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Pflanzen und Tiere in Gütersloh

Wer und was lebt in Gütersloh? Nicht nur für rund 100.000 Menschen bietet die Stadt einen vielfältigen Lebensraum, sondern auch für Hunderte, ja Tausende weiterer Tier- und Pflanzenarten.

Bachstelze, Foto: Andreas Schäfferling
Bachstelze, Foto: Andreas Schäfferling

Das Jahr 2010 war für die Biodiversität von besonderer Bedeutung: Das völkerrechtliche Abkommen über die biologische Vielfalt, das auf der UNO-Konferenz in Rio 1992 beschlossen wurde, wollte den weltweiten Verlust von Tier- und Pflanzenarten bis zum Jahr 2010 deutlich verringern – die EU wollte ihn auf ihrem Gebiet sogar ganz stoppen. Heute wissen wir, dass diese Ziele verfehlt wurden, und dass es umso stärkerer Anstrengungen bedarf, das Artensterben zu stoppen. Denn das findet nicht nur im tropischen Regenwald oder den ozeanischen Korallenriffen statt, sondern auch vor unserer Haustüre.
Doch um welche Pflanzen, Tiere, Rassen, Sorten und Lebensräume geht es dabei überhaupt? Auf die Bitte des städtischen Umweltamtes haben sich Experten bereit erklärt, über die biologische Vielfalt im Gütersloher Stadtgebiet zu berichten. Diese auch in den Gütersloher Tageszeitungen abgedruckten Berichte erreichen Sie über die Links im Akkordeon auf dieser Internetseite.

Beispielhaft für die große Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten wurden einige Gruppen ausgewählt, über die mehr oder weniger gute Kenntnisse vorliegen. Darunter sind niedere und höhere Pflanzen ebenso vertreten wie die meisten Wirbeltiergruppen und einige Insektenordnungen. Über viele weitere Gruppen wissen wir wenig bis gar nichts, insbesondere über die meisten Klassen und Ordnungen der wirbellosen Tiere. Hier gibt es noch reiche Betätigungsfelder für Experten und solche, die es werden wollen! Für das Erkennen und Bewerten dieser Vielfalt sind Spezialkenntnisse erforderlich, deren Erwerb einige Geduld erfordert.
Das städtische Umweltamt dankt daher sehr herzlich allen Experten, die sich die Zeit genommen haben, um aus ihren Arbeitsgebieten zu berichten!

Waldeidechse (Foto: Bernhard Walter)
Waldeidechse (Foto: Bernhard Walter)
Kleiner Feuerfalter und Berg-Sandglöckchen: zwei hübsche Arten, die für die Gütersloher Sandböden typisch sind - bzw. sein könnten, wenn sie denn noch ungedüngte Magerrasen finden würden, die aus unserer Landschaft aber fast verschwunden sind. (Foto: J. Albrecht)
Kleiner Feuerfalter und Berg-Sandglöckchen: zwei hübsche Arten, die für die Gütersloher Sandböden typisch sind - bzw. sein könnten, wenn sie denn noch ungedüngte Magerrasen finden würden, die aus unserer Landschaft aber fast verschwunden sind. (Foto: J. Albrecht)

Farn- und Blütenpflanzen

Will man das Vorkommen und die Verbreitung von wildwachsenden Pflanzenarten in der heutigen Stadt Gütersloh verstehen, muss man die Landschaftsentwicklung betrachten, die dieses Gebiet beispielhaft für die armen Sandlandschaften des Ostmünsterlandes seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts genommen hat. Die Karte der preußischen Uraufnahme von 1837 zeigt Gütersloh noch als kleine Ansiedlung mit einer Längenausdehnung von knapp 1 km. Umgeben war der Ort von Gartenland und ortsnahen Ackerflächen. Die angrenzenden Bauerschaften, die heute die Gütersloher Stadtteile bilden, bestanden damals nur aus sehr zerstreut liegenden Einzelgehöften mit hofnahen Ackerflächen und Grünland in den Bachniederungen.
Größere Waldstücke gab es schon damals nur noch vereinzelt, ein erheblicher Teil der Flächen zwischen den einzelnen Hofstellen war mit trockener Sand-Heide bedeckt, die aus den ursprünglichen Eichen-Birkenwäldern hervorgegangen war. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es so viele stadtnahe Heideflächen, dass Gütersloh bis zum 1. Weltkrieg als „kleine Heidestadt“ bezeichnet wurde.

Die Industrialisierung, die starke Bevölkerungszunahme und vor allem die bis heute zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft mit Kunstdüngereinsatz,Gewässerbegradigungen, Entwässerungen und Flurbereinigungen haben dazu geführt, dass die früher landschaftsprägenden Heideflächen wie auch Bruchwälder und Feuchtwiesen heute bis auf geringe Reste aus der Gütersloher Landschaft verschwunden sind. Die Landschaft hat sich grundlegend geändert: große Teile von Gütersloh sind mit Siedlungen, Straßen, Gewerbe- und Industrieflächen bedeckt. Die Landwirtschaftsflächen in den Außenbereichen werden intensiv genutzt, Relikte der früheren Heidelandschaft sind nur noch für den Kundigen wahrzunehmen.

Trotz dieser Entwicklung ist in Gütersloh noch manche seltene Pflanzenart zu finden. Die seit etwa 1990 laufende floristische Kartierung von NRW (im Großteil von Ostwestfalen durchgeführt von der Geobotanischen Arbeitsgemeinschaft des Naturwissenschaftlichen Vereins Bielefeld) hat für das Gütersloher Gebiet einen aktuellen Bestand von mind. 668 Pflanzenarten (ohne Unbeständige u. Kleinarten) ergeben, immerhin einen Anteil von gut 40 Prozent des aktuellen Arteninventars von Nordrhein-Westfalen ( vergleiche Florenliste NRW 1996).
Ein Großteil der festgestellten Arten ist heute im Gegensatz zu früher als nährstoffliebend bzw. nährstofftolerant einzustufen. Zahlenmäßig, vor allem aber flächenmäßig stark abgenommen haben Arten, die an nährstoffarme Standorte wie Heiden, Sandäcker, Heidetümpel, Feuchtgrünland, naturnahe Bäche und Wälder gebunden sind. Gerade diese Pflanzenarten sind es, die heute die Roten Listen der gefährdeten Arten füllen und denen die besondere Aufmerksamkeit gelten muss.

109 Arten (ca. 16 Prozent) des Gütersloher Gesamtbestandes sind als gefährdet einzustufen, weitere 9 Arten sind mittlerweile ausgestorben (vergleiche Tabelle als download). Viele dieser Arten waren früher weit verbreitet, die meisten kommen heute nur noch an wenigen Stellen im Stadtgebiet und oft nur in kleinen Beständen vor, manche haben sich aber auch auf neu geschaffenen Standorten wieder eingefunden. Geordnet nach ihren Hauptlebensräumen, sollen nachstehend einige davon beispielhaft genannt werden.

Trockene Heide, Sandrasen:
Größere Heidebestände oder Sandrasenflächen sind in Gütersloh kaum noch zu finden. Gehalten haben sich kleine Reste auf dem Militärflugplatz an der Marienfelder Straße, auf dem Gelände des ehemaligen Nato-Tanklagers in Niehorst oder auf einzelnen Dünen in Pavenstädt. Kleinste Heiderelikte mit der Besenheide (Calluna vulgaris) findet man auch noch zerstreut an Weg- und Grabenrändern, in Säumen und auf lichten Stellen der wenigen Kiefernwälder, die noch von den früheren Heideaufforstungen übrig geblieben sind (z. B. Dünengelände in Pavenstädt, Haarheide und Ebbesloher Brink in Niehorst, Große Heide in Avenwedde). An diesen Stellen kommt von den heidetypischen Ginsterarten noch sehr zerstreut der Besenginster (Cytisus scoparius) vor, der Englische Ginster (Genista anglica) hat sein letztes Vorkommen im ehemaligen Tanklager in Niehorst.

In Kontakt mit den Heideresten stehen meist kleine Sandrasensäume, die sich auch auf abgeschobenen Flächen z. B. an Gräben oder unter Freileitungen (wie in der Haarheide) neu entwickeln können. Neben häufigen Gräsern wie dem Schaf-Schwingel (Festuca ovina agg.) und dem Roten Straußgras (Agrostis capillaris) ist an solchen Stellen die in Gütersloh nicht mehr häufige Sand-Segge (Carex arenaria) vertreten, aber auch andere seltene Arten wie der Dreizahn (Danthonia decumbens), Frühe Haferschmiele (Aira praecox), Berg-Sandglöckchen (Jasione montana), Kleines Filzkraut (Filago minima), Frühlings-Spark (Spergula morisonii), Kleiner Vogelfuß (Ornithopus perpusillus) oder die Heide-Nelke (Dianthus deltoides).

Besonders erwähnenswert ist der vom Aussterben bedrohten Feld-Beifuß (Artemisia campestris), der eines seiner letzten Vorkommen der gesamten Westfälischen Bucht auf einer kleinen Sandrasenfläche an der Osnabrücker Landstraße in Nordhorn hat. Die ebenso seltene Echte Mondraute (Botrychium lunaria) hatte einen ihrer letzten Standorte in Ostwestfalen an der Siekstraße bei Friedrichsdorf, sie konnte dort leider seit 1995 nicht mehr nachgewiesen werden. Die stark gefährdete Sand-Wicke (Vicia lathyroides) dagegen hält sich seit Jahren auf einer kleinen Magerrasenfläche an der Holler Straße in Blankenhagen.

Feuchte Heide, Heidetümpel:
Kleine Feuchtstellen und Tümpel, die früher in die Sand-Heide eingelagert waren, sind heute kaum noch vorhanden, frühere Stellen kaum noch zu lokalisieren. Die Glockenheide (Erica tetralix), eine früher weit verbreitete Charakterart der Feucht-Heide, wächst fast nur noch an wenigen Weg- und Grabenrändern.

Das einzige Heidegewässer wahrscheinlich älteren Ursprungs befindet sich in der Großen Heide in Avenwedde. Neben großen Beständen von Pfeifengras (Molinia caerulea) hat sich hier als typische Feuchtheide-Art der Mittlere Sonnentau (Drosera intermedia) gehalten. Der Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia) kam hier ebenfalls vor (ob noch?), wenige Pflanzen wurden aktuell auch im NSG Lichtebach in Niehorst beobachtet. In einem kleinen, älteren Teich nahe Meier to Krax in Niehorst wächst die stark gefährdete Flutende Moorbinse (Isolepis fluitans) in einem größeren Bestand, in einem Graben bei Schulte auf´m Erley in Avenwedde und in einer Blänke im NSG Lichtebach kommt der ebenfalls stark gefährdete Flutende Sellerie (Apium inundatum) vor.

Weitere Pflanzenarten der Feuchtheide sind an Standorten zu finden, die erst in der jüngsten Vergangenheit neu geschaffen wurden. Als ausgesprochener Glücksfall hat sich die Wiederherstellung der Eiswiese am Stadtpark im Jahr 1999 erwiesen, bei der alte Bodenschichten mit noch keimfähigem Samenmaterial aus früheren Jahrzehnten angeschnitten wurden. Neben vielen Exemplaren des Mittleren Sonnentaus (wurde hier schon vor über 80 Jahren gefunden) und des Braunen Schnabelriedes (Rhynchospora fusca, stark gefährdet) haben sich 2 Arten eingefunden, die aufgrund ihrer geringen Größe leicht zu übersehen sind und bisher nicht für Gütersloh angegeben waren: Fadenenzian (Cicendia filiformis, großer Bestand) und Sand-Binse (Juncus tenageia) sind in der Westfälischen Bucht vom Aussterben bedroht und haben in ganz NRW nur noch sehr wenige aktuelle Fundorte.

Die relativ neue Regenrückhaltemulde im Gewerbegebiet an der Osnabrücker Landstraße in Avenwedde liegt offensichtlich in einer ehemaligen Feuchtheidefläche der Röhrheide: das Auftreten der Kopf-Binse (Juncus capitatus, neu für Gütersloh und in ganz NRW vom Aussterben bedroht!), des Sumpfbärlapps (Lycopodiella inundata), der Sparrigen Binse (Juncus squarrosus) und der Glockenheide ist nur durch noch im Boden vorhandene Samenbestände zu erklären. Das Gleiche gilt für einen größeren Sumpfbärlapp-Bestand, der sich in einer Grünland-Blänke im Bereich Trendelheide in Nordhorn eingefunden hat.

Bruchwälder:
Die früher in den feuchten Niederungen verbreitete Bruchwaldvegetation ist in Gütersloh nur noch an sehr wenigen Stellen zu finden. Kleine Erlenbruchwald-Reste bei Oberröhrmann in Avenwedde, nahe der Westfälischen Klinik in Kattenstroth, bei Hof Determeier in Spexard und in der Großen Heide bei Friedrichsdorf enthalten noch die für diese Standorte charakteristische Walzensegge (Carex elongata) oder andere typische Arten wie den Sumpf-Haarstrang (Peucedanum palustre), das Sumpf-Veilchen (Viola palustris), den Sumpf-Baldrian (Valeriana dioica) und den Königsfarn (Osmunda regalis).

Im Bruchwald bei Hof Maschmann in Niehorst wächst das auch in Feuchtwiesen auftretende Sumpf-Fingerkraut (auch Sumpf-Blutauge, Potentilla palustris), ein Feuchtwaldrest an der Dalke in Pavenstädt enthält das einzige Vorkommen der Schlangenwurz (Calla palustris) in Gütersloh. Viele Bruchwaldreste wie z. B. der Bestand am Westrand des Heidkampes in Kattenstroth leiden unter der allgemeinen Absenkung des Grundwasserspiegels, außer der bestandbildenden Schwarz-Erle (Alnus glutinosa) sind dann kaum noch andere Bruchwald-Arten vorhanden.

Extensives Grünland:
Extensiv genutztes Feuchtgrünland, das die meisten natürlichen Bruchwälder auf den Niedermoorböden bereits vor langer Zeit ersetzt hatte, ist in den vergangenen Jahrzehnten durch Entwässerungsmaßnahmen und Umwandlung in Ackerflächen stark zurückgegangen - ein Trend, der bis heute ungebrochen ist. Einige Feuchtwiesenflächen stehen in Gütersloh heute unter Naturschutz, aber selbst hier wirken sich Grundwasserabsenkungen und überhöhter Nährstoffeintrag negativ aus.

Im NSG Lichtebach in Niehorst haben sich trotzdem viele typische und heute seltene Feuchtwiesenarten wie Trauben-Trespe (Bromus racemosus), Faden-Binse (Juncus filiformis), Teufelsabbiss (Succisa pratensis), Fieberklee (Menyanthes trifoliata) und Sumpf-Fingerkraut (Potentilla palustris) gehalten. In Spexard wurde in Feuchtwiesen am Menkebach neben einigen der vorgenannten Arten das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhiza maculata) gefunden. In Friedrichsdorf kommt im NSG Große Wiese das früher nicht seltene Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), die im Tiefland vom Aussterben bedrohte Echte Gelb-Segge (Carex flava), die Sumpf-Sternmiere (Stellaria palustris) und die Bach-Nelkenwurz (Geum rivale) vor.

Extensiv genutztes Grünland auf trockenen bis frischen, mageren und kalkarmen Standorten gibt es heute in Gütersloh kaum noch, typische und früher weit verbreitete Arten dieser historischen Landnutzungsform findet man in der heutigen Kulturlandschaft fast nur noch an den vergleichsweise mäßig mit Nährstoffen angereicherten Straßen-, Weg-, Graben- und Waldrändern. Hierzu gehören Arten der Borstgrasrasen wie das Hunds-Veilchen (Viola canina) und das Borstgras (Nardus stricta) mit wenigen Fundorten in Kattenstroth, Niehorst, Avenwedde und Friedrichsdorf. In den Säumen an der Siekstraße wachsen weitere Magerrasenarten wie das Mittlere Zittergras (Briza media), der Kleine Klappertopf (Rhinanthus minor) und die Natternzunge (Ophioglossum vulgatum); die beiden letzten Arten konnten allerdings seit einiger Zeit nicht mehr bestätigt werden. Das Mittlere Zittergras kommt auch noch in den Schutzgebieten Große Wiese und Lichtebach, in Avenwedde nahe Hof Wullengerd und an wenigen Gräben in Hollen vor. Das Doldige Habichtskraut (Hieracium umbellatum) findet sich selten in Niehorst im NSG Lichtebach, in Blankenhagen nahe Hof Stertkamp und am Brüningsweg in Kattenstroth.

Weitere aktuell festgestellte Pflanzenarten sind selten gewordene Begleiter von extensiv genutzten Äckern, von naturnahen Wäldern oder von wenig belasteten Fließ- und Stillgewässern. Gefährdete Arten sind heute aber auch innerhalb der Siedlungs- und Industrieflächen von Gütersloh anzutreffen, da sie dort oft nährstoff- und konkurrenzärmere Standorte finden als im landwirtschaftlich genutzten Umfeld. Alle diese Arten sind zusammen mit den bereits genannten in der beigefügten Tabelle der Rote-Liste-Arten enthalten. Sie zeigt, welches hohe Artenpotential trotz starker Veränderungen in der Gütersloher Landschaft immer noch vorhanden ist. Bei allen zukünftigen Flächennutzungen ist dieses noch mehr als in der Vergangenheit zu beachten, wenn man sich wirklich ernsthaft der Erhaltung der biologischen Vielfalt verpflichtet fühlt.

Die Autoren Peter Kulbrock (Bielefeld, geb. 1949) und Gerald Kulbrock (Gütersloh, geb. 1950) beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit der heimischen Flora. Seit 1994 sind sie Mitglieder, seit 2000 Leiter der Geobotanischen Arbeitsgemeinschaft des Naturwissenschaftlichen Vereins Bielefeld. Aktuelle Arbeitsbereiche dieser AG sind u. a. die Bearbeitung einer neuen Flora von Bielefeld-Gütersloh und die Fortführung der floristischen Kartierung von Ostwestfalen.
(vergleiche http://www.nwv-bielefeld.de/arbeitsgruppen/geobotanik)

Flechten

Der berühmte Naturforscher Carl von Linné bezeichnete Flechten als "armseliges Pöbelvolk der Vegetation". In der öffentlichen Wahrnehmung sind sie das heute noch, obwohl man ihnen überall begegnet: an Mauern und Grabsteinen, auf Erde, an Bäumen, ja, sogar Glas, Metalle, Gummi oder lackierte Oberflächen können sie überwachsen, unscheinbar grau oder grün, häufig aber farbenfroh gelb oder rot. Weltweit gibt es etwa 17.000 verschiedene Arten, in Mitteleuropa rund 2.000, und die wenigsten davon besitzen einen deutschen Namen.
Flechten sind keine Pflanzen! Vielmehr handelt es sich bei einer Flechte um eine Lebensgemeinschaft aus Algen und einem Pilz, die in einer "Wohngemeinschaft der Überlebenskünstler" zusammengefunden haben, die nur gemeinsam als "Wohngemeinschaft" in Gebieten überleben können, in denen keiner der Partner allein zurecht käme. Die Algen versorgen dabei "ihren Pilz" mit Photosyntheseprodukten, und der wiederum schafft "seinen Algen" ein optimales Milieu, schützt sie mit Giftstoffen vor Fraß durch Tiere und zu starke Sonnenbestrahlung und ist als einziger in der "Wohngemeinschaft" sexuell aktiv. Nur der Pilz bildet Sporen, nur der Pilzpartner definiert die Flechten-Spezies.

Nährstoffe werden aus der Luft aufgenommen oder in gelöster Form aus Regen- oder Nebelfeuchtigkeit. Bei Trockenheit fallen Flechten in eine Art Trockenstarre, die einige Arten sogar mehrere Jahrzehnte überdauern können. Je flexibler eine Flechtenart ist, sich irgendwie verfügbares Wasser nutzbar zu machen um Photosynthese betreiben zu können, desto mehr Lebensräume vermag sie zu besiedeln. Sogar die Oberfläche eines Felsens, die gerne mal 65 Grad heiß werden kann, oder, etwas geschützter, die Luftspalten im Inneren des Felsens oder die Rinde bzw. Borke von Bäumen im Wald oder im Offenland.

