Gas und Elektrizität
Die Versorgung mit Gas und Elektrizität war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein zentraler Bestandteil der Modernisierung Güterslohs. Sie veränderte nicht nur den Alltag der Bevölkerung, sondern legte auch den Grundstein für die städtische Infrastruktur, die später in den heutigen Stadtwerken gebündelt wurde.
Die technischen Neuerungen verbanden sich eng mit wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen. Gas und Strom ermöglichten verlängerte Arbeitszeiten, verbesserten Wohnkomfort und öffneten neue Möglichkeiten für Handwerk, Handel und Industrie. Gleichzeitig wurden Wartung, Regulierung und Ausbau der Netze zu wichtigen kommunalen Aufgaben, zum Beispiel auch des Wasserwerks und der Kanalisation. Die frühen Versorgungsbetriebe der Stadt legten somit den Grundstein für das heute zentrale Angebot der Stadtwerke Gütersloh.
Gaswerk
Seit dem Jahr 1862 diente das städtische Gaswerk in Gütersloh der Erzeugung von Gas als zentraler Energiequelle für Licht- und Kraftnutzung. Diese neue Form der Energieversorgung war eine wesentliche Voraussetzung für das Wachstum des städtischen Lebensgefühls. Die Gasbeleuchtung ermöglichte erstmals eine verlässliche Ausleuchtung der Straßen und verbesserte zugleich die Arbeitsbedingungen in Betrieben, da gleichmäßig verfügbares Licht zu einer höheren und konstanteren Produktqualität beitrug. Über mehrere Jahrzehnte hinweg hatte das Gaslicht eine herausragende Bedeutung, ehe elektrisches Licht aus Glühlampen erst ab etwa 1895 zunehmend wirksam eingesetzt werden konnte.
Auch für den städtischen Haushalt spielte das Gaswerk eine wichtige Rolle. Trotz vergleichsweise niedriger Gaspreise erwirtschaftete der Verkauf des Gases nennenswerte Erlöse, die von der Stadt gezielt für weitere Investitionen in die städtische Infrastruktur genutzt wurden. Die Finanzierung des Gaswerks durch die Aufnahme eines Kredits machte den Stadtverordneten zugleich deutlich, dass ein eigenes Kreditinstitut vor Ort die Umsetzung zukünftiger Projekte erleichtern und für die Stadt wirtschaftlich vorteilhaft sein könnte. In diesem Zusammenhang entstand 1863 die Städtische Sparkasse Gütersloh.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Gas in vielen Städten eine vielseitig genutzte Energieform. Es wurde in Gasherden zum Kochen in privaten Haushalten eingesetzt, in Gasmotoren zum Antrieb von Maschinen genutzt und in Gaslampen verbrannt, um Straßen, Gebäude und Arbeitsstätten zu beleuchten. Erzeugt wurde das Gas in speziellen Gaswerken durch die Verarbeitung von Kohleprodukten. Voraussetzung für den Bau einer solchen Anlage war daher die zuverlässige Anlieferung von Kohle. Für Gütersloh wurde dies mit dem Bau der Eisenbahn im Jahr 1847 möglich. Der damalige Bürgermeister Louis von Schell brachte zudem praktische Erfahrungen aus Unna mit, sowohl im Betrieb von Gaswerken als auch in der Finanzierung der Anlagen und des erforderlichen Rohrnetzes.
Das städtische Gaswerk wurde schließlich 1862 an der Herzebrocker Straße, am äußersten westlichen Rand der damaligen Stadt Gütersloh, errichtet. Die Bauzeit war vergleichsweise kurz: Vom Errichtungsbeschluss bis zur Inbetriebnahme vergingen knapp sieben Monate. Am 11. November 1862 konnte erstmals die Straßenbeleuchtung mit Gas aufgenommen werden, zugleich begann die Versorgung von Häusern und Betrieben. Der größte Abnehmer war zunächst der Bahnhof Gütersloh, dessen Gebäude und Bahnsteige nun in hellem Gaslicht erstrahlten.
