louise Barth war 1809 in Gütersloh als Tochter des Kaufmanns in Fellen, Häuten und Fleischwaren Jacob Friedrich Puwelle geboren worden. 1832 heiratete sie Heinrich Barth. Sie war unter anderem im 1828 gegründeten Frauenverein in der Armenpflege aktiv und leitete von 1836 bis zu ihrem Tod 1849 die Näh- und Strickschule für Kinder armer Leute. Der Chronist Ernst Buschmann beschreibt sie als "eine treue Jüngerin unseres Herrn, eine warme Patriotin und eine heimische Wohltäterin der Armen".
Heinrich Barth starb 1858. In seinem Testament bedachte er unter anderem die Evangelische Kirchengemeinde mit Mitteln für den Bau der neuen evangelischen Kirche und die Errichtung des Evangelischen Krankenhauses sowie die Stadt mit einem Kapitalgrundstock für das Gütersloher Rathaus von 1864.


Evangelischer Frauenverein
Seit 1840 gab es den evangelischen Frauenverein. In ihm wirkten christlich gesinnte und begüterte Frauen diakonisch und seelsorgerisch für die Armen, Alten und Kranken in der Stadt. Sie versorgten jeweils zu zweit die Armen mit Wäsche und Betten, kochten für sie und unterstützten sie mit Geld. Die Arbeit dieser ehrenamtlichen Gemeindeschwestern sollte 1849 die gesamte Gemeinde übernehmen, doch das Modell scheiterte. 1868 wurde eine öffentliche Armenpflege eingeführt. Die diakonische Arbeit übernahm 1872 eine evangelische Gemeindeschwester, die der Frauenverein für die Stadt nun unterstützte. Der evangelische Frauenverein für die Landgemeinde wirkte bis 1896 ausschließlich ehrenamtlich. 1897 rief Kaiserin Auguste Viktoria die Evangelische Frauenhilfe ins Leben, der sich der Frauenverein 1910 endgültig anschloss.
Kleinkinderschulen (Kindergärten)
1858 vermachte Heinrich Barth der evangelischen Gemeinde Gütersloh unter anderem das Startkapital für die Errichtung einer „Kleinkinderbewahranstalt für Kinder armer evangelischer Eltern“. Ziel der Stiftung war die sinnvolle Beschäftigung der noch nicht schulpflichtigen Kinder in den Tagesstunden, in denen die Eltern in Handel, Landwirtschaft und Betrieben arbeiten mussten. Verwendet werden sollten für die Kleinkinderbewahranstalt aber nur die Zinsen aus diesem Kapital von Heinrich Barth – und die reichten zunächst für die Verwirklichung des Vorhabens nicht aus.
Mit Unterstützung durch den Vaterländischen Frauenverein und ein Geschenk des Verlegers Heinrich Bertelsmann begann man 1879 mit der Verwirklichung. Am 17. Januar 1882 wurde die erste Einrichtung dieser Art in der Moltkestraße eröffnet. Der Bedarf in der Stadt war so groß, dass die evangelische Gemeinde schon wenige Jahre später in Zusammenarbeit mit Gütersloher Industriellen weitere Kleinkinderschulen errichtete. 1891 nahm die später zur Friedrichstraße ziehende zweite Einrichtung ihren Betrieb auf, 1903 wurde an der Grünen Straße eine weitere eröffnet. Trotz des nachgewiesenen Bedarfs war eine vierte Einrichtung im Osten der Stadt vor dem Krieg nicht mehr zu verwirklichen. Als die Frauen im Ersten Weltkrieg immer mehr Arbeiten von Männern in der Industrie übernahmen, wurde am 3. Januar 1916 im Speisesaal der Weberei Wilhelm Bartels provisorisch ein weiterer Kindergarten eröffnet. 1923 erhielt er eigene Räume an der Oststraße.