Außer Nährstoffe nehmen die Überlebenskünstler zwangsläufig auch alle anderen im Regenwasser gelösten oder frei mit der Luft angebotenen Substanzen auf, darunter viele Umweltgifte, die so mancher Art rasch den Garaus machen. Aus diesem Grund verwendet man Flechten, insbesondere die Baumflechten, schon seit über 100 Jahren als Bioindikatoren für die Wirkung von Luftschadstoffen. Zu Zeiten des "Sauren Regens" fand man an den Bäumen in europäischen Großstädten oft gar keine oder nur extrem säuretolerante Flechtenarten.

Krustenflechte Lecanora conizaeoides Sie ist extrem tolerant gegenüber sauren Luftschadstoffen und war zur Zeit des "Sauren Regens" eine der häufigsten Baumflechten in NRW. Maßstabsbalken: 1 Millimeter. (Foto: N. Stapper)
Krustenflechte Lecanora conizaeoides
Sie ist extrem tolerant gegenüber sauren Luftschadstoffen und war zur Zeit des "Sauren Regens" eine der häufigsten Baumflechten in NRW. Maßstabsbalken: 1 Millimeter. (Foto: N. Stapper)

Doch schon wenige Jahre, nachdem die Kohlekraftwerke entschwefelt worden waren, eroberten viele Flechten die Städte zurück. Wenngleich die Innenstadt von Gütersloh nie eine "Flechtenwüste" war, konnte man hier bei standardisierten Erhebungen Ähnliches beobachten, u.a. eine Verdopplung der Anzahl verschiedener Baumflechten zwischen 1988 und 2004. Wie schon im Ruhrgebiet, erkannte man aber auch hier, dass jetzt solche Baumflechten dominierten, die besonders tolerant sind gegenüber einem erhöhten Nährstoffangebot über die Luft, namentlich in Form von Stickstoffverbindungen. Diese Substanzen stammen großenteils aus Landwirtschaft und Tierhaltung sowie aus Verbrennungsprozessen, in der Stadt vor allem aus dem Verkehrssektor. Erhöhte Nährstoffeinträge über die Luft ("Lufteutrophierung") sind gegenwärtig eines der drängendsten Umweltprobleme, insbesondere im Nordwesten Deutschlands, weil an magere Standorte angepasste Lebensgemeinschaften verdrängt werden und somit die Artenvielfalt insgesamt sinkt!
In der angehängten Tabelle (siehe Artenliste der Baumflechten als download) sind säure- und nährstofftolerante Flechtenarten mit "A" und "N" gekennzeichnet. Markiert mit einem "V" bzw. einem "H" sind dort solche Arten, die in Westdeutschland typisch sind für verkehrsreiche Standorte bzw. für aufgeheizte Innenstadtlagen. Die Veränderungen zwischen 1988 und 2004 sind offensichtlich: Mehr Flechtenarten, aber starke Säurezeiger sind seltener und Nährstoffzeiger zahlreicher und häufiger geworden. Die nach VDI 3957 Blatt 13 bestimmte Luftgüte war 2004 "gering" bis "mittel" bei zumeist "mittlerem" Einfluss eutrophierender Luftschadstoffe.

Blattflechte Hyperphyscia adglutinata. Es handelt sich hierbei um eine der kleinsten einheimischen Blattflechten, deren Name bereits verrät, dass sie unablösbar eng mit ihrem Substrat verbunden ist. In Nordwestdeutschland ist diese an mildes Klima adaptierte ("Wärme liebende") und hoch eutrophierungstolerante Flechte ab ca. 2003 sehr häufig geworden. Maßstabsbalken: 1mm. (Foto: N. Stapper)
Blattflechte Hyperphyscia adglutinata.
Es handelt sich hierbei um eine der kleinsten einheimischen Blattflechten, deren Name bereits verrät, dass sie unablösbar eng mit ihrem Substrat verbunden ist. In Nordwestdeutschland ist diese an mildes Klima adaptierte ("Wärme liebende") und hoch eutrophierungstolerante Flechte ab ca. 2003 sehr häufig geworden. Maßstabsbalken: 1mm. (Foto: N. Stapper)

Wenn man sich Gütersloh von Westen her nähert (Ergebnis der Untersuchung von 2004), dann beobachtet man in den Vorortgebieten zunächst eine Zunahme der Vielfalt der Baumflechten gegenüber dem landwirtschaftlichen Umland. Wahrscheinlichste Ursache dafür ist die gegenüber dem Agrarland höhere Vielfalt der Lebensräume in den Vororten, die viele Flechten dazu ermuntert, einen "Überlebensversuch" zu starten, der zuweilen glückt. Weiter zur Stadtmitte hin sinkt ihre Vielfalt wieder ab, wovon Verkehrs- und Innenstadt-adaptierte Arten erwartungsgemäß nicht betroffen sind.

Erst mit einem Überzug aus Flechten und Moosen am Stamm ist ein Alleebaum vollständig "angezogen", hat er sein urwüchsiges Erscheinungsbild. Der ästhetische Gewinn ist enorm! Auch seine biologische Oberfläche ist erheblich vergrößert, bietet allerlei Organismen Nischen zum Überleben. Doch Flechten lassen sich nicht einfach anpflanzen, wie man das mit Moosen und erst recht mit höheren Pflanzen praktiziert. Man kann aber ihre Ansiedlung begünstigen, zum einen durch die Minderung negativer Umwelteinflüsse und indem man fragwürdige Reinigungsmaßnahmen unterlässt. Auch Mauern, Dachflächen, Bildstöcke und Wegkreuze sehen mit einem Kleid aus Flechten viel urtümlicher aus, als nach einer "Reinigung" mit dem Hochdruckwasserstrahl. Zudem fügen die Flechten (und Moose), im Gegensatz zum Absprühen, diesen Substraten gar keinen nennenswerten Schaden zu. Friedhöfe mit ihren Grabmalen aus den unterschiedlichsten Gesteinsarten bieten Lebensraum für die unterschiedlichsten Flechtenarten. Auch alte Zaunpfähle beherbergen zahlreiche Arten, die sich auf Holz als Unterlage spezialisiert haben. Man sollte sie daher bei der Verstärkung eines Weidezaunes nicht entfernen, sondern stehenlassen. Einige gegen giftige Schwermetalle resistente Flechten und Moose besiedeln die entlang von Landstraßen häufigen Steinpackungen in Käfigen aus verzinktem Drahtgeflecht („Gabionen“). Man findet solche Arten auch auf Dachflächen unterhalb von Gegenständen aus Kupfer oder Zink.

In der Artentabelle sind auch einige Flechten mit einem "K" markiert. Dies sind Arten, die von der Veränderung des Klimas hin zu milderen Wintern profitieren und insbesondere im Westen von Nordrhein-Westfalen in den letzten 10 Jahren erheblich häufiger geworden sind. Entlang der Rheinschiene findet man inzwischen rund 15 solcher Flechten, die früher auf die Küstengebiete begrenzt waren oder die man nur in Westfrankreich oder am Mittelmeer häufiger antreffen konnte. Diese Arten kamen 2004 bereits in Gütersloh vor, und es dürften inzwischen mehr geworden sein.

Blattflechte, Candelaria concolor
Blattflechte Candelaria concolor.  Sie ist eine der durch die gegenwärtigen Klimaveränderungen geförderten Baumflechten, deren Population in NRW am stärksten zugenommen hat. (Foto: N. Stapper)
Blattflechte Candelaria concolor.
Sie ist eine der durch die gegenwärtigen Klimaveränderungen geförderten Baumflechten, deren Population in NRW am stärksten zugenommen hat. (Foto: N. Stapper)
Blattflechte Parmotrema perlatum an einem Spitzahorn in Gütersloh-Sundern.  Es ist mit 5 Zentimeter Durchmesser schon eines der größeren Exemplare dieser Art, die sich seit etwa 2000 in NRW stark ausgebreitet hat. An diesem Spitzahorn wurden insgesamt 21 Moos- und Flechtenarten nachgewiesen, im Hintergrund sieht man u.a. Physcia tenella, Ph. adscendens, Phaeophyscia orbicularis sowie Candelariella reflexa und Candelaria concolor (beide gelb, links am Rand). (Foto: N. Stapper)
Blattflechte Parmotrema perlatum an einem Spitzahorn in Gütersloh-Sundern.
Es ist mit 5 Zentimeter Durchmesser schon eines der größeren Exemplare dieser Art, die sich seit etwa 2000 in NRW stark ausgebreitet hat. An diesem Spitzahorn wurden insgesamt 21 Moos- und Flechtenarten nachgewiesen, im Hintergrund sieht man u.a. Physcia tenella, Ph. adscendens, Phaeophyscia orbicularis sowie Candelariella reflexa und Candelaria concolor (beide gelb, links am Rand). (Foto: N. Stapper)

Der Autor:
Dr. Norbert J. Stapper ist Biologe und Geschäftsführer des Büros für Ökologische Studien in Monheim am Rhein. Sein Spezialgebiet ist die räumliche Erfassung von Umweltwirkungen mit Hilfe von Moosen und Flechten als Indikatororganismen. Im Jahr 2004 hat er die Luftbelastung im Siedlungsbereich von Gütersloh auf Basis des Moos- und Flechtenbewuchses von Bäumen erfasst.

Moose

"Moose sind sämtlich klein, sehen alle gleich aus, lassen Steinflächen grün werden und zerstören den Rasen", so hört man nicht allzu selten. Ist es da überhaupt notwendig, sich mit den Moosen in Gütersloh zu beschäftigen? Oder kommt den Moosen vielleicht eine Bedeutung zu, die es rechtfertigt ihre Artenvielfalt näher zu betrachten?

Moose gibt es schon sehr lange auf der Erde. Vor etwa 420 Millionen Jahren haben sie sich vermutlich aus Grünalgen in der Gezeitenzone der Meere entwickelt. Fossilien aus dem Oberdevon vor 350 Millionen Jahren sehen unseren heutigen Lebermoosen schon recht ähnlich. Lebermoose bilden heute mit Horn- und Laubmoosen eine der 3 Großgruppen. Wie viele Moosarten es weltweit gibt, ist noch nicht genau bekannt, in Deutschland wurden bisher 1.121 Moosarten gefunden, wovon 54 aber schon wieder ausgestorben sind.

Aus der näheren Umgebung sind besonders der Osning und die Senne reich an Moosen. So wurden im Bereich der Senne und des südlichen Teutoburger Waldes bisher 464 Arten beschrieben. Leider lässt sich für Gütersloh keine Zahl nennen, da bisher wenige Bryologen, so heißen die Wissenschaftler die sich mit den Moosen beschäftigen, ihren Weg in unsere Stadt gefunden haben. Eine gezielte Bestandsaufnahme erfolgte bislang nur im Gebiet der Niehorster Heide im Jahr 2007. Außerdem wurden im Zuge der Luftgüteuntersuchungen 2004 diejenigen Moosarten erfasst, die auf der Rinde von Stadtbäumen siedeln, da sie zusammen mit den dort ebenfalls wachsenden Flechten Rückschlüsse auf die Luftbelastung ermöglichen. Bekannt sind insgesamt circa 80 Arten, doch bei intensiverer Kartierung dürften sich wohl über 200 verschiedene Moose in Gütersloh finden lassen. Die Liste der bislang in Gütersloh nachgewiesenen Arten ist im Download-Bereich am Ende dieses Artikels verfügbar.

Die Vielzahl der Arten allein zeigt schon, dass Moose nicht sämtlich gleich aussehen können; tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Formen, Größen und besonderen Merkmalen. Zwar gibt es wirklich kleine mit Wuchshöhen von nur 2 bis 3 Millimetern. Andere, wie zum Beispiel das heimische Goldene Frauenhaarmoos oder Widertonmoos (Polytrichum commune), erreichen aber Höhen von 50 Zentimetern. Die Wuchsform mancher Lebermoose gleicht flächigen Lappen, Laubmoose sind dagegen fein gegliedert, verzweigt und manchmal kleinen Farnen zum Verwechseln ähnlich. Die Blattformen sind so vielgestaltig wie die höherer Pflanzen; manche haben an den Spitzen sogenannte Glashaare, mit denen sie an stark besonnten Wuchsorten das Sonnenlicht reflektieren. Insgesamt herrscht also eine reiche Vielfalt. Man kann das beispielhaft bei Spaziergängen durch Gütersloh beobachten.

Unter den Bäumen im Stadtpark wächst z. B. das Schöne Frauenhaar- oder Widertonmoos (Polytrichum formosum). Dieses Laubmoos bildet bis zum 15 Zentimeter hohe Pflanzen mit lanzettlichen Blättern. Früher wurde es gesammelt und in Hauseingängen aufgehängt, denn man dachte, es besitze eine magische Abwehrkraft gegen Schadzauber. „Widerton“ kommt sprachgeschichtlich von „Wider das böse Antun“. So konnte man also böse Verwünschungen der Nachbarn abwehren. An den Spitzen der Pflanzen sieht man auch die gestielten Sporenkapseln (Sporogone), in denen Sporen vorhanden sind, mit denen sich die Moose fortpflanzen.

Schönes Frauenhaar- oder Widertonmoos (Foto: Jürgen Wächter)
Schönes Frauenhaar- oder Widertonmoos (Foto: Jürgen Wächter)

Auf Steinen vor dem Palmenhaus im Botanischen Garten finden wir das Silberbirnmoos (Bryum argenteum). Es hat helle Blattspitzen und kann so mit der intensiven Sonneneinstrahlung klarkommen. Zudem ist es ein Moos, das sehr gut Salz vertragen kann. Daher wächst es auch sehr häufig in Ritzen von Plattenwegen, wenn diese im Winter mit Salz gestreut werden. Das Moos kam wohl früher nur an den Küsten und an wenigen Salzquellen vor, hat sich entlang der Autobahnen jedoch weit verbreitet. In Gütersloh ist es überall recht häufig.

Silberbirnmoos (Foto: Jürgen Wächter)
Silberbirnmoos (Foto: Jürgen Wächter)

Sehen diese beiden Laubmoosarten schon sehr unterschiedlich aus, unterscheidet sich das Brunnenlebermoos (Marchantia polymorpha) davon extrem. Es besteht aus flächigen Lappen, die sich an den Untergrund schmiegen. An der Oberseite sitzen kleine „Becher“, die mit mehrzelligen Brutknospen gefüllt sind. Fällt ein Regentropfen hinein, werden sie herausgeschleudert und aus der Brutknospe wächst eine neue Pflanze. Dieses Moos kann sich also ungeschlechtlich fortpflanzen. Das gibt ihm den Vorteil, offene Böden, wie z. B. Feuerstellen, schnell besiedeln zu können, bevor Samen höherer Pflanzen dort keimen können

Brunnenlebermoos (Foto: Jürgen Wächter)
Brunnenlebermoos (Foto: Jürgen Wächter)

Denn Moose sind im Vergleich zu den höheren Pflanzen außerordentlich konkurrenzschwach. Sie weichen meist auf Standorte aus, die von diesen nicht besiedelt werden können, wie Felsen, Baumrinde, sehr dunkle Waldböden und nährstofffreie Sandflächen. In dichtem Bewuchs, wie zum Beispiel in einer Wiese, kommen Moose fast gar nicht vor. Das Gras wächst über sie hinaus, nimmt ihnen Licht und Nährstoffe und setzt sich sehr schnell durch. „Ja aber das Moos in meinem Gartenrasen…“, hört man oft als Einwand. Doch daran sind wir nun selber schuld. Denn wir traktieren das Gras mit unseren Mähern so stark, dass es einfach keine Chance mehr hat, sich gegen das Moos durchzusetzen. Die Lösung ist ganz einfach. Wir brauchen bloß seltener mähen und das Moos verschwindet von allein. Außerdem geben wir dann zahlreichen Kräutern Gelegenheit ihre Blüten zu entfalten, von denen wiederum unsere Insekten profitieren.

Moose sind auch wichtige Zeigerarten, die bei naturschutzfachlichen Planungen hilfreich sein können. Anders als höhere Pflanzen, die aufgrund ihrer Bewurzelung meist die Verhältnisse im Boden anzeigen, reagieren Moose auf die Verhältnisse an den Substratoberflächen. Ihre Beobachtung lässt daher oft viel schneller Rückschlüsse auf Veränderungen zu. Einige Arten sind zum Beispiel ein guter Messfühler für den Eintrag von Nährstoffen über den Luftweg. Die meisten Moose können zu hohe Nährstoffraten nicht vertragen und sterben ab, nur wenige überleben. In Gütersloh wurde festgestellt, dass diese sogenannten „Nitrophyten“ stärker in den Randbereichen der Stadt auftreten, was auf eine Beeinträchtigung durch landwirtschaftliche Düngung deutet. Auf Baumrinden und Findlingen wachsen dann meist nur noch 2 Moosarten (das Zypressenschlafmoos Hypnum cupressiforme und das Lockige Gabelzahnperlmoos Dicranoweisia cirrata), eingebettet in dichte Algenflächen. Solche Algen, nicht Moose, an überdüngten Flächen sind es, die Steinflächen, Plattenwege und sogar Verkehrsschilder grün überwachsen.

Auch als Anzeiger von Schwermetallen sowie für Feuchtegrad und Klimaverhältnisse können Moose dienen. Sie stellen wichtige Elemente im ökologischen System dar, sind Lebensraum für zahlreiche Kleinstorganismen, verhindern Winderosion auf Sandflächen, sorgen durch die isolierende Wirkung ihrer dichten Bestände für den Erhalt der Bodenfeuchtigkeit und dienen als Keimbett für zahlreiche Arten der Farn- und Blütenpflanzen. Vielfach sind Wechselwirkungen zwischen Moosen und anderen Organismen noch gar nicht untersucht. Und allgemein lässt sich feststellen, dass Moose ein Stiefkind der botanischen Forschung sind. Der Mythos der schweren Bestimmbarkeit der Arten sorgt dafür, dass sie in floristischen und pflanzensoziologischen Untersuchungen meist einfach ignoriert werden. Die Besonderheiten der Moose und ihre große Artenvielfalt lassen dies aber nicht gerechtfertigt erscheinen. Es sollte daher den Moosen in Gütersloh zukünftig viel mehr Beachtung zu Teil werden. Schauen wir doch einfach mal genauer hin, was in unserer Umgebung, unserem Garten und vor unserer Tür alles so interessantes wächst.


Der Autor:
Jürgen Wächter (geb. 1962) wohnt in Werther und kartiert seit etwa 20 Jahren die Moose in Ostwestfalen mit Schwerpunkt im Teutoburger Wald und in der Senne. Die Ergebnisse sind in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht, u. a. in den Berichten des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld und Umgegend.

Pilze

Ein morgendlicher Waldspaziergang im Frühherbst: Mühsam bahnt sich die Sonne ihren Weg durch Nebelschwaden. Leise raschelt das Laub. Plötzlich tauchen große, braune Pilzhüte auf. Aus der Nähe entpuppen sie sich als köstliche Steinpilze! Genug, um eine stattliche Mahlzeit zu bekommen. Hoffentlich reicht der Sammelkorb aus, um die Funde mitzunehmen! So oder ähnlich wünscht sich wohl jeder Pilzsucher einen Spaziergang.
Und sicher denkt man bei Pilzen zuerst an Speisepilze. Doch viele Pilze eignen sich nicht zum Essen: Entweder sie sind winzig, viel zu hart, schmecken nicht oder sind sogar giftig. Pilze sind bei uns mit einer sehr großen Artenfülle vertreten. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es über 2.500 Arten, für ganz Deutschland sind rund 5.000 Arten bekannt. Genaue Artenzahlen für das Stadtgebiet von Gütersloh liegen nicht vor, sicherlich ist von mehreren hundert Arten auszugehen.