Die personelle Ausstattung des Gaswerks wuchs mit dem Betrieb. Im Jahr 1907 bestand das Personal aus einem Gasmeister, vier Ofenarbeitern, die sich jeweils zu zweit in Tag- und Nachtschichten abwechselten, einem Vorarbeiter, einem Installateur, der zugleich als zweiter Gasmeister tätig war, einem Schlosser sowie zwei Platzarbeitern beziehungsweise Laternenwärtern. Diese Angaben stammen aus dem Städtischen Verwaltungsbericht von 1907.
Der Bau des Gaswerks hatte schließlich eine weitere, langfristig bedeutsame Folge. Zwar war die Errichtung der Anlage zunächst durch einen Kredit der Städtischen Sparkasse in Unna finanziert worden, doch entwickelte sich in den Jahren 1862 und 1863 bei den Stadtverordneten das Interesse an einer eigenen Sparkasse. Diese sollte sowohl der Finanzierung öffentlicher und privater Investitionen dienen als auch durch Zinserträge eine zusätzliche Einnahmequelle für die Stadt darstellen. Auf diese Weise entstand 1863 die heutige Sparkasse Gütersloh als neue städtische Einrichtung.

Straßenbeleuchtung mit Gas
In Gütersloh begann das Zeitalter der Straßenbeleuchtung am 11. November 1862 mit der Herstellung des ersten Gases aus dem neuen städtischen Gaswerk. Etwa 50 Gaslaternen waren geplant worden, doch 1864 waren erst 36 an den insgesamt sechs Straßen der Stadt aufgestellt. Langsam steigerte sich die Zahl auf 53 im Jahr 1875 und schließlich 178 im Jahr 1908. Von ihnen leuchteten 33 die ganze Nacht hindurch. Die Lampen wurden bis etwa 1900 von den beiden Gütersloher Nachtwächtern gezündet und gelöscht. Danach übernahmen zwei städtische Arbeiter diese Aufgabe.
Zeitweise wurde aus Kostengründen der Weg aus der Stadt hinter dem Evangelischen Krankenhaus in der Bauerschaft Nordhorn mit einer und das Ende der Brockhäger Chaussee mit drei Petroleumlampen erleuchtet: Der Bau einer Gasleitung war der Stadt noch zu teuer. Erst die Ansiedlung weiterer Kunden wie die Seidenweberei Gebrüder Bartels nahe des Krankenhauses und die Weberei Niemöller & Lütgert an der Brockhäger Chaussee machte den Leitungsbau durch die von ihnen genutzten Gasmengen rentabel.

Elektrische Beleuchtung von Straßen und Wohnhäusern
Die private Straßenbeleuchtung mit elektrischem Strom wurde vom Ingenieur Conrad Theodor Müller 1899 an der heutigen Carl-Bertelsmann-Straße geplant. Drei Laternen sah Müller dafür vor, die vermutlich aus einem Industriebetrieb mit Dampfmaschine ihre Energie beziehen sollten. Ob diese Anlage wirklich ihren Betrieb aufnahm lässt sich nicht mehr feststellen.
Sicher ist die Verwirklichung der im November 1903 geplanten "Elektrizitätszentrale" von Conrad Theodor Müller an Avenstroths Mühle, die durch Wasserkraft elektrischen Strom erzeugte. Bis zu 36 Villen mit über 700 Glühlampen und acht Motoren wurden damit um 1910 betrieben. Möglicherweise war unter den vielen Nutzern im Bereich des heutigen Stadtparks auch jemand, der seine Glühlampen auch an der Straße leuchten ließ.