Nach der Lebensform lassen sich 3 Gruppen unterscheiden. Viele Pilze bilden eine Lebensgemeinschaft (Symbiose) mit Bäumen. Dies bezeichnet man als Mykorrhiza. Wie kann man sich das vorstellen? Der größte Teil des Pilzes, das so genannte Mycel, befindet sich im Boden. Was man als Pilz sieht, sind die Fruchtkörper. Das Mycel ist ein oft weitverzweigtes Geflecht aus Pilzhyphen, das sind fadenförmige Zellen des Pilzes. Sie umgeben die Wurzeln des Symbiosepartners. Dabei kann es sich um Bäume, aber auch um andere Pflanzen handeln. Der Pilz erhält auf diese Weise Fotosyntheseprodukte. Pilze können selbst keine Fotosynthese betreiben, da sie kein Chlorophyll besitzen. Sie sind deshalb auch keine Pflanzen, sondern bilden ein eigenes Reich. Der Partner profitiert ebenfalls: Seine Wurzeloberfläche wird durch das Pilzmycel deutlich vergrößert. Wasser und Nährstoffe können so viel besser aufgenommen werden. Viele unserer heimischen Pilze gehen diese Symbiose ein. Dazu gehören bekannte Speisepilze wie Steinpilz oder Pfifferling, aber auch Giftpilze wie Fliegenpilz oder der tödlich giftige Grüne Knollenblätterpilz. Typische Begleiter der in Gütersloh auf Sandböden häufigen Wald-Kiefer ist der Buckel-Täubling.

Eine weitere Gruppe von Pilzen zersetzt abgestorbenes organisches Material wie Laub oder Holz. Man bezeichnet sie auch als Saprophyten. Sie sind für den Naturhaushalt ebenfalls sehr wichtig. Unzählige Tonnen werden so jedes Jahr zersetzt und die freiwerdenden Nährstoffe gelangen wieder in den Naturkreislauf. Viele Pilze sind dabei nicht besonders wählerisch und kommen an unterschiedlichen Holzarten vor. Andere wiederum suchen sich ganz spezielle Standorte aus und treten nur dort auf. Ein Beispiel ist der Ohrlöffelstacheling. Er besiedelt Kiefernzapfen, die am Boden liegen und zersetzt sie allmählich. Durch den seitlich am Hut befindlichen Stiel und den Standort ist die Art unverkennbar.

Der Ohrlöffelstacheling: Er kommt ausschließlich auf Kiefernzapfen vor.
Der Ohrlöffelstacheling: Er kommt ausschließlich auf Kiefernzapfen vor.

Schon früh im Jahr findet man besonders in Kiefernwäldern die giftige Frühjahrslorchel. Sie fällt durch den dunkel rost- bis kastanienbraunen, hirnartig gewundenen Hut auf. Selbst die Innenstadt Güterslohs bietet vielen Pilzen einen Lebensraum. So gibt es am Dreiecksplatz Schopftintlinge: Ein kleines Stück offenen Bodens reicht ihnen, um zu gedeihen.

Pilze mitten in der Gütersloher Innenstadt: Am Dreiecksplatz wachsen Schopftintlinge.
Pilze mitten in der Gütersloher Innenstadt: Am Dreiecksplatz wachsen Schopftintlinge.

Auf Rindenmulch, der in Pflanzungen ausgebracht wurde, wachsen ebenfalls häufig Pilze. Schon im März oder April treten hier Spitzmorcheln auf. Eine weitere Art ist die Braunkappe, die man auch selber auf Stroh anbauen kann. Im Handel gibt es hierzu entsprechende Kulturen.

Die dritte Gruppe von Pilzen ernährt sich parasitisch von Bäumen. Meist besiedeln sie ältere, geschwächte Bäume und führen letztlich dazu, dass diese absterben. Am Stammfuß von dickeren Kiefern kann man mit etwas Glück Krause Glucken finden. Von weitem sehen sie fast aus wie eine große Portion Nudeln. Ebenfalls auffällig sind Schwefelporlinge, die meist an Obstbäumen vorkommen. Ihre leuchtend gelbe Farbe ist sehr markant: Vielfach treten sie schon im Frühjahr auf. Zwischen der parasitischen und der saprophytischen Lebensweise gibt es viele Übergänge. Viele Arten wachsen zunächst parasitisch. Stirbt der Baum ab, ernähren sie sich saprophytisch und zersetzen das Holz.

Die Krause Glucke wächst meistens an Kiefern.
Die Krause Glucke wächst meistens an Kiefern.

Wie viele andere Organismen sind Pilze ebenfalls in ihrem Bestand gefährdet. Die Gründe hierfür sind vielfältig, exemplarisch seien folgende genannt: Schadstoffeinträge über die Luft, intensive Landwirtschaft, Verlust von Lebensräumen durch Bebauung sowie rückläufiger Totholzanteil in vielen Wäldern.
Erfreulicherweise gibt es in Gütersloh und Umgebung mehrere Vorhaben zum Erhalt gefährdeter Lebensräume. Auch wenn der Schutz von Pilzen dabei nicht unbedingt im Mittelpunkt steht, so profitieren sie von diesen Maßnahmen. Ein Beispiel ist der Vertragsnaturschutz, der von Kreis, Land und EU gefördert wird. Dabei bekommen Landwirte Geld, wenn sie beispielsweise Wiesen naturschutzgerecht bewirtschaften. So wird unter anderem der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln verringert. Neben vielen Kräutern kommt das auch zahlreichen Pilzarten zugute. Typisch für nährstoffarme Wiesen sind beispielsweise Saftlinge, die durch intensive gelbe oder rötliche Farbtöne auffallen. Sie gehören teilweise zu den bereits erwähnten Mykorrhizapilzen und bilden eine Symbiose mit Gräsern. Bei Düngung verschwinden sie rasch, weshalb sie in den letzten Jahrzehnten vielerorts selten geworden sind.
Was kann nun jeder einzelne für den Schutz von Pilzen tun? Für Gartenbesitzer bietet sich der Verzicht von Pflanzenschutzmitteln an. Auch sollte Dünger nur in Maßen eingesetzt werden. Beim Sammeln von Pilzen sollte man darauf achten, sie vorsichtig durch Herausdrehen oder Abschneiden zu entnehmen, um das Mycel nicht zu beschädigen. Ältere Exemplare bleiben am besten stehen: So können sie Sporen und somit Nachkommen bilden – eine wichtige Voraussetzung, damit uns diese geheimnisvollen und faszinierenden Lebewesen auch zukünftig erhalten bleiben.


Der Autor:
Dr. Gunnar Waesch, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet in Gütersloh als freiberuflicher Biologe und als Umweltreferent des Evangelischen Kirchenkreises Gütersloh. Sein Spezialgebiet ist die Erfassung und Bewertung von Pflanzenarten, Vegetation und Biotopen auf der Basis der höheren (Blüten- und Farnpflanzen) und niederen Pflanzen (Moose) sowie Pilzen.

Streuobstsorten

Auch in der Ernährung und Landwirtschaft spielt die Biodiversität eine wichtige Rolle. Neben dem Erhalt der Vielfalt von Arten und Rassen bei Nutztieren gehört dazu auch die Vielfalt der Arten und Sorten von Nutzpflanzen und ebenso die Vielfalt der "wilden Organismen", die ökologische Leistungen für die Landwirtschaft erbringen. In diesem Beitrag soll beispielhaft das Streuobst vorgestellt werden.

Am Beispiel einer Streuobstwiese kann das feinmaschige Netz von Wechselwirkungen und Abhängigkeiten in einem Lebensraum besonders gut beobachtet werden. Der Begriff Streuobstwiese begründet sich sowohl auf den „verstreut“ stehenden hochstämmigen Obstbäumen als auch auf der Verwertung des Mähgutes der Wiese als „Einstreu“.

Auf meiner eigenen Streuobstwiese brüten nach der Pflanzung einer ausgedehnten Weißdornschnitthecke und dem Anbringen von zahlreichen Nisthöhlen neben etlichen anderen Vogelarten auch alljährlich 50 Feldsperlingspaare, sodass keine chemische „Schädlingsbekämpfung“ gegen blatt- und/oder blütenfressende Insekten durchgeführt werden muss. Die vielen Vögel und Nagetiere auf der Obstwiese ziehen wiederum Beutegreifer an: So sind regelmäßig Habicht, Sperber, Turmfalke, Waldkauz und Schleiereule und mehrere Marderarten auf dem Gelände aktiv.

Streuobstwiesen mit ihrer Vielzahl an Obstgehölzarten- und Sorten bilden den „lebendigsten“ Kulturlandschaftsraum überhaupt. Keine andere landwirtschaftliche Nutzung bietet annähernd vielen Organismen Lebensraum für Reproduktion, Nahrung und Aufenthalt. Streuobstwiesen haben für Menschen einen hohen Erholungs- und Erlebniswert, sie bereichern auch das Landschaftsbild und unterstützen die wohnortnahe Versorgung mit hochwertigem und unbelastetem Obst und Saft. Hier sind viele westfälische Lokalsorten entstanden, wie der Wiedenbrücker, der gelbe und rote Münsterländer Borsdorfer, die Dülmener Herbstrose, der Westfälische Gülderling, die westfälische Tiefblüte oder Harberts Renette (vergleiche Apfelsortenbeschreibungen als Download).

Die hohe ökologische Wertigkeit einer Streuobstwiese kann durch zusätzliche Strukturen, wie umgebende Heckenanlagen, Lesesteinhaufen und Totholz noch deutlich verbessert werden. Die „klassische Nutzung“ einer Streuobstwiese beinhaltet sowohl die Nutzung des anfallenden Obstes, wie auch die Unternutzung des Wiesengrundes als ein- bis zweischüriger Mähwiese oder als Weide.

Westfälische Apfelsorten
Westfälische Apfelsorten

Im Gütersloher Stadtgebiet finden sich noch an etlichen Höfen Restbestände von Streuobstwiesen mit zum Teil sehr alten Obstbäumen. Apfelbäume können sorten- und standortabhängig schon mal 130 Jahre alt werden, Birnbäume auch 300 Jahre. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Streuobstbau seine „Blütezeit“, von den damals über 3.000 bekannten Obstsorten im deutschsprachigen Raum gelten inzwischen sehr viele als verschollen oder sind ganz verschwunden.

Gelber Münsterländer-Borsdorfer-Baum
Gelber Münsterländer-Borsdorfer
 

Baum und Früchte des Gelben Münsterländer Borsdorfer. Der Baum steht an der Hofstelle Pohlmann am Außenheideweg in Hollen, geschätztes Alter circa 135 Jahre. Dieser Baum hat eine große Stammhöhle, die von vielen Tierarten als Wohn- und Nistquartier genutzt werden. Die Sorte wurde auf dem 1. Westfälischen Apfeltag 1994 in Isselhorst vom Pomologenverein identifiziert.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind insbesondere Nutzungsänderungen in der Landwirtschaft durch die Erweiterung von Gebäuden und Stallungen und „maschinengerechte“ Flächen. Auch die Ausweitung der Wohnbebauung im Siedlungsbereich, Rodungsprämien und veränderte „Geschmacksvorlieben“ beim Obst, hin zu vermehrt süßen, immer gleich bleibenden Qualitäten, die in wenigen Sorten weltweit gehandelt werden, bedrohen den Lebensraum Streuobstwiese seit Mitte der 60er Jahre massiv.

Mit dem „Kulturgut“ Obst beschäftigen sich im ländlichen Raum noch die Obst- und Gartenbauvereine und zunehmend auch Umweltverbände wie der Naturschutzbund NABU und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND. Mit dem Rückgang der Obstwiesenbestände droht nämlich ein massiver Verlust an Lebensräumen für seltene, zum Teil hoch spezialisierte Tier- und Pflanzenarten, sowie hunderter von Obstsorten.

Ab Mitte der 80er Jahre kam es auch in der Politik zu der Erkenntnis, dass Streuobstwiesen erhalten und neu angelegt werden sollten. Programme zur Neubegründung von Obstwiesen und die Kostenübernahme für die Pflege von Altbeständen wurden neu aufgelegt. Bundesweit kam es zur Wiedergründung des Pomologenvereins: Die “Obstsortenforscher“ beschäftigen sich auch wissenschaftlich mit dem Obstbau. Viele als verschollen gegoltene Sorten konnten inzwischen vom Pomologenverein aufgespürt, bestimmt und erhalten werden. Auch die älteste deutsche Apfelsorte, der Edelborsdorfer, seit dem 11. Jahrhundert als Sorte bekannt, wurde wiederentdeckt und konnte inzwischen vermehrt werden.

Eröffnung der westfälischen Apfeltage 2004 in Isselhorst
Eröffnung der westfälischen Apfeltage 2004 in Isselhorst

Die beiden westfälischen Apfeltage in Isselhorst 1994 und 2004 zeigten ein großes öffentliches Interesse am Thema Obst in all seinen Facetten, eine Vielfalt von über 150 Apfelsorten konnte seinerzeit präsentiert und zum Teil verkostet werden. Besonderes Augenmerk galt aber der Sortenbestimmung, hier konnten auch interessante, bisher unbekannte Sorten, gesichert werden.

Im Gütersloher Stadtgebiet gibt es neben den erwähnten Altbeständen auch einige jüngere Streuobstbestände, z.B. auf Ausgleichsflächen der Stadt (Ibrügger Straße, Schlangenbach, Heidewaldstraße, Buschstraße, Auf´m Eickholt, Am Pastorengarten), sehenswert ist auch die Sortenanlage im Stadtpark. Aber auch einige Landwirte und Hobbyobstfreunde haben in den letzten 20 Jahren in Gütersloh Obstwiesen angelegt.

Die Obstweise des Autors in Isselhorst am Außenheideweg
Die Obstweise des Autors in Isselhorst am Außenheideweg

Wichtig bei der Planung von Obstwiesen ist die spätere Unternutzung der Wiese, für eine Bewirtschaftung ist ein ausreichender Abstand der Bäume zueinander, sowie ein, in den ersten 10 bis 15 Jahren jährlich durchzuführender, Pflegeschnitt zur Entwicklung der Bäume notwendig. In Fachkreisen hat sich die Technik des Oeschbergschnittes nach Helmut Palmer für die Hochstammobstbaumpflege durchgesetzt. In Gütersloh gibt es jedes Jahr ein entsprechendes Kursangebot, Termine sind der Tagespresse zu entnehmen.

Die zunehmende Erkenntnis vom hohen Wert der Streuobstwiesen für die landbauliche Biodiversität wird allerdings durch Bestrebungen der EU gebremst. Die EU-Richtlinie 2008/90/EG „Inverkehrbringen von Vermehrungsmaterial und Pflanzen von Obstarten zur Fruchterzeugung“ zwingt ab 30. September 2012 zu einschneidenden Maßnahmen bei der Pflanzen- und Sortenreproduktion, u.a. zur kostenpflichtigen Registrierung beim Bundessortenamt. Das ist für die vielen Sorten auf den Streuobstwiesen ein nicht finanzierbares Unterfangen, hier droht ein großer Verlust für die Biodiversität. Ein formelles Sorten-Zulassungsverfahren mit Kosten von 3.000 € und mehr pro Sorte ist der Todesstoß für all diejenigen Aktivitäten, die sich um die Erhaltung der Vielfalt der Sorten im Obstbau bemühen.

Erschwerend kommt hinzu, das die Obstsortenzüchtung in den vergangenen 80 Jahren nur auf sehr wenige Ausgangssorten gesetzt hat. Aus Reihen des Pomologenvereins wird in einer aktuellen Untersuchung auf die Tatsache hingewiesen, das an 98 Prozent aller Züchtungen, inklusive der „schorfresistenten“ Neuzüchtungen, nur 6 (!) Ahnensorten beteiligt sind. Die Obstzüchter bringen also immer mehr Sorten in den Handel, die allesamt auf nur wenigen, genetisch zum Teil mehrfach verwandten Ursprungssorten basieren. Die Mehrzahl dieser Ahnensorten ist nachweislich auch stark krankheits- und schädlingsanfällig.

Biodiversität kann nur unter dem Gesichtspunkt eines Anpassungsprozesses an ständig fortschreitende und sich verändernde Umweltbedingungen verstanden werden. Je vielfältiger die Quellen für Züchtungsbestrebungen sind, umso anpassungsfähiger kann gezüchtet werden. Auf den Streuobstwiesen stehen noch zahlreiche, zum Teil unbekannte, Lokal- und Nischensorten mit hohem genetischen Potenzial. Rein ökonomisches Denken schadet den Interessen einer dem „Gemeingut“ verpflichteten Sortenzüchtung.

Als Leser können Sie helfen die Gütersloher Streuobstbestände dauerhaft zu sichern und etwas für die „nachhaltige Nutzung“ der Streuobstwiesen tun. Erwerben Sie beim Streuobstwiesenbesitzer im August/September doch mal einen Gravensteiner, einen der köstlichsten Tafeläpfel, oder die Harberts Renette im Oktober/November, den gelben Bellefleur und den Glockenapfel im Dezember bis März. Auch das Fallobst kann zu köstlichen und dazu preiswerten Leckereien verarbeitet werden. Probieren Sie den Saft aus heimischen Obstbeständen einer hiesigen Mosterei. Und wenn Sie über ein Garten- oder Wiesengelände verfügen, tun auch Sie etwas für die Biodiversität, pflanzen Sie im Herbst einen Obstbaum einer Lokalsorte, am besten als Halb- oder Hochstamm.

Informationen im Internet von Vereinen, die im Themenbereich Streuobst/Biodiversität aktiv sind:

Sehr empfehlenswert ist das Heft „Alte Obstsorten - neu entdeckt für Westfalen und Lippe“, herausgegeben von der Stiftung für die Natur Ravensberg (www.stiftung-ravensberg.de).


Der Autor:
Rainer Bethlehem bewirtschaftet in Isselhorst zusammen mit seiner Frau Renate einen großen Obstgarten unter ökologischen Gesichtspunkten und nutzt ihn regelmäßig für naturpädagogische Veranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen. Er setzt sich seit Jahrzehnten auch aktiv für den Umwelt- und Naturschutz in Gütersloh ein und wurde 1989 mit dem Umweltpreis der Stadt Gütersloh ausgezeichnet.

Fledermäuse

Seit über zehn Jahren beschäftigt sich der Arbeitskreis Fledermausschutz OWL intensiv mit den als streng schützenswert geltenden und in der Roten Liste der gefährdeten Arten aufgenommenen Fledermäusen. Über die Zeit haben die Fledermausfreunde eine tiefe Verbundenheit zu den zarten Flügeltieren entwickelt. Weit über die Grenzen Güterslohs und Rheda-Wiedenbrücks bekannt nehmen sie geschwächte und kranke Fledermaus-Findlinge bei sich zu Hause auf, um sie nach der Gesundung wieder in die Freiheit zu entlassen.

Pflegling mit großem Bruder: Ein Braunes Langohr
Pflegling mit großem Bruder: Ein Braunes Langohr

Manchmal bedarf es nur eines Schlückchen Wassers, das an Flüssigkeitsverlust leidenden Tieren auf die Flügel hilft, bisweilen jedoch kann auch eine umfangreichere Behandlung mit tierärztlicher Unterstützung vonnöten sein. Derzeit leben 13 Tiere, die zum Teil erst nur kurze Strecken fliegen können oder behinderte Fledermäuse, „Fußgänger“ genannt, in 3 Pflegeeinrichtungen. Die meisten sind Zwergfledermäuse, von denen einige Katzen- und Hundeangriffe überlebt haben und bis zu ihrer Gesundung in einer Zwergfledermaus-Wohngemeinschaft leben. Zwerg „Blacky“ wurde mit Farbe überstrichen, hat sein komplettes Bauchfell verloren und wartet nun darauf, dass der erste Flaum wieder sprießt. Liebevoll werden sie alle mit tierischer Insektenkost aufgepäppelt.

Oft kommen geschwächt aufgefundene Tiere schon mit einem Schluck Wasser wieder in Schwung (hier eine Fransenfledermaus)
Oft kommen geschwächt aufgefundene Tiere schon mit einem Schluck Wasser wieder in Schwung (hier eine Fransenfledermaus)

Wenn Dauerpfleglinge besonders zutraulich werden, nehmen diese gelegentlich an Vorträgen in Schulen, Kindergärten oder Ausstellungen teil. Fast jeder, der dabei Fledermäuse aus der Nähe betrachten kann, ist bereits nach kurzer Zeit dem Bann erlegen, der diesen feingliedrigen Flügeltieren einen Hauch von stiller Faszination zuteil werden lässt, weil oft das erste Mal im Leben Kontakt zu diesen scheuen Tieren geknüpft wird. Gierig machen sich dabei die Handflügler über die vorgehaltenen Mehlwürmer her und verfallen dabei in ein genüssliches Schmatzen. Währenddessen wird ausführlich über das interessante Spezialgebiet berichtet.

Infokasten:
Christa Jachnik, Joachim Oschlies und Thomas Bierbaum kümmern sich über die Grenzen des Kreises Gütersloh hinaus um geschwächte oder kranke Fledermaus-Findlinge.

Kontakt:
Christa Jachnik, Telefon 01 75 / 2 62 41 09
Joachim Oschlies, Telefon 01 51 / 17 99 09 89
Thomas Bierbaum, Telefon 01 51 / 12 14 29 33

Weitere Informationen:
www.fledermausschutz.de und www.bauen-tiere.ch

Etwa 24 Fledermausarten gibt es in Deutschland, hier im Umkreis finden wir davon ungefähr 14 (vergleiche Artenliste als Download). Das Arteninventar von Gütersloh ist jedoch erst unvollständig bekannt. Fledermäuse sind nirgends häufig. Da die Zwergfledermaus auch Verstecke an Gebäuden annimmt, fällt diese Art besonders auf. Der hoch fliegende Abendsegler ist bei Dämmerung gegen den Abendhimmel an seinem schnellen Flug und den schmalen Flügeln gut zu erkennen. Die hellbäuchige Wasserfledermaus jagt dicht über ruhigen Gewässern. Dort fischt sie Insekten mit ihren großen Füßen aus dem Wasser. An lauen Sommerabenden bemerken Fledermausfreunde in ihren Gärten gelegentlich das Braune Langohr, wie es kolibriartig über Beeten mit herrlich süß duftenden Nachfalterpflanzen Schmetterlinge fängt. Dieser Insektenjäger findet oft schon im ersten Winter neu angelegte Erdkeller. Leser, die Fledermausverstecke kennen oder Platz für ein solches Winterquartier haben (circa 100 Quadratmeter Flächenbedarf) sollten sich daher unbedingt bei den unten genannten Ansprechpersonen oder im Umweltamt melden.

Eine unserer seltenen Fledermausarten: ein Kleiner Abendsegler
Eine unserer seltenen Fledermausarten: ein Kleiner Abendsegler

Drastische Auswirkungen auf den Tierbestand haben leider der Mensch und seine Begleiterscheinungen, z.B. zerstören neue Siedlungen, Gewerbegebiete und Straßenbaumaßnahmen einzigartige und optimale Lebensräume; häufig zermalmen Windkrafträder, die auf neugierige Fledermäuse wie große Bäume wirken, die Insektenfresser auf ihrer Suche nach einem Unterschlupf. In dieser Umgebung finden wir im Spätsommer traurige Überreste der seltenen Tiere. Sicherlich fallen die kleinen Flugsäuger auch ihren natürlichen Feinden wie Ratten, Mardern, Eulen und Sperbern als Futter zum Opfer, besonders jedoch sind es die unbeaufsichtigten Hauskatzen, die die zarten Flügeltiere gerne aus der Luft schlagen und schwer verletzen oder töten ohne sie anschließend zu fressen. Was zur Folge hat, dass viele Fledermäuse unter starken Schmerzen - manchmal über Tage hinweg - qualvoll verenden.

Es gilt die Lebensbedingungen zu verbessern, um den Fortbestand unserer im Tierreich hierzulande nächsten Verwandten zu sichern. Dazu gehört möglichst viel erreichbares Futter von guter Qualität. Das sind nachtaktive Insekten, die in den Jagdgebieten der Fledermäuse allerdings auch vorkommen müssen. Das ist nicht selbstverständlich, wenn jede Nacht weiß leuchtende Lampen wie ein Staubsauger Insekten aus bis zu 700 Meter Entfernung aus den Lebensräumen der Nachtjäger anziehen. Über 90 Prozent der Fledermäuse jagen nicht im Licht von z.B. Straßenlaternen. Deswegen muss aus Sicht der Fledermäuse nachts die Beleuchtung auf ein Minimum reduziert werden. Weiße Lampen und die Beleuchtung von Fledermausquartieren ist tabu.

Nachtaktive Insekten werden von gelben oder orangefarbenen Lampen kaum angelockt. Nur gelbe LED, Natriumniederdruckdampflampen oder Orangefilter vor weißen Lampen sind nachtinsekten- bzw. fledermausverträglich. Das ist sogar für Menschen gut, weil gelbe oder sonnenuntergangsfarbene Beleuchtung beruhigend wirkt, Kontraste besser wahrzunehmen sind und Blendwirkungen durch weiße Lampen vermieden werden. Denn auch unsere Augen sind nachts nicht auf die Wahrnehmung von weißem Licht eingerichtet, das daher auch eher als störend empfunden wird.

Eine insektizidfreie Landschaft ist optimal. Mit Insektengift belastetes Futter verkürzt die Lebensdauer von Fledermäusen und reduziert ihre Nachwuchsrate. Um das zu erreichen dürfte niemand mehr Insektizide anwenden. Im privaten Bereich sollte das einfach möglich sein. Beim Verzehr von Bioprodukten ist das Risiko, Schadstoffe durch die Nahrung aufzunehmen, sehr gering. Würde die Nachfrage danach enorm steigen, wäre das ein großer Schritt hin zu einer giftfreieren Umwelt. Das käme den Fledermäusen und auch uns Menschen zugute.

Artenreiche Wildkräuter-Gärten locken eine bunte Mischung auch nachtaktiver Insekten herbei und bereichern dadurch das Futterangebot für Fledermäuse. Je intakter die Natur ist, umso besser können die sensiblen Säuger überleben.

In der Schweiz ist es selbstverständlich, bei Neu-, Um- und Ausbauten Artenschutzbelange von Gebäude bewohnenden Arten wie z.B. Fledermäusen zu berücksichtigen. Unterschlüpfe für diese Tiere werden eingeplant oder eingebaut - ein nachahmenswertes Modell. Fledermäuse und ihre Verstecke sind auch bei uns schon lange gesetzlich streng geschützt. Da diese Tiere eine sehr heimliche Lebensweise führen, wird oft aus Unkenntnis so manches Versteck zerstört.

Breitflügelfledermaus
Großes Mausohr
 

Perspektive kopfunter: Eine Breitflügelfledermaus (links) hat einen Hohlblockstein als künstliches Quartier angenommen. Das seltene Große Mausohr (rechts) hat hier ein künstliches Winterquartier bezogen; seine kolonieartigen Wochenstuben befinden sich dagegen gerne in großen Dachstühlen

Deswegen versucht der Arbeitskreis Fledermausschutz OWL möglichst viele neue Fledermausfreunde zu gewinnen, damit diese den Lebensraum der Fledermäuse auch durch das Anbieten von Verstecken verbessern. Bei der Entwicklung von Fledermauskästen oder -verstecken helfen sogar die Pflegetiere mit. Das hat zur Entwicklung von Mehrspaltkästen und Winterverstecken aus Hartschaum und Fliesenkleber geführt. Hängen die Pflegetiere am liebsten in den erfundenen Verstecken, dann verhalten sich die Fledermäuse draußen bislang genauso. Mittlerweile kann innerhalb eines Tages ein klimastabiles Winterquartier neu erstellt werden. Das kann auch optisch ansprechend aussehen, wie das 2010 in einem Naturschutzgebiet erstellte Winterdomizil für Nachtfalter, Amphibien, Schwebfliegen und Fledermäuse.

Lebensraumschutz für Fledermäuse bedeutet den Erhalt einer gesunden, intakten Umwelt und sichert damit auch unsere eigenen Lebensgrundlagen.

Die Autorin:
Christa Jachnik engagiert sich seit vielen Jahren im Arbeitskreis Fledermausschutz OWL und hat in Gütersloh eine Pflege- und Auswilderungsstation eingerichtet, in der Tiere aufgenommen werden. Eine Aufgabe des Arbeitskreises ist Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen von Vorträgen, Infoständen und auch Zeitungsartikeln.

Heuschrecken

Was viele nicht wissen: Heuschrecken können singen! Zwar nicht so brillant wie manche Vogelart oder gar OpernsängerInnen, aber mit Hilfe von Flügeln und/oder Hinterbeinen gelingt ihnen dies recht passabel. Den meisten Leuten ist das Zirpen einer Grille oder das laute Knattern vom Grünen Heupferd vertraut. Es gibt aber noch viel mehr Varianten der Stridulation - so nennt der Fachmann diese Lauterzeugung - und man kann einen Großteil der Arten danach unterscheiden.

Auf dem Stadtgebiet von Gütersloh leben aktuell ungefähr 23 Heuschrecken-Arten (Artenliste siehe Download). Dies ist zwar nur ein kleiner Prozentsatz der 54 in Nordrhein-Westfalen heimischen Heuschrecken, dafür besiedeln sie die unterschiedlichsten Lebensräume. Abgesehen von sehr speziellen Habitaten, wie sie die Gewächshausschrecke benötigt (der Name kommt nicht von ungefähr!), kommen viele heimische Arten entlang von Straßen, Wegen oder auf Wiesen und Weiden vor.

Eine in Nordrhein-Westfalen selten gewordene Art ist die Sumpfschrecke. Sie kommt in Gütersloh in den Naturschutzgebieten „Am Lichtebach“ und „Große Wiese“ in beachtlichen Beständen vor. Wichtig für ihr Überleben ist ein ausreichend feuchter Boden, damit die darin abgelegten Eier nicht bis zum nächsten Frühjahr austrocknen. Eine Besonderheit stellt ihr „Ruf“ dar: durch das nach hinten Schleudern der Hinterbeine wird ein „Knipsen“ erzeugt wie man es mit Fingernägeln nachahmen kann. Davon lässt sie sich auch anlocken und antwortet darauf. Probieren Sie es einfach im nächsten Sommer bei einem ihrem Spaziergänge entlang einer Feuchtwiese aus. Aber bitte nicht mitten hindurch gehen, wegen möglicher Brutplätze oder einer negativen Reaktion des ansässigen Landwirtes!

Die Sumpfschrecke, auch "Knipse" genannt (Foto: Ingo Jürgens)
Die Sumpfschrecke, auch "Knipse" genannt (Foto: Ingo Jürgens)

Eine weitere besondere Art stellt die Feldgrille dar. Sie bewohnt Sandtrockenrasen oder trockene Heidebestände. Die gibt es auch noch in Gütersloh, beispielsweise auf dem ehemaligen Tanklager-Gelände bei Niehorst. Hier lebten im Jahr 2000 über 100 Tiere dieser seltenen Grillenart, wie Untersuchungen der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld ergaben. Daraufhin wurde mit der Umweltstiftung der Stadt Gütersloh das Projekt "Entwicklung nährstoffarmer Offenlandbiotope im Umfeld der Niehorster Heide" ins Leben gerufen. Durch Ankauf von geeigneten Flächen, Abschiebung des Oberbodens und einer extensiven Bewirtschaftung durch Schafbeweidung bzw. Mahd konnten die Lebensbedingungen für die Feldgrille und andere Trockenheit liebende Tiere und Pflanzen optimiert werden. Bei einer Folgeuntersuchung im Jahr 2009 wurden fast 500 rufende Feldgrillen-Männchen festgestellt! Da sie in Nordrhein-Westfalen stark gefährdet ist - dies entspricht der zweithöchsten Gefährdungskategorie - hat die Stadt Gütersloh eine besondere Verantwortung für diese Art.

Die Feldgrille bevorzugt Sandmagerrasen (Foto: Ingo Jürgens)
Die Feldgrille bevorzugt Sandmagerrasen (Foto: Ingo Jürgens)

Eine weitere Grillenart lebt sehr versteckt und ist nicht leicht zu entdecken: die Waldgrille. Die Art ist landesweit ungefährdet, kommt in Gütersloh aber ausschließlich in Feldgehölzen mit Birken und Eichen oder lichten Waldrändern vor. Sie lebt dort im Falllaub, ist nur einen Zentimeter groß und fällt mit ihrer schwarz-braunen Färbung nicht weiter auf. Der leise Ruf ist an warmen Augusttagen zu vernehmen und erinnert an das weiche Schnurren einer Nähmaschine.

Für den Nachweis einer weiteren, versteckt lebenden Heuschrecke hat sich ein technisches Gerät als sehr hilfreich erwiesen: der Fledermaus-Detektor (auch Bat-Detektor genannt). Es wandelt Ultraschall-Signale in für den Menschen hörbare Signale um. Kinder und Jugendliche können das Sirren der Kurzflügeligen Schwertschrecke noch ohne Hilfsgeräte hören. Unsereins hat bei Geräuschen ab 16 Kilohertz (16.000 Impulse pro Sekunde) schon arge Hörprobleme. Die verbesserte Nachweismethode führte auch dazu, dass die ehemals als gefährdet eingestufte Heuschrecke ab 1999 "nur" noch auf der Vorwarnliste erschien. Diese Einschätzung trifft auch auf Gütersloh zu. Überall dort, wo noch geeignete Strukturen wie Entwässerungsgräben oder Uferzonen mit Binsen und Hochstauden vorhanden sind, kommt die Art meist in guten Beständen vor. Sie ist allerdings darauf angewiesen, dass solche Bereiche nicht komplett auf einmal gemäht werden, da ihre Eier in die markhaltigen Stängel von Pflanzen abgelegt werden. Eine möglichst schonende Bewirtschaftung ist also der Garant für den Erhalt einer hohen Artenvielfalt - nicht nur für Heuschrecken!

Der Autor:
Jürgen Schleef, Jahrgang 1963, lebt in Paderborn und studierte an der Universität Bielefeld mit Schwerpunkt Ökologie. Er ist Mitarbeiter der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld und hat Veröffentlichungen und Gutachten über Heuschrecken und Libellen in Ostwestfalen verfasst.

Hausgeflügelrassen

Einschlägige alte Schriften und Bücher geben uns Kenntnis davon, wieweit im großen und bunten Bereich der Fauna das Geflügel den tierliebenden Menschen seit alters her interessierte. Das Geflügel reizt sicher nicht nur wegen seiner Nützlichkeit den Menschen zu allen Zeiten, es war auch Freude am Schönen, Freude daran sie zu vervollkommnen und dabei der Natur immer wieder Neues entlocken zu können. Als Hausgeflügel werden verschiedene Rassen der Puten, Gänse und Enten, Hühner und Zwerghühner, Tauben sowie vielerlei Arten von Ziergeflügel gehalten.

Die Pute kam als domestizierte Form des in Nord- und Mittelamerika wildlebenden Truthuhns vielleicht schon Ende des 15. Jahrhunderts mit Columbus nach Deutschland. Es ist bekannt, dass die Indianer diese Tiere schon sehr viel früher als Haustiere hielten.

Die Zucht des Wassergeflügels (Gänse und Enten) ist schon Jahrtausende alt. Vor 2.400 Jahren wurden von den Ägyptern bereits Gänse gehalten.

Den Zeitpunkt der Haustierwerdung des Huhns kennen wir nicht genau, aber es muss schon vor über 5.000 Jahren gewesen sein, denn bereits in altindischen Schriften vor 3.000 Jahren wird das Huhn als Hausvogel erwähnt. Als Urhuhn gilt das Bankivahuhn aus Südostasien.

Bankivahahn (Quelle: www.lernblog.uni-bielefeld.de)
Bankivahahn (Quelle: www.lernblog.uni-bielefeld.de)

Stammart der domestizierten Haustaube ist die Felsentaube, die in Eurasien und Afrika noch heute wild vorkommt und bei uns sekundär verwildert als Straßen- oder Stadttaube lebt. In Ägypten wurde sie vor mehr als 6.000 Jahren zum Gefährten des Menschen. Bis in die heutige Zeit wird die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel als Symbol des Friedens dargestellt.

Von den verschiedenen Arten des Ziergeflügels hielten die Griechen schon im Altertum zahlreiche Zuchtstämme. In Hessen und Süddeutschland gab es 1333 die ersten Bestände.

Im Kreis Gütersloh, auch „Hühnerhof Deutschlands“ genannt, hatte die Geflügelzucht eine große Bedeutung. Das galt auch für das Stadtgebiet von Gütersloh. Sicher gibt es hier auf unseren leichten Sandböden ideale Verhältnisse. Eine weitere sehr gute Voraussetzung zur Verbreitung der Kleintierzucht ist das Vorhandensein der vielen kleinen und mittleren Bauernhöfe, auf denen schon in früheren Jahrhunderten Geflügel gehalten wurde. Weit verbreitet waren damals die Rassen Krüper, Totleger, Wyandotten und Italiener (vergleiche hierzu den Artikel über Hühnerrassen).

Heute sind beim Wassergeflügel Warzenenten, Streicherenten, Laufenten und besonders Zwergenten in vielen Farben beliebt und gut vertreten, Mandarinenten sind häufig vorhanden. Bei Hühnern und Zwerghühnern gibt es immer noch Wyandotten, aber auch Barnevelder, Welsumer, Italiener und Reichshühner. Dominant vorhanden sind bei den Tauben die Modeneser, dazu kommen King, Kröpfer, Trommeltauben und Feldfarbentauben.

Lippegans (Foto: Ulrike Weber, Schulbauernhof Ummeln)
Lippegans (Foto: Ulrike Weber, Schulbauernhof Ummeln)

Der Kreis der Ziergeflügelliebhaber ist klein. Im Gegensatz zu den Wirtschaftsgeflügelhaltern, die große Bestände halten, verfügen die Rassegeflügelzüchter nur über wenige Tiere. Viele Züchter, die in der Stadt oder Stadtnähe wohnen, mussten wegen Lärmbelästigung oder anderer Gründe leider ihr Hobby aufgeben. Einige der früher häufig anzutreffenden Geflügelrassen stehen auf der sogenannten „Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen in Deutschland“, die von der GEH geführt wird (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V). Von den für unserem Raum typischen alten Rassen werden dort die Krüper und die Lippegans als extrem gefährdet geführt, die Deutschen Sperber als stark gefährdet, die Lakenfelder und die Pommernente als gefährdet, und die Westfälischen Totleger werden in der Vorwarnstufe „zur Bestandsbeobachtung“ geführt.

Pommernente (Foto: Frank Wellenbrink, Schulbauernhof Ummeln)
Pommernente (Foto: Frank Wellenbrink, Schulbauernhof Ummeln)

20 Vereine im Kreisverband Gütersloh, davon 6 im Stadtgebiet Gütersloh, beschäftigen sich mit der Rassegeflügelzucht. Alle führen eine Ortsschau durch, auf der viele der genannten Rassen vertreten sind. Einige Vereine machen zusätzlich eine gute Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel Beteiligung an Bauernmärkten, Aufstellen einer Brutmaschine in der Schule, Volieren in der Nähe von Altersheimen, Beteiligung an Ferienspielen, Beteiligung an Festumzügen und vieles mehr. Seit vielen Jahren führen die Rassegeflügelzüchter des Kreises Gütersloh die Aktion „Wir helfen“ durch. Vielen notleidenden Menschen und Einrichtungen konnte mit dieser Aktion geholfen werden.

Der Autor:
Hans Jürgensmann ist Ehrenvorsitzender des Geflügelzucht- und Gartenbauvereins Isselhorst e.V. und war dessen langjähriger Vorsitzender.

Hühnerrassen

Seit vielen Hundert Jahren werden in Mitteleuropa - und damit auch im Raum Gütersloh - Hühner gehalten.
Zunächst gab es keine festgelegten Rassen, sondern unterschiedlich aussehende, aber robuste und angepasste Tiere, die mit der jeweiligen Umgebung gut zurechtkamen. Durch die einfache Haltung an den Höfen oder Kotten und die nur geringe Zufütterung setzten sich letztlich die widerstandsfähigsten Tiere auf jedem Hof durch. Da jedoch keinerlei Tiere von außerhalb zugeführt wurden, war die genetische Vielfalt eher gering.