Industriebeleuchtung
Die Gütersloher Betriebe schlossen bereits in den Jahren nach 1890 vielfach Generatoren an ihre Dampfmaschinen an, die elektrischen Strom zur Beleuchtung der Fabrikhallen und der Büros lieferten. Neben den Textilbetrieben waren auch die Brennereien Gottlieb Niemöller, Stahl und H.C. König auf diese Art der Stromerzeugung übergegangen.
Diese industrielle Stromerzeugung ermöglichte es zum Beispiel bereits um 1910, im Evangelischen Krankenhaus an der Berliner Straße ein Röntgengerät aufzustellen und einzusetzen. Gütersloh hatte zu dieser Zeit noch kein eigenes Stromnetz und bekam noch keinen elektrischen Strom geliefert – diese Lieferungen der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) begannen erst 1914.
Den Strom zum Betrieb des Röntgengerätes lieferte die Seidenweberei Bartels, die dem Krankenhaus gegenüber ihren Betrieb unterhielt.

Elektrizitätswerk
Das "Elektrizitätswerk Westfalen AG" (heute RWE) übernahm nach Verhandlungen mit einer Kommission der Stadt durch einen Vertrag von 1912 die Aufgabe, die Stadt Gütersloh mit Strom aus eigener Produktion zu versorgen. Das Unternehmen verpflichtete sich dazu, die Zuleitungen nach Gütersloh auf eigene Kosten herzustellen und verkaufte den Strom an die Stadt Gütersloh. Diese wollte vor Ort mit einem eigenen Stromverteilungsnetz den elektrischen Strom an die 1910 erwarteten rund 200 Abnehmer mit etwa 2000 Glühlampen und fast 100 Motoren als Verbrauchsstellen weiterleiten.
Leiter des städtischen Elektrizitätswerkes Anfang 1913 wurde Conrad Theodor Müller, der sich seit über zehn Jahren als Ingenieur in Gütersloh mit der Stromlieferung und Stromerzeugung befasst hatte. Der erste Bauabschnitt für die notwendige Transformatorenstation und die Leitungen in Gütersloh war schon Ende September 1913 abgeschlossen. Man erwartete nach neueren Kundenbefragungen nun bereits 4000 Glühlampen und eine größere Anzahl von Motoren als erste Verbrauchsstellen. Doch nun hatte der Stromlieferant Probleme, die Zuleitungen nach Gütersloh herzustellen. So entschieden sich die Stadtverordneten in Gütersloh zur Aufstellung einer Dampf-Lokomobile als Zwischenlösung bis zur Fertigstellung des Überlandkabels aus den Kraftwerken in Hamm-Stockum und Selm im Februar 1914.
Damit entstand nach dem Gaswerk (1862) und dem Wasserwerk (1889) mit Inbetriebnahme der Stromversorgung das Elektrizitätswerk als dritter Eigenbetrieb der heutigen Stadtwerke Gütersloh.
Das städtische Netz, das mit zunächst fünf Umspannstationen betrieben wurde, war im Stadtkern unterirdisch und außerhalb mit Freileitungen angelegt worden und umfasste zunächst eine Gesamtlänge von 45,5 Kilometern Länge. Zum Vergleich: Die Gasleitungen hatten 1862 mit einer nicht mehr zu ermittelnden Gesamtlänge des Netzes begonnen und waren 1907 bei einer Netzlänge von etwa über 14,5 Kilometern angelangt. Für das Wasserwerk waren 1889 zunächst rund 9,2 Kilometer Rohr zu den Kunden verlegt worden. Das 1898 noch als "Luxusbeleuchtung" angesehene elektrische Licht hatte seinen Siegeszug längst begonnen, denn rund 800 statt der zunächst beantragten 200 Anschlüsse waren bereits 1914 fertiggestellt. Nur die Nutzung des für den Netz- und Nutzungsausbaus benötigten Metalls für die Kriegführung verhinderte den raschen Weiterbau in die Eingemeindungsbezirke Sundern, Kattenstroth und Nordhorn, während in Blankenhagen und Pavenstädt noch Vorbehalte bestanden.