Ab etwa 1800 wurden aus den verschiedenen Spielarten dieses Landhuhns nach und nach eigenständige Rassen erzüchtet. In der hiesigen Gegend waren die Lakenfelder (die auch Jerusalemer Hühner genannt wurden), die Krüper und die Westfälischen Totleger verbreitet. Im weiteren nordwestdeutschen Raum gab es die Bergischen Kräher, Ostfriesischen Möven und Hamburger Hühner. Im übrigen Deutschland gab es eine Handvoll weiterer Rassen.

Westfälische Totleger-Hennen
Westfälische Totleger-Hennen

Alle diese Rassen, die es auch heute noch gibt, sind zwar von verschiedener Färbung und Größe, sie haben jedoch auch einige Gemeinsamkeiten. So sind sie alle gut flugfähig (was bei der einfachen Freilandhaltung als Schutz vor Feinden unbedingt notwendig war) und haben alle graue Beine, weiße Ohrscheiben und legen weißschalige Eier. Schon allein daran erkennt man ihre nahe Verwandtschaft.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden nach und nach Hühnerrassen aus West- und Südeuropa eingeführt, einige auch aus Südostasien. Es galt damals in wohlhabenden Kreisen als schick, in großen Gartenanlagen auffällige und noch nie gesehene Rassen zu präsentieren. Vorbild waren die Hühnerhöfe der englischen Königin Victoria.

Auch in Gütersloh und Umgebung hat es sicher wohlhabende Menschen gegeben, die besondere Hühnerrassen zur Repräsentation hielten. Dazu gehörten z. B. die Rassen Brahma und Cochin (‚Riesenhühner’ aus Südostasien, flugunfähig), Indische Kämpfer (in England erzüchtet) und Haubenhühner aus Frankreich und Italien (Houdan; Paduaner). Bei den einfacheren Leuten, die die Hühner weiterhin als Nutztiere hielten, kamen ebenfalls neue Rassen hinzu. Z. B. weiße Leghorn und rebhuhnfarbige Italiener, die deutlich mehr Eier legten als die bekannten heimischen Rassen.

Im Zuge dieser Entwicklung wurden ab 1850 in ganz Deutschland Geflügelzuchtvereine gegründet, deren Mitglieder die verschiedensten Rassen hielten und bei Ausstellungen prämieren ließen. So wurde der Bielefelder Verein 1861 gegründet, der Gütersloher im Jahr 1881.

Im 20. Jahrhundert wurden dann weitere Rassen importiert und zum Teil mit den bereits vorhandenen gekreuzt. So entstanden in diesem Zeitraum neue Züchtungen, wie die Kraienköppe, die Deutschen Reichshühner und die Niederrheiner; im benachbarten Holland die Welsumer und die Barnevelder. Außerdem kamen Rassen aus Übersee dazu, insbesondere aus den USA. Dazu zählten die New Hampshire, Amrocks und Rhodeländer; außerdem aus Australien die Australorps.

Eine weitere Tendenz des 20. Jahrhunderts war die ‚Verzwergung’ der vorhandenen Hühnerrassen. Das heißt durch Kreuzung und Auslese wurde versucht, die bekannten Spielarten in viel kleinerer Größe zu erzielen. Diese neuen Zwergrassen waren vollständig ausgewachsene Hühner, die einfach kleiner blieben. Daher benötigten sie weniger Platz und weniger Futter als ihre großen Ahnen und konnten so auch in Siedlungen und Vorstädten gehalten werden. Es entstanden Verzwergungen von nahezu allen bekannten Rassen.

Zwerg-Wyandotte silberfarbig gebändert
Zwerg-Wyandotte silberfarbig gebändert

Letztlich entwickelte sich eine Vielzahl von Hühnerrassen; der Höhepunkt der Rassenvielfalt war wohl in den 1950er und 1960er Jahren. Aus mehreren Gründen gab es danach einen langsamen, aber stetigen Rückgang:

Durch den zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung wurde die Selbstversorgung, die Jahrhunderte lang unverzichtbar war, nach und nach überflüssig und die Zahl der Hühnerhalter insgesamt nahm kontinuierlich ab. Außerdem stiegen die verbliebenen Hühnerhalter nahezu vollständig auf die sogenannten ‚Legehybriden’ um, die wesentlich mehr Eier im Jahr legten als die bisher bekannten Rassen. Auch die schwereren Rassen, die gut zu mästen waren, wurden durch ‚Mast-Hybriden’ abgelöst. Damit wurden die vielen, teilweise schon uralten Hühnerrassen aus wirtschaftlicher Sicht plötzlich nicht mehr benötigt.

Zum Glück wurden sie im Nebenerwerb oder aus reiner Liebhaberei weiter gezüchtet, so dass bis heute die allermeisten Rassen (und damit ihr genetisches Potential) erhalten werden konnten. Ob das in der Zukunft weiterhin gelingen wird, ist fraglich. Denn aus vielen Gründen nimmt die Zahl der Hühnerhalter weiter ab (demographische Entwicklung; riesiges Angebot anderer Freizeitaktivitäten; kein Platz in heute üblichen Siedlungsgebieten; Belästigung der Nachbarn durch Hahnenkrähen).

Man kann an dieser Stelle nur an alle Bürger/innen appellieren, Hühnerrassen zu halten, sofern sie die Möglichkeit dazu haben, damit es auch in Zukunft noch ‚Jerusalemer Hühner’ und Co. zu bewundern gibt.

Einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Rassenvielfalt leisteten und leisten noch immer die ‚Rasse-Geflügelzuchtvereine’.
In der Stadt Gütersloh gibt es zurzeit 6 Vereine, die jährlich im Herbst eine Ausstellung durchführen und dort die verschiedensten Rassen präsentieren.

Die Ansprechpartner der Gütersloher Vereine sind:

  • Avenwedde: Horst Lünstroth, Egerländer Str. 1, Telefon 0 52 41-7 86 40
  • Friedrichsdorf: Dieter Böker, Starenweg 27, Telefon 0 52 09-58 94
  • Gütersloh: Wilfried Hunke, Im Kuhkamp 40, Telefon 0 52 41-42 81
  • Isselhorst: Rolf Brandt, Steinheideweg 83, Telefon 0 52 41-6 86 70
  • Niehorst: Jens Dopheide, Landmannstr. 12, 33790 Halle, Telefon 0 52 01-57 99
  • Spexard: Eckhard Westerbarkei, Stükerkamp 30, Telefon 0 52 41-47 04 80

Heute werden in der Stadt Gütersloh noch etwa 30 Hühnerrassen gehalten, dazu gehören u. a. die Rassen Amrocks, Barnevelder, Bielefelder Kennhühner, Dresdner, Italiener, Kastilianer, Lakenfelder, New Hampshire, Niederrheiner, Vorwerkhühner, Welsumer, Wyandotten, Zwerg-Amrocks, Antwerpener Bartzwerge, Bantam, Zwerg-Barnevelder, Bielefelder Zwerg-Kennhühner, Zwerg-Brakel, Zwerg-Italiener, Zwerg-Kastilianer, Zwerg-Plymouth-Rocks, Zwerg-Rheinländer, Zwerg-Seidenhühner, Zwerg-Sulmtaler, Zwerg-Welsumer, Zwerg-Wyandotten. (Die Liste ist sicherlich nicht vollständig.)

Noch ein paar Worte und Bilder zu ausgewählten Rassen:

Lakenfelder

Die Lakenfelder sind eine der ältesten Rassen Westfalens und hier vor etwa 200 Jahren erzüchtet worden. Im 19. Jahrhundert wurden sie analog ihrer französischen Bezeichnung ‚poule de jerusalem’ auch ‚Jerusalemer Hühner’ genannt. (Der weitere Hintergrund dieser Namensgebung ist aber nicht bekannt.) Mit ihrer weißen Färbung und dem schwarzen Hals und schwarzen Schwanz sind sie eine besonders auffällige Rasse. Ihre Legeleistung beträgt etwa 170 Eier im Jahr. Das war in früheren Zeiten sehr beachtlich und brachte der Rasse, verbunden mit ihrer Widerstandsfähigkeit und Genügsamkeit, eine weite Verbreitung. Damit konnten sie allerdings gegen die ab 1870 eingeführten ‚neuen’ Rassen (wie z. B. die Italiener, siehe unten) nicht bestehen. Aus Tradition und aufgrund der einzigartigen Schönheit werden die Lakenfelder aber auch heute noch in Gütersloh gehalten. Sie gelten heute als gefährdete Hühnerrasse und stehen auf der Roten Liste der GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V.).

Lakenfelder Hahn
Lakenfelder Hahn

Krüper

Eine zweite uralte westfälische Rasse sind die Krüper (niederdeutsch: ‚Kriecher’). Ihre Besonderheit sind die ungewöhnlich kurzen Beine (‚Dackel-Hühner’), die ihnen nur ein langsames Gehen erlauben. Das war in früheren Zeiten vor allem für die kleinen Heuerlinge von Vorteil, denn ihre Tiere konnten sich so nicht so weit vom Hof entfernen und richteten damit keinen Schaden an bei den weiter entfernt liegenden Äckern der großen Bauern. Insofern waren die Krüper ein typisches Huhn der kleinen Leute. Abgesehen von ihrer Kurzbeinigkeit handelte es sich aber um normal entwickelte, robuste Hühner. Mittlerweile sind sie sehr selten geworden und stehen als ‚extrem gefährdet’ auf der Roten Liste.

Krüper
Krüper

Bielefelder Kennhuhn

Das Bielefelder Kennhuhn ist eine sehr junge Rasse, sie wurde zielgerichtet um die 1970er Jahre herum gezüchtet und im Jahre 1980 vom BDRG (Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter e.V.) anerkannt. Namensgebend ist die Herkunft aus der Stadt Bielefeld.
Das Bielefelder Kennhuhn wurde aus verschiedenen halbasiatischen Rassen (Amrock, Mechelnern, New Hampshire, Rhodeländer und Welsumer Hühner) gezielt von einem Bielefelder Züchter gezüchtet. Diese Rassen haben die Gemeinsamkeit, dass sie Sperber- bzw. Streifungsfaktoren besitzen, eine äußerst beliebte Färbung. Ein außerdem vom Züchter gewünschtes Merkmal war die Möglichkeit, das Geschlecht der Küken gleich nach dem Schlupf zu erkennen (sogenannte kennfarbige Hühner), was durch den Einsatz der oben genannten Zuchtrassen ermöglicht wurde.
Das Bielefelder Kennhuhn zeichnet sich durch sein rötlich bis gelbes Mantelgefieder und hellgraue Sperberstreifen aus. Es sind zwei Farbvarianten anerkannt: die kennfarbige und die silber-kennfarbige. Dabei ist die kennfarbige die „Ursprungszüchtung“. Hahn und Henne weisen einen farblichen Unterschied auf, wodurch sie auch direkt nach dem Schlupf gut erkennbar sind. Die männlichen Bielefelder Kennhühner weisen ein ockergelbes Flaumkleid mit hellem Rückenstreifen und weißem Sperberfleck auf dem Kopf auf, die Hennen einen hellbraunen Kükenflaum mit dunkelbraunem Rückenstreifen und ebenfalls einem kleinen Sperberfleck auf dem Kopf. Die Läufe bei den „Erwachsenen“ haben einen gelben/ockerfarbenen Ton und der Kamm ist saftig-rot.
Die Kennhühner sind bekannt für ihre natürliche Robustheit und die relativ hohe Legeleistung von circa 230 Eiern. Gerade deshalb sind sie auch sehr interessant für die nicht-gewerbliche Haltung dieser Rasse. Eine Haltung in mobilen Hühnerställen oder kleineren Ställen ist möglich. Durch ihre Optik und ihr ruhiges Temperament sind sie auf vielen Höfen eine gern gesehene Abwechslung und verschönern das Hofleben.
Erhaltungsmaßnahmen:
Mit dem Aussterben alter Haustierrassen, die heute nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden, droht auch ein Genverlust für Eigenschaften, die vielleicht irgendwann wieder interessant werden (z.B. Widerstandskraft gegen Krankheiten). Die Erhaltung alter Rassen liegt daher auch im allgemeinen Interesse und wird z.B. von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (www.g-e-h.de) sowie von örtlichen Geflügelzuchtvereinen verfolgt.
Die örtlichen Bestände der im Gütersloher Raum verbreiteten Bielefelder Kennhühner (und anderer Landgeflügelrassen) sind zurzeit kaum dokumentiert. Eine Bestandsaufnahme zum Zwecke des Austausches und der gegenseitigen Unterstützung könnte ein erster Schritt zur Erhaltung der Landrassen auch in unserem Raum darstellen.

Quellen:
https://www.huehner-haltung.de/gefluegel/huehnerrassen/bielefelder-kennhuhn/
http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/1641-Bielefelder-Kennh%C3%BChner
Horst Tasche, RZGV Milse
www.g-e-h.de

Brahma-Hühner

Eine außergewöhnliche Erscheinung sind die Brahma-Hühner. Sie gelten mit ihren 70 Zentimeter Größe und einem Gewicht von 5 Kilogramm als Riesenhühner und gehören zu den allerersten Rassen, die vor circa 150 Jahren aus Südostasien eingeführt wurden. Sie weisen eine große Federfülle auf und sind aufgrund ihrer Größe nicht mehr flugfähig.

Brahma
Brahma

Italiener

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Italiener weit verbreitet. Sie stammten, wie der Name schon sagt, aus dem südeuropäischen Staat und legten deutlich mehr Eier als die älteren hiesigen Rassen. Heutzutage werden sie immer noch von vielen Hobbyzüchtern gehalten. Es gibt sie in über 20 verschiedenen Farbschlägen. So werden neben den bekannten rebhuhnfarbigen auch einfarbig schwarze, weiße, rotbraune und gelbe Tiere gezüchtet; weiterhin schwarz-weiß-gescheckte, gestreifte und viele weitere Farbkombinationen. Diese schön gefärbte Rasse mit ihren gelben Beinen und dem großen, roten Kamm ist übrigens für viele das Idealbild eines Huhnes schlechthin. Das wird z. B. daran deutlich, dass in den meisten Bilderbüchern ein rebhuhnfarbiger Italiener-Hahn als typischer Haushahn dargestellt wird.

Italiener Hahn
Italiener Hahn

Unter den Zwerghühnern sind die Zwerg-Wyandotten die heute am stärksten verbreitete Rasse. Sie wurde im 20. Jahrhundert in England, Deutschland und den Niederlanden erzüchtet und ist ein reines Zierhuhn. Es gibt sie ebenfalls in sehr vielen Farbschlägen. Aufgrund ihrer Beliebtheit kommt es vor, dass auf großen, übergeordneten Geflügelausstellungen bis zu 1.000 Tiere dieser Rasse gezeigt werden. Auch in Gütersloh gibt es einige Züchter von Zwerg-Wyandotten.

Die Autoren:
Helmut Barteldrees (Jahrgang 1962) ist Mitarbeiter im städtischen Fachbereich Grünflächen und dort u.a. für Stadtökologie, Ausgleichsflächen und Baumschutz zuständig. Er engagiert sich außerdem als Experte für Rassegeflügelzucht und alte Obstsorten im Geflügelzucht- und Gartenbauverein Ummeln.
Bielefelder Kennhuhn: Bjarne Brakensiek



Quellenverzeichnis: •BDRG (Bund deutscher Rassegeflügelzüchter e. V.): Internetauftritt www.bdrg.de

  • Detering, Wilfried: 125 Jahre Geflügelzucht in Westfalen; Bielefeld, 1986
  • GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V.): Internetauftritt www.g-e-h.de
  • Katalog der Kreisverbandsschau der Rassegeflügelzüchter Gütersloh in Verl vom 11. + 12.12.2010

Kleinsäuger ("Mäuse")

Die landläufig unter dem Begriff "Mäuse" zusammengefassten Tiere lösen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Während einige Arten als niedliche Haustiere gehalten werden, kann der unerwartete Anblick eines vorbei huschenden Tieres auch dazu führen, dass die Hausfrau aus Angst und Ekel auf den nächsten Stuhl klettert.
In der freien Landschaft sind diese Kleinsäuger allgegenwärtig, auch wenn man sie kaum zu Gesicht bekommt. In Gütersloh kommen 5 Spitzmaus- und 10 Nagetierarten vor, die zu den Mäusen gerechnet werden (Artenliste sieh Download). Während die Spitzmäuse sich von Insekten und Würmern ernähren, fressen die Nagetiere je nach Art von kleinen Wirbellosen über Pflanzen bis hin zu Nahrungsabfällen nahezu alles. Insbesondere die Arten, die in Häuser eindringen und zu Vorratsschädlingen werden können, wie Hausmaus und Wanderratte haben zum schlechten Ruf der ganzen Gruppe beigetragen. Dabei spielen die Tiere eine hervorragende Rolle im Naturhaushalt.

Die Hausspitzmaus macht sich im Garten nützlich, sie frisst Insekten und Würmer. (Foto: Holger Meinig)
Die Hausspitzmaus macht sich im Garten nützlich, sie frisst Insekten und Würmer. (Foto: Holger Meinig)

Von den Spitzmäusen kommt die Hausspitzmaus dem Menschen am nächsten, weil sie besonders im Winter auf nicht zu niedrige Temperaturen angewiesen ist. Häufig leben die Tiere in Hausgärten, wo sie als Unterschlupf besonders gerne Komposthaufen nutzen. In diesen ist es in Folge der bei der Verrottung von Pflanzenteilen entstehenden Gärungswärme wärmer als in der Umgebung und ausreichend Futter in Form von Insekten und Würmern ist auch vorhanden. Wenn es doch zu kalt wird oder bei einem Nahrungsengpass verringern die Tiere ihre Körpertemperatur sowie Atmung und Herzschlagrate um Energie zu sparen. Hausspitzmäuse werden häufig von Katzen gefangen, aber nicht gefressen. Wahrscheinlich schmecken die Tiere auf Grund eines Sekrets nicht, das aus Drüsen an den Flanken ausgeschieden wird.

In Laubwäldern zuhause: die Gelbhalsmaus. (Foto: Holger Meinig)
In Laubwäldern zuhause: die Gelbhalsmaus.
(Foto: Holger Meinig)

In Laubwäldern lebt die Gelbhalsmaus. Sie entspricht mit ihren großen Augen und Ohren und ihrem langen Schwanz dem allgemeinen Bild einer Maus. Die rein nachtaktiven Tiere fressen Baumsamen wie Bucheckern, Eicheln und Nüsse sowie kleine Insekten. Für den Winter werden Nahrungsvorräte in meist unterirdischen Lagern angelegt. Da nicht alle eingebrachten Samen auch verzehrt werden oder die Lage mancher Verstecke auch vergessen wird, „pflanzen“ die Tiere neue Bäume und tragen so zur natürlichen Verjüngung unserer Wälder bei. Ein Teil der nordwestlichen Verbreitungsgrenze der Gelbhalsmaus verlief bis Mitte der 80er Jahre durch Ostwestfalen, sie war über viele Jahre hinweg stabil. Seitdem breitet sich die Art nach Nordwesten aus. Inzwischen ist Westfalen nahezu vollständig in geeigneten Lebensräumen besiedelt. Der Grund für diese Arealausweitung ist noch nicht geklärt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der Klimaerwärmung oder mit der Ausdehnung von Waldflächen im westlichen Münsterland.

Die Feldmaus ist trotz ihrer nur geringen Körpergröße von großer ökologischer Bedeutung in Offenlandlebensräumen. (Foto: Holger Meinig)
Die Feldmaus ist trotz ihrer nur geringen Körpergröße von großer ökologischer Bedeutung in Offenlandlebensräumen. (Foto: Holger Meinig)

Eine in der Kulturlandschaft früher sehr häufige Art ist die Feldmaus, die bis Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts bei Massenvermehrungen auch zu Schäden in der Landwirtschaft führen konnte. Es wurden bereits Dichten von 5.000 Tieren je Hektar Grünland gezählt, aber das sind absolute Ausnahmefälle. Normalerweise leben 60 bis 100 Tiere auf einem Hektar. Nur 60 der Tiere produzieren im Jahr 133 Kilogramm Kot und hinterlassen außerdem 52 Kilogramm Pflanzenhäcksel. Damit tragen Feldmäuse maßgeblich zum Stoffumsatz und zur Nährstoffverfügbarkeit für Pflanzen in ihren Lebensräumen bei. Durch ihre Wühltätigkeit verbessern sie außerdem die Durchlüftung des Bodens. Viele Greifvögel und Eulen, Fuchs und Marder ernähren sich zu einem großen Teil von Mäusen und besonders von der Feldmaus. Durch moderne, zunehmend industrialisierte Produktionsmethoden mit immer größeren Maschinen in der Landwirtschaft kann die Feldmaus heute in ihrem ursprünglichen Lebensraum, Feldern und Wiesen, kaum mehr leben, sie ist auf Wegraine und Brachen zurückgewichen. Damit hat sich auch das Nahrungsangebot für die Beutegreifer stark verringert. Dies wurde besonders in den Jahren 2008 und 2009 deutlich. Nach einem besonders guten Mäusejahr 2007, in dem sich viele Beutegreiferarten, deren Nahrungsgrundlage die Feldmaus ist, auch stark vermehrt hatten, wurde die EU-Bracheverordnung aufgehoben. Diese Verordnung besagte, dass circa 10 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen unbewirtschaftet bleiben mussten, um so Überproduktionen zu vermeiden. Die Flächen wurden freigegeben um auf ihnen Pflanzen zur Produktion von Biokraftstoffen und für Biogasanlagen zu erzeugen. Damit verlor die Feldmaus einen großen Teil ihrer verbliebenen Lebensräume. Die relativ hohen Bestände der Greifvögel und Eulen und kleinen Raubtiere fanden in der Normallandschaft keine Nahrungsgrundlage mehr. Sie konzentrierten sich auf Flächen, auf denen noch Mäuse lebten wie z.B. Naturschutzgebiete und Flughäfen. Im Naturschutzgebiet Versmolder Bruch hatte der große Brachvogel seit Jahren das erste Mal keinerlei Bruterfolg mehr (Daten der Biologischen Station Bielefeld/Gütersloh), weil die vielen Beutegreifer auf der Suche nach Mäusen auch die Küken des Brachvogels fanden und auf dem Flughafen Köln/Bonn wurden doppelt so viele Kollisionen von Mäusebussarden und Turmfalken mit Flugzeugen festgestellt wie in den Vorjahren, was erhebliche Auswirkungen auf die Flugsicherheit mit sich brachte. Das großräumige Fehlen einer kleinen Maus kann die unterschiedlichsten Effekte nach sich ziehen. Viele allgemein gesellschaftlich anerkannte Naturschutzziele wie dem Erhalt der Biodiversität lassen sich nur erreichen, wenn man auch den Mäusen ausreichend Lebensraum lässt.

Übrigens kann man Mäuse auch auf andere Weise kennen lernen: Über Speiballen („Gewölle“) entledigen sich unsere Eulen der unverdaulichen Knochen und Haare ihrer Beutetiere. Vor allem in Gewöllen der Schleiereulen findet sich ein Querschnitt fast aller Mäusearten ihrer Reviere bis zur Größe junger Ratten. Übrigens eine Methode, die bei der wissenschaftlichen Erfassung von Kleinsäugern durchaus eine wichtige Rolle spielt. Die Detektivarbeit bei der Präparation und Bestimmung der Schädelknochen macht auch Kindern viel Spaß und ist ein bewährtes Unterrichtsthema. Die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld und das städtische Umweltamt vermitteln dazu gerne weitere Informationen und Hilfen.


Der Autor:
Holger Meinig, Jahrgang 1960, lebt in Werther und studierte Biologie an den Universitäten Bochum und Bielefeld mit den Schwerpunkten Faunistik, Systematik und Ökologie. Er hat über 70 Veröffentlichungen hauptsächlich zu den Themen Verbreitung, Ökologie, Systematik und Schutz mitteleuropäischer Säugetiere verfasst.

Kriechtiere (Reptilien)

Noch artenärmer als die Amphibienfauna stellt sich die Reptilienfauna in Gütersloh dar. Für diese Gruppe liegen ebenfalls keine systematischen Erhebungsdaten vor, so dass sich unser Wissenstand ganz überwiegend auf Zufallsbeobachtungen gründet.

Sieht man einmal von den immer wieder in Parkteichen oder anderen Stillgewässern ausgesetzten Schmuckschildkröten ab, sind im Stadtgebiet von Gütersloh nur 2 Reptilienarten noch sicher heimisch, nämlich die Blindschleiche und die Waldeidechse, welche aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Ansprüche an den Lebensraum in unserer Landschaft noch relativ weit verbreitet sind. Beide Arten legen keine Eier, sondern bringen in Anpassung an das kühle Klima in Mittel- und Nordeuropa fertig entwickelte Jungtiere zur Welt.

Die meist sandfarbene, langlebige Blindschleiche ist als einzige lebendgebärende Art ihrer Familie auch im kühlen Mitteleuropa verbreitet. Foto: Andreas Schäfferling
Die meist sandfarbene, langlebige Blindschleiche ist als einzige lebendgebärende Art ihrer Familie auch im kühlen Mitteleuropa verbreitet. Foto: Andreas Schäfferling

Die Blindschleiche, die trotz ihrer Gestalt nicht zu den Schlangen gehört, sondern eine Eidechse mit vollständig zurückgebildeten Beinen ist, hat eine sehr heimliche Lebensweise und wird daher nur selten einmal entdeckt. Die meisten Nachweise dieser Art stammen von überfahrenen Tieren auf Straßen und Wegen. Die Tiere nutzen gern die vom Asphalt oder Kalkschotter gespeicherte Wärme, um sich auf „Betriebstemperatur“ zu halten, und können dabei leicht einmal unter einen Autoreifen geraten.

Die meist dunkelbraun gefärbte Waldeidechse ist die einzige bei uns weitverbreitete Art ihrer Familie, aber nirgendwo häufig anzutreffen. Foto: Bernhard Walter
Die meist dunkelbraun gefärbte Waldeidechse ist die einzige bei uns weitverbreitete Art ihrer Familie, aber nirgendwo häufig anzutreffen. Foto: Bernhard Walter

Die Waldeidechse ist bevorzugt an Waldsäumen oder an lichten Wegrändern im Wald anzutreffen, kommt aber auch in Baumreihen oder Gebüschen innerhalb feuchter Grünlandbereiche vor, sofern diese am Boden ausreichend Deckung bieten. Dort kann man bei geeignetem Wetter mit etwas Glück die Eidechsen beobachten, wenn sie reglos auf liegendem Totholz, an Weidepfählen oder an Grasbüscheln am Boden sitzen und die Sonnenwärme tanken.

Zauneidechse -Männchen
Zauneidechse -Männchen
Zauneidechse - Weibchen Die bei uns seltene und stark gefährdete Zauneidechse ist auf wärmebegünstigte Standorte angewiesen. Die Männchen tragen grüne Seitenpartien, die Weibchen sind braun gefärbt. Fotos: Christian Venne
Zauneidechse - Weibchen
Die bei uns seltene und stark gefährdete Zauneidechse ist auf wärmebegünstigte Standorte angewiesen. Die Männchen tragen grüne Seitenpartien, die Weibchen sind braun gefärbt. Fotos: Christian Venne

Ungewiss ist, ob die zweite bei uns heimische Eidechsenart, die Zauneidechse, in der Stadt Gütersloh aktuell noch vorkommt. Als eierlegende Art ist sie auf stark wärmebegünstigte Landschaftsstrukturen angewiesen. Im Gegensatz zur Waldeidechse ist sie bereits aus großen Teilen unserer Landschaft verschwunden. Der letzte sichere Nachweis aus dem Stadtgebiet Güterslohs stammt aus dem Jahr 2000 von einer Heidefläche im Stadtteil Niehorst. Seither gelang dort und auch auf geeigneten Flächen in der Umgebung keine Bestätigung des Vorkommens. Möglicherweise existieren noch Reliktvorkommen im Bereich des Bahndammes der Strecke Bielefeld-Hamm, welcher mit seinen steilen, sonnenexponierten Böschungen sehr günstige Lebensraumbedingungen für die Zauneidechse bietet. Auch in den trocken-sandigen Dünenbereichen entlang von Wapel und Dalke in den Stadtteilen Kattenstroth und Pavenstädt ist noch eine punktuelle Besiedlung durch die Zauneidechse vorstellbar.

Heidefläche in Niehorst, ein für wechselwarme Reptilien wie die Zauneidechse idealer Lebensraum mit Sonnenplätzen. Foto: Bernhard Walter
Heidefläche in Niehorst, ein für wechselwarme Reptilien wie die Zauneidechse idealer Lebensraum mit Sonnenplätzen. Foto: Bernhard Walter

Wichtig für den Schutz der Eidechsen in unserer intensiv genutzten Landschaft ist vor allem der Erhalt strukturreicher Wald- und Wegsäume. Um die seltene und anspruchsvolle Zauneidechse zu halten, ist es erforderlich, die letzten Reste hochwertiger Heide- und Sandmagerrasen-Biotope zu erhalten und in deren Nachbarschaft entsprechende Lebensräume zu entwickeln, um der starken Verinselung der geeigneten Lebensstätten entgegen zu wirken. Im Bereich der Niehorster Heide geschieht dies derzeit in vorbildlicher Weise durch die Entwicklung von großflächigen Magerbiotopen über das Instrument der Kompensation für durch Baugebiete entstandene Eingriffe in Natur und Landschaft.

Strukturreicher Waldsaum – Lebensraum der Waldeidechse. Foto: Mathias Glatfeld
Strukturreicher Waldsaum – Lebensraum der Waldeidechse. Foto: Mathias Glatfeld

Wenn Sie Fragen oder Anregungen zum Schutz unserer heimischen Kriechtiere haben, wenden Sie sich bitte an den Arbeitskreis Amphibien- und Reptilienschutz Gütersloh: Dorle Henkenjohann (Telefon 0 52 41-1 32 73 / E-Mail: dtr-nd-drlhnknjhnnnt) oder Thomas Bierbaum von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Gütersloh (Tel.efon 0 52 41-85 27 12 / E-Mail: thmsbrbmgt-ntd). Fundmeldungen von Reptilien (insbesondere Hinweise auf Vorkommen der Zauneidechse) nimmt die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld (Telefon 0 52 09-98 01 01) entgegen. Weiterführende Informationen zu Amphibien und Reptilien in NRW bietet die Internetseite www.herpetofauna-nrw.de.


Der Autor:
Matthias Glatfeld (Jahrg. 1966) ist Diplom-Biologe und langjähriger Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Amphibien & Reptilien des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld und Umgegend. Er führt regelmäßig Bestandserfassungen von Biotopen, Pflanzen und Tieren im Kreis Gütersloh durch und wirkt an der fachlichen Betreuung von Naturschutzgebieten sowie der Planung von Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen mit.

Libellen

Im Volksmund als Teufelsnadeln bezeichnet (oder im Englischen als dragon-flies) zeigt eines der Vorurteile mit denen diese faszinierende Insektengruppe heute noch zu kämpfen hat. Um gleich damit aufzuräumen: Libellen stechen nicht, da sie gar keinen Stachel wie z.B. Wespen besitzen.
Bewundernswert sind ihre Flugkünste, die sie mal als kleinen Hubschrauber, mal als Jagdflieger erscheinen lassen. Die unterschiedlichen Arten lassen sich anhand von Größe, Färbung, Metallglanz, Musterung und Flügelmerkmalen unterscheiden.

Im Stadtgebiet von Gütersloh leben circa 30 der 72 in Nordrhein-Westfalen heimischen Libellenarten (Artenliste siehe Download). Dies mag auf den ersten Blick als nicht viel erscheinen; dies entspricht aber dem Arteninventar von ganz Bielefeld mit einer zweieinhalb mal so großen Fläche. Die Datengrundlage ist allerdings sehr dürftig und stammt im Wesentlichen vom Arbeitskreis Libellen NRW, einer ehrenamtlichen Gruppe von Naturfreunden, und der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld e.V., die Bestandserfassungen in den kreisweiten Naturschutzgebieten durchführt. Zwei davon liegen teilweise auf Gütersloher Stadtgebiet: NSG Am Lichtebach und NSG Große Wiese.

Die Blauflügel-Prachtlibelle ist Indikator für saubere Bäche (Foto: J. Albrecht)
Die Blauflügel-Prachtlibelle ist Indikator für saubere Bäche (Foto: J. Albrecht)

Die einzelnen Libellenarten haben sehr unterschiedliche Ansprüche an ihre Umwelt. So lebt die metallisch blau- bzw. grün-glänzende Blauflügel-Prachtlibelle ausschließlich an Bächen, die noch einen hohen Sauerstoff-Gehalt aufweisen. Diese Indikatorart machen sich Wasserbehörden bei der Bestimmung der Gewässergüte zunutze. Ist die Art als Larve im Bach vorhanden, gibt es - vereinfacht gesagt - die „Schulnote“ 1 bis 2. Die Art kommt erfreulicherweise noch im Oberlauf der Dalke vor.

Die Feuerlibelle bevorzugt warme Flachgewässer (Foto: I. Jürgens)
Die Feuerlibelle bevorzugt warme Flachgewässer (Foto: I. Jürgens)

Andere Arten wie die Südliche Binsenjungfer bevorzugen flache, offene Gewässer - sogenannte „Blänken“ - inmitten von Wiesen oder Weiden. Wie der Name andeutet, stammt die Art ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Seit Mitte der 1990er Jahre ist sie in Ostwestfalen beheimatet - vielleicht ein erstes Indiz für eine Klimaveränderung. Ähnliches trifft auch auf die schön anzuschauende Feuerlibelle zu, die in manchen Jahren in dem vom Naturschutzteam Gütersloh umgestalteten Bereich bei Hof Kröning (östlich der Paderborner Straße) beobachtet werden kann.

In diesem Bereich erlebte der Autor im Sommer 2010 eine Überraschung: eine Art, die er seit 1995 nicht mehr im Kreis Gütersloh gesehen hatte, tauchte unvermittelt an einem auf den ersten Blick nicht sehr attraktivem, ehemaligen Fischteich auf. Es handelte sich um die Glänzende Smaragdlibelle, eine in NRW gefährdete Art. Sie bevorzugt beschattete Gewässer, die wie in diesem Fall auch von hohen Bäumen umgeben sein können. Auffällig sind der grün-metallisch gefärbte Hinterleib und die sehr agile Flugtätigkeit. Sie fliegt von Juni bis August, also später als ihre wesentlich häufigere Schwesterart: die Gemeine Smaragdlibelle.

Etliche Arten können sich bereits in Gartenteichen entwickeln wie beispielsweise die schön gemusterten Mosaikjungfern oder die blau gefärbten Azurjungfern. Für die ganze Familie toll zu beobachten ist im Frühjahr der Schlupf von Libellen aus ihrer letztem Larvenhaut und die anschließende "Entfaltung" zum flugfähigen Insekt. Um diese Zeit kann man zahlreiche Libellen mit noch milchig-trüben Flügeln bei ihrem ersten sogenannten "Jungfernflug" beobachten. Viel Spaß dabei! Bei Interesse schließen Sie sich doch einem der genannten Naturschutzvereine an. Nur nach dem Motto "was man kennt, kann man auch schützen" ist die Artenvielfalt in Gütersloh zu stabilisieren oder sogar noch zu steigern.

Der Autor:
Jürgen Schleef, Jahrgang 1963, lebt in Paderborn und studierte an der Universität Bielefeld mit Schwerpunkt Ökologie. Er ist Mitarbeiter der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld, hat über Heuschrecken und Libellen in Ostwestfalen veröffentlicht und Vorträge gehalten

Lurche (Amphibien)

Zu der bei uns eher artenarmen Gruppe der wechselwarmen Amphibien (Lurche) zählen die Schwanzlurche (Salamander, Molche) und die Froschlurche (Unken, Kröten, Frösche).
Da in den vergangenen Jahrzehnten nahezu keine systematischen Kartierungen von Lurchen durchgeführt worden sind, sind die Kenntnisse bezüglich ihrer Vorkommen und ihrer Verbreitung im Bereich der Stadt Gütersloh sehr lückenhaft. Immerhin liegen zumindest von einigen Gewässern bzw. Schutzzäunen Bestandsaufnahmen vor. Bislang sicher nachgewiesen wurden lediglich 6 Arten: Teich-, Berg- und Kammmolch, Erdkröte, Grasfrosch und Grünfrösche. Unter dem Sammelbegriff „Grünfrösche“ verbergen sich mehrere, schwer zu unterscheidende und sich miteinander kreuzende Arten. Bei uns dürfte überwiegend als Hybridform der Wasserfrosch vorkommen, der sich gelegentlich auch in größeren Gartenteichen ansiedelt und dort für sommerliche Froschkonzerte sorgt.

Die Erdkröte (hier ein Weibchen auf der Laichwanderung) ist unsere häufigste Amphibienart. Foto: Andreas Schäfferling
Die Erdkröte (hier ein Weibchen auf der Laichwanderung) ist unsere häufigste Amphibienart. Foto: Andreas Schäfferling

Der häufigste Froschlurch dürfte auch in der Stadt Gütersloh die Erdkröte sein. Sie stellt nur sehr geringe Ansprüche an die Qualität des Laichgewässers. Außerdem sind ihre Eier und Kaulquappen stark giftig, weshalb sie nicht von Fischen gefressen werden. Daher kann die Erdkröte im Gegensatz zu anderen Amphibienarten auch in vielen naturfern gestalteten Teichen mit Fischbesatz überleben. Ebenfalls noch an zahlreichen Stillgewässern sind Grünfrösche anzutreffen, die – anders als Erdkröte und Grasfrosch – auch den ganzen Sommer über am Gewässer bleiben und durch ihr lautes Quaken weithin auf sich aufmerksam machen.

Grünfrösche bleiben das ganze Jahr am Wasser und sind nicht zu überhören. Foto: Bernhard Walter
Grünfrösche bleiben das ganze Jahr am Wasser und sind nicht zu überhören. Foto: Bernhard Walter

Der Grasfrosch ist deutlich empfindlicher gegenüber negativen Veränderungen seines Lebensraumes und hat deshalb in den letzten Jahrzehnten große Bestandseinbußen hinnehmen müssen. Als typische Art des Feuchtgrünlandes und feuchter Brachflächen hat er zudem ganz besonders unter der großflächigen Vernichtung des wertvollen artenreichen Grünlandes durch Umbruch und Nutzungsintensivierung zu leiden. Aus etlichen angestammten Laichgewässern ist er schon vollständig verschwunden und große Ansammlungen von Laichballen, wie man sie von früher her kennt, sind bereits sehr selten geworden

Den Grasfrosch erkennt man am dunkelbraunen Ohrfleck. Er kommt wie die Erdkröte nur zum Laichen ans Gewässer. Foto: Andreas Schäfferling
Den Grasfrosch erkennt man am dunkelbraunen Ohrfleck. Er kommt wie die Erdkröte nur zum Laichen ans Gewässer. Foto: Andreas Schäfferling

Ebenfalls noch recht weit verbreitet sind Teichmolch und Bergmolch, wobei ersterer in der Sandebene des Ostmünsterlandes, in welcher auch die Stadt Gütersloh liegt, die deutlich häufigere Art darstellt. Während der Teichmolch bevorzugt besonnte Tümpel besiedelt, die sich im Frühjahr und Sommer rasch erwärmen, kommt der Bergmolch vor allem in schattigen, kühleren Kleingewässern vor.

Der überwiegend braune Teichmolch hat im Unterschied zum Bergmolch einen dunkel gefleckten orange-farbenen Bauch. Foto: Thomas Bierbaum
Der überwiegend braune Teichmolch hat im Unterschied zum Bergmolch einen dunkel gefleckten orange-farbenen Bauch. Foto: Thomas Bierbaum
Bergmolch-Weibchen auf der Wanderung. Der schiefer-farbene Rücken kontrastiert mit dem leuchtend orange-farbenen Bauch. Foto: Burkhard Thiesmeier / www.laurenti.de
Bergmolch-Weibchen auf der Wanderung. Der schiefer-farbene Rücken kontrastiert mit dem leuchtend orange-farbenen Bauch. Foto: Burkhard Thiesmeier / www.laurenti.de

Eine große Seltenheit stellt dagegen der Kammmolch dar, von dem aus der Stadt Gütersloh nur ein einziger aktueller Fundort bekannt ist, und zwar aus dem Naturschutzgebiet „Am Lichtebach“ im äußersten Nordwesten des Stadtgebietes. Diese Art besiedelt bevorzugt die tieferen Zonen von Stillgewässern und wird daher bei Kartierungen nicht so leicht erfasst wie die anderen Molcharten, die sich vermehrt in den seichten Uferbereichen aufhalten. Es ist deshalb gut möglich, dass der Kammmolch noch an weiteren Stellen im Stadtgebiet vorkommt. Aufgrund seiner höheren Ansprüche an die Qualität des Laichgewässers ist der Kammmolch in unserer Landschaft jedoch allgemein bereits sehr selten geworden und wird in der Roten Liste für Nordrhein-Westfalen als „stark gefährdet“ eingestuft. Als Art der europäischen FFH-Richtlinie gilt den Vorkommen des Kammmolches ein besonderes Interesse bei der Planung neuer Straßen oder Baugebiete.

Von weiteren Arten, die sicher oder sehr wahrscheinlich früher in Gütersloh vorkamen, heute aber landesweit bedroht sind, liegen leider keine aktuellen Nachweise mehr vor. Dazu gehören z.B. die beiden auf Locker- bzw. Sandböden spezialisierten Arten Knoblauchkröte und Kreuzkröte sowie der im Münsterland gebietsweise noch heimische und sich in Folge von Naturschutzmaßnahmen (NABU-Projekt „Ein König sucht sein Reich“) wieder ausbreitende Laubfrosch.

Mobile Krötenzäune sind aufwändig zu betreuen und bieten vor allem für Molche keinen ausreichenden Schutz. Foto: J. Albrecht
Mobile Krötenzäune sind aufwändig zu betreuen und bieten vor allem für Molche keinen ausreichenden Schutz. Foto: J. Albrecht

Wenn stark befahrene Straßen zwischen dem Laichgewässer und einem bevorzugten Landlebensraum von Amphibien liegen, werden die Tiere auf ihrer Laichwanderung im Frühjahr oft in großer Zahl überfahren. An mehreren Stellen im Stadtgebiet sind deshalb Schutzmaßnahmen für Amphibien eingerichtet worden. So wird der Piepenbrocks Weg in Blankenhagen für mehrere Wochen auf Höhe der beiden Laichgewässer für den Verkehr gesperrt. Der Plümersweg an der südlichen Stadtgrenze, wo jedes Jahr mehrere tausend Kröten, Frösche und Molche die Straße überqueren, wird in dieser Zeit jeweils vom frühen Abend bis zum frühen Morgen gesperrt. An der stark befahrenen Brockhagener Straße, wo aus verkehrlichen Gründen keine Sperrung möglich ist, werden auf Höhe der Sandabgrabung südlich von Niehorst Schutzzäune mit Fangeimern errichtet. Diese werden von ehrenamtlichen Helfern betreut, die jeden Morgen die Tiere aus den Eimern einsammeln und sicher über die Straße tragen.

Nächtliche Straßensperrungen (hier am Piepenbrocks Weg) bieten in der Zeit der Laichwanderung den besten Schutz für Amphibien. Foto: J. Albrecht
Nächtliche Straßensperrungen (hier am Piepenbrocks Weg) bieten in der Zeit der Laichwanderung den besten Schutz für Amphibien. Foto: J. Albrecht

Die Koordination der Schutzmaßnahmen hat seit einigen Jahren der Arbeitskreis Amphibien- und Reptilienschutz Gütersloh übernommen. Weitere Unterstützer sind dort immer willkommen (Ansprechpartner siehe unten)!
Neben geeigneten Landlebensräumen sind natürlich qualitativ gute Laichgewässer die zentrale Voraussetzung dafür, dass Kröten, Frösche und Molche in unserer zersiedelten und intensiv landwirtschaftlich genutzten Landschaft überleben können. Deshalb gehören die regelmäßige Pflege (Entschlammung, Freistellung von Gehölzen et cetera) von Stillgewässern, die Umgestaltung von naturfernen Fischteichen sowie die Neuanlage von Artenschutzgewässern an geeigneten Standorten zu den wichtigsten Maßnahmen für den Erhalt der Amphibienbestände.
Beim Vorhandensein geeigneter Strukturen können auch locker bebaute Wohngebiete eine Heimat für Amphibien sein. Neben naturnahen Gartenteichen ohne Goldfischbesatz ist dafür u.a. wichtig, dass in den Gärten neben gepflasterten Flächen und intensiv gemähtem Rasen genügend große Bereiche mit (möglichst einheimischen Laub-)Gehölzen verbleiben und unter den Sträuchern das Laub liegen bleiben darf. Man kann also auch im besiedelten Bereich und speziell im eigenen Hausgarten eine Menge für die bedrohten heimischen Amphibien tun. Und ein naturnah gestalteter Garten kommt daneben auch vielen anderen Wildtieren, wie z.B. dem Igel oder dem Mauswiesel, zugute. – Gullys, Kellertreppen und Kellerschächte werden gerne von Amphibien als Rückzugsquartiere aufgesucht. Damit diese Verstecke für sie nicht zur tödlichen Falle werden, sind Ausstiegshilfen erforderlich. Aus diesem Grund sollten auch öffentliche Gebäude und Anlagen aus Kleintiersicht barrierefrei gebaut werden.
Wenn Sie Fragen oder Anregungen zum Schutz unserer heimischen Lurche haben, wenden Sie sich bitte an den Arbeitskreis Amphibien- und Reptilienschutz Gütersloh: Dr. Regina Rottmann, Tel. 0157-30951129, E-Mail rgnrttmnnhtmlcm oder Thomas Bierbaum von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Gütersloh (Telefon 0 52 41-85 27 12). Hinweise auf Vorkommen des Kammmolchs oder anderer seltener Amphibienarten nimmt die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld (Telefon 0 52 09-98 01 01) entgegen. Weiterführende Informationen zu Amphibien und Reptilien in NRW bietet die Internetseite www.herpetofauna-nrw.de.

Der Autor:
Matthias Glatfeld (Jahrg. 1966) ist Diplom-Biologe und langjähriger Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Amphibien & Reptilien des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld und Umgegend. Er führt regelmäßig Bestandserfassungen von Biotopen, Pflanzen und Tieren im Kreis Gütersloh durch und wirkt an der fachlichen Betreuung von Naturschutzgebieten sowie der Planung von Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen mit.

Schmetterlinge

Schmetterlinge sind Wunder der Natur, vielleicht die schönsten Wesen der Tierwelt überhaupt. Ihre zarte Erscheinung, ihre Farbenpracht und vor allem ihre geheimnisvolle Entwicklung hat die Menschen aller Kulturen immer wieder fasziniert.

Sensible Anzeiger der Lebensqualität
Wegen ihrer Mobilität und der Nutzung von Nektarquellen verschiedenster Blütenpflanzen reagieren Schmetterlingsarten stark auf menschliche Einflüsse in Stadträumen. Bei sinkenden Nektarressourcen und fehlenden Wirtspflanzen für das Raupenstadium geht ihre Zahl zurück. Zwischen Wirtspflanzen der Larven und dem Vorkommen von Schmetterlingsarten besteht ein sehr enger Zusammenhang, denn viele Arten entwickeln sich an nur einer speziellen Pflanzenart. Andere benötigen ganz besondere Klimabedingungen während der Larvenphase, wie z. B. trocken-warm, kühl und feucht, sonnig, halbschattig oder schattig.

Weiterhin spielen die Nahrungsquellen für die Nektar suchenden Schmetterlingsarten eine wichtige Rolle. Hierbei sind blüten- und nektarreiche Park- und Gartenlandschaften in den Stadtbereichen oftmals lebenserhaltend. Dicht bebaute Stadtzentren und Bereiche ohne Grünanlagen erweisen sich dagegen als lebensfeindlich. Die auf Nektar angewiesenen Arten drohen dort regelrecht zu verhungern.

Daher sind die in den Städten vorhandenen Lebensräume nur für eine relativ geringe Anzahl von Schmetterlingsarten von Bedeutung. Meist leben hier nur die Allerweltsarten (sogenannte Ubiquisten). Der allergrößte Teil der bei uns gefährdeten oder bereits ausgestorbenen Schmetterlingsarten ist dagegen auf ganz besondere Lebensräume, wie zum Beispiel Moore, Natur belassene Auenbereiche, großräumige Heidelandschaften, intakte Feuchtwiesenbereiche und Trockenrasenlebensräume angewiesen.

Die Ursachen für das Verschwinden sind vielschichtig
Auch in Gütersloh wird die Vielfalt der Schmetterlinge immer geringer. Nur Allerweltsarten wie z.B. Kohl- und Rapsweißling, Kleiner Fuchs oder das Tagpfauenauge sind noch einigermaßen verbreitet. Die Raupen einiger dieser Falterarten leben an der Brennnessel, die infolge der starken Düngung überall zunimmt, und finden daher auch in der Intensivlandwirtschaft sowie in Zier- und Nutzgärten noch genügend Lebensraum. Der Anteil der Ubiquisten an den Tagfaltern beträgt circa 25 Prozent, die anderen 75 Prozent sind gefährdet oder bereits ausgestorben!

Noch vor 50 Jahren waren unsere Wiesen im Sommer voller Schmetterlinge. Heute dagegen sind große Teile unserer Sommerwiesen falterlos, weil die Landwirte gezwungen wurden, immer intensiver zu wirtschaften. Ertragreiche Grasarten, die auf hohe Düngergaben mit starkem Aufwuchs reagieren, verdrängten Wildblumen und Kräuter. Durch den früheren und häufigeren Schnitt der Mähwiesen kommen kaum noch Blüten zur Ausbildung, so dass die Schmetterlinge keine Nahrungsquellen finden.

Verstärkt wird diese aus der Sicht des Artenschutzes katastrophale Wirkung der Düngung durch die Luftverschmutzung. Denn immerhin circa 40 Kilogramm Stickstoff aus Industrie-Emissionen, Hausbrand, Autoabgasen und anderen Quellen regnen Jahr für Jahr auf jeden Hektar bundesdeutscher Fläche nieder. Allein diese ungewollte Düngung entspricht nach 5 Jahren einer Volldüngung und trifft somit auch die Naturschutzgebiete.

Diese facettenreichen Insekten sind somit wertvolle Anzeiger des Zustandes unserer Umwelt: Wo viele Arten anzutreffen sind, ist die Umwelt intakt, wo Schmetterlinge fehlen, ist die Umwelt beeinträchtigt, und in diesen Gebieten ist langfristig das gesunde Überleben auch für uns Menschen möglicherweise in Frage gestellt.

Eine weitere Gefährdung vor allem der Nachtfalterarten stellt die Beleuchtung dar. Wir sollten uns fragen, ob wir die Nacht derart beleuchten müssen, wie das heute der Fall ist, und ob wir nicht wenigstens durch den Einsatz von weniger schädlichem Gelblicht zum Schutz nachtaktiver Tierarten beitragen sollten.

Schmetterlinge erleben
Im Raum Gütersloh trifft man nur auf ganz wenige Lebensräume, die noch eine ansprechende Schmetterlingsvielfalt beherbergen. Im Naturschutzgebiet „Große Wiese“ beispielsweise sieht man im Frühjahr noch den Aurorafalter über die Wiesen gaukeln, trifft man noch auf die kleinen wunderschönen Bläulinge in mehreren Arten, verschiedene Dickkopffalter, Distelfalter, Zitronenfalter, Feuerfalter, das Landkärtchen und das Ochsenauge. Hier fliegen noch Brauner Waldvogel und das lebhaft gemusterte Waldbrettspiel. Hin und wieder sieht man den Gelben Postillon in schnellem Flug über die Wiesen eilen oder den Perlmutterfalter an einer Flockenblume saugen.

In den letzten Jahren kam noch eine neue Art dazu. Der farbenprächtige Jakobsbär, ein tagaktiver Nachtfalter hat schwarze Flügeldecken mit feuerroten Farbtupfern. Dieser Falter hat sich durch die Verbreitung des Jakobskreuzkrautes eingefunden. Seine Raupen leben gesellig auf dieser zweijährigen, giftigen Pflanze und fressen sie bis auf die Pflanzenstümpfe radikal ab.

Gartenbesitzer können den Schmetterlingen helfen
Damit Schmetterlinge in Gütersloh eine Zukunft haben, fällt vor allem den Gartenbesitzern unter den Naturfreunden eine wichtige Aufgabe zu. Gärten könnten zu einem wichtigen Lebensraum werden, wenn sie naturnäher gestaltet würden. Wichtig ist die Aussaat von heimischen Wildkräutern, das Anpflanzen von Stauden und heimischen Wildsträuchern. Sie sind wichtige Nahrungsquellen und können wesentlich zum Schmetterlingsschutz beitragen. Man darf jedoch nicht schon im ersten Jahr einer ökologischen Gestaltung erwarten, dass der Garten von seltenen bunten Schmetterlingen nur so wimmelt. Man kann nur den Faltern einen Lebensraum bieten, die noch in der Umgebung vorkommen. Den Haupteffekt der ökologischen Gestaltung wird der Gartenbesitzer entdecken, der auf Nachtfalter achtet. Der Artenzuwachs in dieser Insektengruppe ist immer beträchtlich. Nach mehreren Jahren werden sich immer häufiger Falter im „Ökogarten“ einfinden und sicher bald auch Bläulinge und Wanderfalter, wie Distelfalter und Admiral.

Die Autoren:
Franz Thiesbrummel(Jahrgang 1937) lebt in Gütersloh-Avenwedde und setzt sich seit mehr als 2 Jahrzehnten intensiv für den Schutz der Gütersloher Natur ein. Er ist Gründer des Naturschutz-Teams Gütersloh, das seit 1988 in Avenwedde u.a. tausende Bäume und Sträucher gepflanzt, mehrere Kilometer Hecken und Dutzende von Kleingewässern angelegt hat. Er ist vielen Güterslohern durch seine Vorträge und Presseartikel (auch über Schmetterlinge) bekannt und hat für sein Engagement u.a. für den Naturschutz 2009 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Rudolf Pähler (Jahrgang 1951) lebt in Verl und beschäftigt sich seit über 40 Jahren intensiv mit Schmetterlingen. Als Industriekaufmann und ursprünglicher Autodidakt hat er zusammen mit Hans Dudler vor wenigen Monaten Band 1 des umfangreichen Grundlagenwerks "Die Schmetterlingsfauna von Ostwestfalen-Lippe" herausgegeben, das für 700 Arten auf über 600 Seiten mit 790 Farbaufnahmen erstmals einen umfassenden Überblick über die in unserem Raum vorkommenden Groß- und teilweise auch Kleinschmetterlinge gibt. Das Buch erscheint im Eigenverlag und ist nicht in allen Buchhandlungen erhältlich, kann aber per E-Mail direkt bei den Autoren (rudolf@paehler.biz) zum Preis 39,- Euro. (zzgl. 5,- Euro Versandkosten) bestellt werden.

Stechimmen (Bienen, Wespen)

it dem Begriff "Stechimmen" kann nicht jeder Mensch etwas anfangen, obwohl einige Arten dieser Gruppe bei uns zu den bekanntesten Insekten überhaupt gehören. Wer kennt nicht Honigbienen, Hummeln, Hornissen, die lästigen Faltenwespen am Kaffeetisch oder gar Ameisen?

Charakteristisches Merkmal der Stechimmen ist ein Stachel, der sich im Laufe der Evolution aus dem Eiablage-Apparat der Weibchen entwickelt hat und der den männlichen Stechimmen somit fehlt. Dieser Stachel hat bei den meisten Arten Wehrfunktion oder dient zur Betäubung von Beutetieren, kann aber in manchen Fällen zusätzlich noch als Legebohrer verwendet werden und ist nicht selten reduziert oder bei manchen Teilgruppen sogar ganz verloren gegangen.

Zur Lebensweise heimischer Stechimmen:
Der größte Anteil unserer Stechimmenarten lebt alleine (solitär) und nicht wie die genannten, recht bekannten Arten in großen Staaten mit einer Königin und einem Volk von Arbeiterinnen. Die solitär lebenden Arten sind für uns Menschen völlig harmlos, da sie nicht aggressiv sind. Selbst wenn sie uns stechen wollten, so könnten die meisten Arten aufgrund ihrer geringen Größe die menschliche Haut mit ihrem zarten Stachel überhaupt nicht durchdringen.

In Deutschland finden sich tatsächlich etwa 1.000 Arten (meist ohne deutsche Namen), deren Weibchen selbständig für ihre eigenen Larven Brutkammern anlegen. Dazu graben sie entweder kleine Kammern in den Boden bzw. in Steilufer, verwenden bestehende Hohlräume in totem Holz, Pflanzenstängeln, Gallen und Schneckenhäusern oder bauen aus Lehm, Ton oder Harz selbst kleine Brutzellen, die an Steine oder Pflanzenteile geheftet werden. In jede dieser Kammern bringen sie einen Vorrat, von dem sich eine Larve ernährt. Die meisten Bienen sammeln für ihre Larven Pflanzenpollen, Wespen fangen und betäuben hingegen überwiegend andere Tiere als Larvenfutter. Weitere Arten verschiedener Gruppen sammeln selbst keinen Vorrat mehr, sondern schmuggeln ihre Eier in fast fertige Brutkammern anderer Arten (Parasitismus). Sie werden deshalb auch als Kuckucksbienen oder –wespen bezeichnet. Viele der Arten haben eine feste Vorliebe für bestimmte Pollenpflanzen, einen Beutetiertyp oder einen Wirt. So sammeln einige Scherenbienenarten z.B. nur an Glockenblumen, so erbeuten Grabwespen aus verschiedenen Gattungen nur Blattläuse oder schmuggeln die Weibchen einer Keulenwespe ihre Eier ausschließlich in die Brutkammern der Löcherbiene.

Der mit dem Artenreichtum verbundene hohe Spezialisierungsgrad hat zur Folge, dass viele Arten unter den Stechimmen sehr empfindlich auf Veränderungen ihrer Lebensräume reagieren, Stechimmen sind also auch gute Indikatoren für den Zustand eines Landschaftsausschnittes. Schon schwache Einflüsse können zur Zunahme oder zum Rückgang einer Art führen. Die gerade erstmalig für NRW erschienene Rote Liste der bedrohten Stechimmenarten belegt leider auch für die Stechimmenfauna ein deutliche Verarmung über die letzten 100 Jahre. Zahlreiche Arten sind bereits ausgestorben, weit über 30 Prozent aller Arten sind heute in ihrem Bestand gefährdet.

Stechimmen in Gütersloh
Aus dem Stadtgebiet von Gütersloh liegen bislang nur sehr punktuell Daten zur Stechimmenfauna vor, wie man generell sagen muss, dass es leider viel zu wenige Menschen gibt, die sich etwas intensiver mit dieser Tiergruppe befassen.

  • Wie viele und welche Arten kommen im Stadtgebiet vor?
  • Wie sind die Arten hier verbreitet?
  • Für welche Arten gibt es in Gütersloh eine gewisse Verantwortung?
  • Wo sollten welche Maßnahmen zum Schutz von Stechimmen umgesetzt werden?

Das sind Fragen, deren Beantwortung angesichts der unzureichenden Datenlage schwer fällt.

Was bisher bekannt ist:
Im Stadtgebiet konnten bisher 183 Stechimmenarten gefunden werden, die sich auf 8 Teilgruppen verteilen (Artenliste siehe Download). Am artenreichsten sind die Bienen (83 Arten) und die Grabwespen (56 Arten) vertreten. Die Nachweise stammen nahezu vollständig von 2 Flächen, die recht intensiv untersucht wurden (ehemaliges Tanklager in Niehorst sowie eine kleine ehemalige Sandabgrabung bei Spexard), über 99 Prozent des Stadtgebietes gleichen aus stechimmenkundlicher Sicht einer weißen Landkarte.

Das bisher bekannte Artenspektrum umfasst neben häufigen und weit verbreiteten auch stark spezialisierte und landesweit bedrohte Arten. Viele von ihnen haben eine faszinierende Biologie und sind durch zahlreiche Anpassungen abhängig von verschiedenen Faktoren geworden. Einige von Ihnen müssen Ihnen unbedingt vorgestellt werden!
So fliegen in Niehorst beispielsweise 2 Bienenarten, die bei uns Pollen ausschließlich an der Besenheide sammeln, samt ihrer beiden Kuckucksbienen. Wo finde ich Besenheide? Wo kann ich Brutkammern im Boden graben? Die 2 Fragen bestimmen Leben und Verbreitung der beiden Wirtsarten. Sie können heute nur noch dort leben, wo größere Bestände des Heidekrauts wachsen, an das sie sich durch ihr Sammelverhalten eng gebunden haben. Mit dem Rückgang der Heideflächen, die früher in ganz Nordwestdeutschland durch menschliche Nutzung (Plaggenhieb und Beweidung) entstanden, sind auch die Heidekraut-Besammler in vielen Bereichen verschwunden und mit ihnen ihre Kuckucksbienen. Verbreitungsschwerpunkt dieser Heidearten in NRW bildet heute die Sennelandschaft mit ihren ausgedehnten Heideflächen

Die Sandbiene Andrena fuscipes (links oben) und die Seidenbiene Colletes succinctus (rechts oben) sammeln den Pollen für ihre Brutzellen ausschließlich an der Besenheide. Die Wespenbiene Nomada rufipes (links unten) schmuggelt ihre Eier in die Brutzellen der Sandbiene, die Filzbiene Epeolus cruciger (rechts unten) in die Brutzellen der Seidenbiene. Aufgrund dieser parasitischen Lebensweise werden sie als Kuckucksbienen bezeichnet. Fotos: Christian Venne
Die Sandbiene Andrena fuscipes (links oben) und die Seidenbiene Colletes succinctus (rechts oben) sammeln den Pollen für ihre Brutzellen ausschließlich an der Besenheide. Die Wespenbiene Nomada rufipes (links unten) schmuggelt ihre Eier in die Brutzellen der Sandbiene, die Filzbiene Epeolus cruciger (rechts unten) in die Brutzellen der Seidenbiene. Aufgrund dieser parasitischen Lebensweise werden sie als Kuckucksbienen bezeichnet. Fotos: Christian Venne

Dort wo es blüht, trifft man häufig auch Honigbienen an. Die Arbeiterinnen sammeln hier fleißig Nektar und Pollen, müssen dabei jedoch auch auf der Hut sein, denn eine erfolgreiche Jägerin hat es gerade auf sie abgesehen. Die Weibchen der Grabwespe Philantus triangulum, die im Deutschen als Bienenwolf bezeichnet wird, erbeuten als Proviant für ihre Larvenkammern, die grabend im Boden angelegt werden, ausschließlich Honigbienen. In einem kurzen und heftigen Kampf schafft sie es, die Bienen zu überwältigen und mit einem Stich zu betäuben. Die nur unwesentlich kleineren Beutetiere werden danach tatsächlich im Flug zur Brutkammer transportiert, in der sich die Bienenwolf-Larve entwickelt. Doch auch der Bienenwolf hat einen Gegenspieler, nämlich die prächtig gefärbte Goldwespe Hedychrum rutilans, die ihrerseits nach den Brutkammern des Bienenwolfs Ausschau hält bzw. schnüffelt. Hier wartet der Parasit den richtigen Zeitpunkt ab, sein Ei in eine Brutzelle hineinzuschmuggeln, um sich die Arbeit des Wirtes zu Nutze zu machen. Der Goldwespe gelingt es dabei manchmal sogar, ihr Ei im Flug direkt an die vom Bienenwolf herangetragene Honigbiene zu heften!

Der Bienenwolf Philantus triangulum mit einer erbeuteten Honigbiene (links). Die Brutkammern werden in lockeren Sandboden gegraben (rechts oben), wo die parasitische Goldwespe Hedychrum rutilans (rechts unten) darauf lauert ihr Ei mit in die Brutzelle zu schmuggeln. Fotos: Christian Venne
Der Bienenwolf Philantus triangulum mit einer erbeuteten Honigbiene (links). Die Brutkammern werden in lockeren Sandboden gegraben (rechts oben), wo die parasitische Goldwespe Hedychrum rutilans (rechts unten) darauf lauert ihr Ei mit in die Brutzelle zu schmuggeln. Fotos: Christian Venne

Mit großen Augen, denen nichts entgeht, und mit kräftigen Beißwerkzeugen geht der Dünen-Sandlaufkäfer auf die Jagd. Dieser Käfer im „Military-Look“ nutzt offene Sandflächen und Sandwege als Rennbahn, um hier in kurzen Sprints Kleintiere wie Ameisen, andere Käfer oder Spinnen zu erbeuten. Auch die ebenfalls räuberischen Larven leben im Sandboden. Sie graben lange Stollen, auf die man häufig durch den zu Kügelchen geformten Aushub aufmerksam wird. Am Stolleneingang lauern die gefrässigen Larven auf vorbei laufende Kleintiere, die durch blitzartige Schnappbewegungen erbeutet werden. Diese Käferlarven sind Räuber und zugleich auch Beute. Leisten sie sich einen Fehlgriff und erwischen das ungeflügelte und im Aussehen stark an eine Ameise erinnernde Weibchen der Rollwespe Methocha articulata, so ist es um sie geschehen. Methocha entschlüpft dem Griff, betäubt die Käferlarve und begräbt sie mit einem Ei belegt in deren eigenem Lauergang. Wie aber verbreitet sich diese im weiblichen Geschlecht ungeflügelte Rollwespe? Wie kann sie entfernte, neu entstandene Lebensräume besieden? Zu Fuß? Wohl kaum! Die Männchen sind deutlich größer und geflügelt und dienen den Weibchen zufällig oder beabsichtigt als Taxi. Während der Paarung verschleppen sie die Weibchen im Flug und setzen sie dann zum Teil in neuen Lebensräumen wieder ab.

Die beachtlichen Kiefer des Dünen-Sandlaufkäfers (links oben und links unten) weisen ihn als Räuber aus. Seine ebenfalls räuberisch lebende Larve sitzt in einem Lauerstollen auf Sandflächen (rechts oben). Dort wird sie jedoch auch von der Rollwespe Methocha articulata (rechts unten) gesucht und erbeutet. Fotos: Christian Venne
Die beachtlichen Kiefer des Dünen-Sandlaufkäfers (links oben und links unten) weisen ihn als Räuber aus. Seine ebenfalls räuberisch lebende Larve sitzt in einem Lauerstollen auf Sandflächen (rechts oben). Dort wird sie jedoch auch von der Rollwespe Methocha articulata (rechts unten) gesucht und erbeutet. Fotos: Christian Venne

Warum Vielfalt wichtig ist
Die Stechimmenfauna des Gütersloher Stadtgebietes ist noch weitestgehend unerforscht. Trotzdem ist eines sicher: Hier leben hunderte verschiedener Stechimmenarten in den verschiedensten Lebensräumen. Viele von Ihnen sind spezialisiert, viele akut in ihrem Bestand bedroht. Gerade diese Artenvielfalt ist jedoch für Ökosysteme von großer Bedeutung, denn sie verbessert ihre Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umweltbedingungen. Über Nahrungsketten, Symbiosen und Parasitismus entstehen Abhängigkeiten unter zahlreichen Organismen. Je mehr Arten aus diesem Netz verschwinden, umso stärker wächst die Bedrohung auch für viele andere Arten, da die Stabilität des gesamten Ökosystems abnimmt, besonders dann, wenn auch so genannte Schlüsselarten betroffen sind, von denen wiederum viele andere Arten abhängig sind. Da gerade die Wildbienen einen wichtigen Beitrag zur Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen leisten, der in Zeiten abnehmender Imkereien und Honigbienenvölker immer bedeutender wird, haben Erhaltung und Förderung wertvoller Stechimmenlebensräume auch unter ökonomischen Gesichtspunkten einen hohen Stellenwert.

Jeder kann helfen
Zahlreiche Bienen- und Wespenarten leben auch im Siedlungsbereich, sind jedoch bedroht, da ihnen häufig die geeigneten Nistgelegenheiten fehlen. Es gibt kaum noch Fachwerkhäuser oder alte Holzschuppen und die Menschen halten in ihren Gärten heute viel mehr Ordnung. Durch künstliche Nisthilfen kann man vielen Arten helfen. Als Nisthilfen fungieren Stammscheiben mit Bohrlöchern verschiedener Durchmesser (4-12 Millimeter für Arten unterschiedlicher Größe), hohle Pflanzenstängel (Holunder, Schilf) und Fächer mit einem Lehm-Sand-Gemisch als Steilwand für grabende Arten. Viele Wildbienenarten tragen durch ihre Bestäubungsleistung einen wichtigen Teil zur Befruchtung der Zier- und Nutzpflanzen bei. Unter den Stechwespen finden sich zahlreiche Arten, die für ihre Larven als „Schädlinge“ bezeichnete Kleintiere erbeuten und somit zur „biologischen Schädlingsbekämpfung“ im Garten beitragen. Nisthilfen bieten zudem gute Beobachtungsmöglichkeiten und liefern dadurch faszinierende Einblicke in die Lebensweise dieser interessanten Insekten. Sie sollten deshalb in keinem Garten fehlen und sind ein Muss für alle Schulgärten!

Autor:
Der Autor Christian Venne ist Diplombiologe und Mitarbeiter der Biologische Station Kreis Paderborn – Senne. Er ist Experte für Vögel und Insekten mit dem Schwerpunkt Stechimmen und hat etliche Facharbeiten zu diesen Themen veröffentlicht.

Vögel

Wussten Sie, dass die Amsel eigentlich auch eine Drossel ist und es "die" Drossel gar nicht gibt?
Die Amsel, auch Schwarzdrossel genannt, ist vielmehr nur der bekannteste und häufigste Vertreter aus der Familie der Drosseln, zu der auch die Singdrossel, die Wacholderdrossel und die Misteldrossel gehören. Auch hinter dem „Finken“ verbergen sich mehrere Arten, wie der Buchfink, der Distelfink (oder Stieglitz) und der Grünfink. Nur der Star ist bei uns tatsächlich solo und nur mit dieser einen Art vertreten. Man stellt also schnell fest, dass die Vogelwelt weit vielfältiger ist, als man bei flüchtiger Betrachtung vermuten würde.

Im Stadtgebiet von Gütersloh brüten etwa 100 verschiedene Vogelarten. Dies ist eine bemerkenswerte Vielfalt, die auf eine abwechslungsreiche, durch viele verschiedene Lebensräume geprägte Landschaft hinweist. Einige der häufigeren Arten, wie die Amsel oder den Buchfink kann man quasi überall in Gütersloh antreffen, während manche Vögel stark auf bestimmte Lebensräume spezialisiert sind und nur hier leben können. In den urbanen Bereichen kommen andere Vögel als im Wald vor, wieder andere leben in der offenen Feldflur oder den Hecken und Feldgehölzen einer Wiesenlandschaft.

Sie schlafen sogar beim Fliegen: Mauersegler verbringen fast ihr ganzes Leben in der Luft. Foto: Bernhard Walter
Sie schlafen sogar beim Fliegen: Mauersegler verbringen fast ihr ganzes Leben in der Luft.
Foto: Bernhard Walter

In die zentralen Stadt- und Siedlungsbereiche sind Vogelarten eingezogen, die als ehemalige Felsenbrüter in den künstlichen Felsen der Häuser eine zweite Heimat gefunden haben. Hierzu gehört der Mauersegler, ein wahrer Flugkünstler, der fast sein gesamtes Leben in der Luft verbringt. Als Brutplatz bevorzugt er hohe Gebäude mit freien Anflugmöglichkeiten, ist aber auf Hohlräume in Giebel und Dach oder auf Nischen hinter Mauerlöchern angewiesen, um seine Jungen aufzuziehen. Durch moderne, isolierende Bauweise und Renovierungen sind viele Brutmöglichkeiten für den Mauersegler verloren gegangen. Es ist aber durchaus möglich, klimaschonende Wärmedämmung und Mauerseglerbruten unter ein Dach zu bringen, etwa durch das Anbringen von speziellen Niststeinen, die gerne angenommen werden. Durch das Aufhängen von geeigneten Nisthilfen kann auch anderen „Felsenbrütern“ geholfen werden, z.B. der Mehlschwalbe oder dem Haussperling. Etwas ganz Besonderes ist aber die Ansiedlung eines Wanderfalkenpaares mitten in der Stadt in einem eigens dafür am Telekom-Turm angebrachten Nistkasten. Es ist das einzige Brutpaar dieser seltenen Art im gesamten Kreis Gütersloh. Dies ist ein schöner Erfolg, der dazu beiträgt, dass sich der einst bei uns ausgestorbene Wanderfalke in NRW weiter etablieren kann.

Weit schwieriger ist es, den Vögeln der offenen Feldflur zu helfen, deren Bestände zum Teil rasant abnehmen. Kiebitz, Feldlerche und Rebhuhn, die früher einmal zu den häufigen Arten zählten, stehen heute alle auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten. Durch den Wegfall von Brachflächen und eine immer intensivere Nutzung von Acker und Grünland sind geeignete Brutplätze rar geworden. Auf ausgedehnten, monotonen Ackerschlägen ist das Nahrungsangebot an Würmern und Insekten sehr gering, so dass hier der Bruterfolg oft schlecht ausfällt und die Bestände ausdünnen. Um dem Rückgang entgegen zu wirken wurden Naturschutzprojekte aufgelegt, wie z.B. das Projekt „1.000 Fenster für die Lerche“ oder die Förderung von Brachen und Randstreifen, die für mehr Strukturen in den Ackerflächen sorgen. Die Landwirte können sich freiwillig an den Programmen beteiligen und so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten.

Die größte Besonderheit unter den Wiesenvögeln in Gütersloh ist der Große Brachvogel, der sich schon optisch durch seinen enorm langen, gebogenen Schnabel von allen anderen heimischen Vögeln unterscheidet. Auch sein lauter, flötender Reviergesang ist unverwechselbar und vor allem zu Beginn der Brutzeit im März und April noch in den Naturschutzgebieten „Am Lichtebach“ und „Große Wiese“ zu hören, wo noch 4 Paare brüten.

Wichtige Bestandteile einer artenreichen Landschaft sind Gehölzstrukturen. In Wildhecken und Feldgehölzen brüten Goldammer und Dorngrasmücke, die beide in Gütersloh noch verbreitet sind, aber in ausgeräumten Ackerlandbereichen fehlen. Als traditioneller Kulturbaum der Feuchtwiesen wurde schon früher die Weide angepflanzt, die gut mit dem hohen Grundwasserstand zurecht kommt. Durch einen regelmäßigen Schnitt werden die Weiden als Kopfbäume kultiviert, deren Holz über viele Jahre hinweg geerntet werden kann, ohne dass der Baum gefällt werden muss. Mit zunehmendem Alter bilden sich in dem weichen Holz der Weiden Ausfaulungen, die Höhlenbrütern, wie Feldsperlingen oder Kohl- und Blaumeisen als Brutplätze dienen. In mindestens 60 bis 80 jährigen Bäumen können diese Höhlen so groß werden, dass der Steinkauz, unsere kleinste Eule, dort einziehen kann. Im Stadtgebiet von Gütersloh wurden in den letzten 15 Jahren bis zu einem Dutzend Revieren bekannt, abhängig vom Winterwetter und Nahrungsangebot. Die Hauptvorkommen liegen in Isselhorst, Sundern und Spexard. Der Steinkauz ernährt sich vorwiegend von Mäusen, nimmt aber auch einen hohen Anteil an Käfern und Regenwürmern auf. Er sucht die Nähe von Hofstellen, wobei er Scheunen und Viehställe als Unterstand und bei schlechter Witterung auch zur Jagd auf kleine Nager nutzt. Zu einem guten Brutrevier gehören auch hofnahe Viehweiden und Obstwiesen die für ein ausreichendes Nahrungsangebot sorgen. Wo alte Kopfweiden oder Obstbäume mit natürlichen Höhlen fehlen, kann durch das Anbringen von speziellen Steinkauz-Brutkästen geholfen werden.

Obwohl Gütersloh nicht sehr üppig mit Wäldern ausgestattet ist, die nur etwa 7 Prozent der Fläche ausmachen, kommt dennoch eine ganze Reihe von typischen Waldvogelarten vor. Viele dieser Arten, wie das Rotkehlchen, der Buchfink oder die Singdrossel kommen durchaus auch in Siedlungen, Parks oder Gewerbeflächen vor, sofern hier genügend ältere Bäume und Sträucher vorhanden sind. Sie sind aber ursprünglich Bewohner der Baum- und Strauchschicht in Wäldern und erreichen hier ihre höchsten Dichten. Besonders ältere Laub- und Mischwaldbereiche haben eine hohe ökologische Wertigkeit. Hier finden Spechte im Totholz genügend Nahrung und schaffen durch ihre Bautätigkeit neuen Wohnraum für höhlenbewohnende Vögel, aber auch Fledermäuse und Insekten. Nutznießer der Höhlen sind der Kleiber, die Sumpfmeise und in Nadelwäldern auch die Tannenmeise. Während der Buntspecht auch in kleineren Wäldchen überall in Gütersloh zu finden ist, kommt der seltene Schwarzspecht, der etwa die Größe einer Krähe hat, nur in den Waldbereichen mit Altholzbeständen vor. Der Schwarzspecht baut deutlich größere Bruthöhlen als der wesentlich kleinere Buntspecht. Er ist daher ein wichtiger Höhlenbauer für größere Vogelarten, wie die Hohltaube oder den Waldkauz. Brutreviere, die eine Größe von bis zu 1.000 Hektar haben können, sind seit vielen Jahren aus Friedrichsdorf, Isselhorst und Ebbesloh bekannt.

Manchmal eröffnet die Vogelwelt sogar einen Blick in die Vergangenheit. So kommen in Niehorst mit dem Baumpieper und der Heidelerche 2 gefährdete Vogelarten vor, die typisch sind für eine Heidelandschaft. Immerhin wurde Gütersloh einst sogar als Heidestadt bezeichnet. Noch um das Jahr 1800 herum waren annähernd 60 Prozent der Fläche von Heidevegetation bewachsen. Heute ist die Heide in Gütersloh fast überall verschwunden und musste einer Bebauung oder intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung weichen. Im Bereich des ehemaligen NATO-Tanklagers konnten sich einige Hektar halten und hier brütet auch heute noch, wie wohl schon seit einigen Jahrhunderten, die Heidelerche. Die Stadt Gütersloh hat in den letzten Jahren hier einige Flächen gekauft, um Ausgleich für Eingriffe in die Natur zu leisten. Der sandige, nährstoffarme Oberboden wurde wieder hergestellt und die Initiale für die Entwicklung einer Heidevegetation geschaffen. So kann vielleicht zusammen mit dem Baumpieper und der Heidelerche auch ein Stück Tradition der Stadtgeschichte von Gütersloh bewahrt werden.

Der Autor:
Bernhard Walter, Jahrgang 1959, ist Diplombiologe und leitet die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld. Die Biologische Station koordiniert seit Mitte der 1990er Jahre die kreisweite Wiesenvogelerfassung und verfügt über eine der landesweit besten Datenreihen über die Bestandsentwicklung dieser Gruppe. Daneben setzt die Station viele Artenschutzprojekte um, unter anderem das kreisweite Artenschutzkonzept.

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Umweltschutz
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