13. November 2018
„Familienklasse“ wird in Gütersloh gut angenommen
Mit dem Kooperationsprojekt „Familienklasse“ wollen die Stadt Gütersloh, zwei Gütersloher Schulen, der Bildungsträger „IN VIA Paderborn e.V.“, die Reinhard Mohn Stiftung sowie die Bertelsmann Stiftung Schülerinnen und Schüler darin unterstützen, ihren schulischen Alltag besser zu bewältigen.
Schulmüdigkeit entwickelt sich bei Kindern und Jugendlichen oft aus familiären Konflikten. Dies geschieht über einen langen Zeitraum hinweg und kann sich in manchen Fällen bis zum Schulabbruch steigern. Im Kreis Gütersloh liegt die Quote der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen bei 4 Prozent.
Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung sagt: „Schulen verfügen bisher kaum über erprobte Handlungsmöglichkeiten, um auf Schulmüdigkeit beziehungsweise deren Entwicklung zu reagieren. Das ändern wir: Die Familienklasse wird seit dem 1. Februar 2018 erfolgreich an zwei Schulen in Gütersloh umgesetzt. Denn Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben, für Sinnerfüllung und Erfolg im Beruf.“
Henning Schulz, Bürgermeister der Stadt Gütersloh sagt: „Vier Prozent der Schüler und Schülerinnen in Gütersloh verlassen die Schule ohne Abschluss. Auch wenn das im Bundesvergleich eine unterdurchschnittliche Quote ist, müssen wird alles daransetzen, diesen Anteil weiter zu reduzieren. Das Projekt ‚Familienklasse‘ setzt hier richtig an, indem es präventiv vorgeht und das familiäre Umfeld der Schüler und Schülerinnen einbezieht. Ich bin Frau Mohn, der Reinhard-Mohn-Stiftung und der Bertelsmann Stiftung deshalb dankbar, dass die Familienklasse in Gütersloh für die kommenden Jahre gesichert und finanziert ist.“
Die Familienklasse wirkt
Die Ergebnisse zeigen, dass über die Familienklasse sowohl die Schüler als auch deren Eltern erreicht werden. 85 Prozent aller Teilnehmer der Familienklasse beenden diese erfolgreich ohne einen zwischenzeitlichen Abbruch und nehmen im Anschluss wieder regelmäßig am Unterricht teil. An den beiden Gütersloher Schulen, Anne-Frank-Schule und an der Janusz Korczak-Gesamtschule, gab es in der aktuellen Projektlaufzeit nur eine Familie, die die Familienklasse abgebrochen hat. Die Familienklasse ist nicht stigmatisierend. Der mit Abstand größte Teil der Schüler nimmt ausgesprochen gerne an ihr teil und erlebt die Anwesenheit der eigenen Eltern als wohltuende Aufmerksamkeit. Die Ziele der Familienklasse sind, dass die Schüler die vereinbarten Verhaltensziele erreichen. Anschließend geht es darum, dass die Schüler die Versetzung und der Schulabschluss gelingen.
Was ist die Familienklasse?
An der Anne-Frank-Schule und an der Janusz Korczak-Gesamtschule in Gütersloh werden Schüler, die Probleme im Arbeits- und Sozialverhalten sowie erste Anzeichen von Schulmüdigkeit zeigen, von ihren Klassenlehrern aufgrund bestimmter Kriterien identifiziert. Sie gehen dann für etwa drei Monate zusammen mit mindestens einem Elternteil wöchentlich einmal in die Familienklasse. Zur Familienklasse gehören zehn Schüler und deren Eltern. Sie und ihre Eltern werden von einer pädagogischen Fachkraft begleitet, die gleichzeitig auch die wöchentlichen Treffen der Familienklasse leitet. Die Fachkraft arbeitet nicht nur bei den wöchentlichen Treffen mit den Eltern und Schülern, sondern berät die Familien auch in regelmäßigen Abständen Zuhause, sucht Gespräche mit den Lehrern und vernetzt sich fallbezogen etwa mit Psychologen oder dem Jugendamt. Die Anwesenheitsquote bei den Familienklassentreffen von über 90% verdeutlicht, wie hoch die Motivation der Beteiligten ist.
Die Schüler führen in der ganzen Schulwoche einen Bogen, auf dem ihre vereinbarten Verhaltensziele stehen. Nach jeder Schulstunde vermerken ihre Lehrkräfte darin die Zielerreichung. Diesen Bogen bringen die Schüler in die wöchentlichen Treffen der Familienklasse mit. In den Treffen werten die Teilnehmer gemeinsam aus, inwieweit sie die Ziele aus der letzten Woche erreicht haben. Sie besprechen, was sie in der nächsten Woche anders machen wollen, um ihre Ziele zu erreichen. In der sich anschließenden gemeinsamen Lernzeit beraten sich die Eltern gegenseitig. Die Kinder erleben, dass ihre Eltern Lernbegleiter sein wollen und können. Das Treffen endet mit einer Tagesauswertung.
Wer finanziert die Familienklasse?
Finanziert wird das Kooperationsprojekt von der Bertelsmann Stiftung. Sie übernimmt die vollständigen Kosten für die Familienklasse bis 2022. Dies sind 622.450 EUR. Die Familienklasse ist ein Geschenk der Bertelsmann Stiftung anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens an die Stadt Gütersloh und die Gütersloher Bürger. Sie will die Schulen bei der Lösung ihrer Herausforderungen zum Thema Schulmüdigkeit unterstützen. Am Ende der Projektlaufzeit im August 2022 soll an den Schulen das Konzept der Familienklasse dauerhaft etabliert sein. Wenn die Familienklasse erfolgreich umgesetzt und etabliert wird, besprechen alle Beteiligten gemeinsam ob und wie eine Fortsetzung möglich ist.
Zusatzinformationen:
Die Idee der Familienklasse stammt vom deutschen Arzt Dr. Eia Asen. Er hat in London im Zusammenhang mit Suchtthematiken den familientherapeutischen Ansatz der Familienklasse entwickelt. Dieser erfolgreiche Ansatz ist zu einem präventiven Konzept zum Umgang mit Schulmüdigkeit in der Sekundarstufe I weiterentwickelt worden und über Schulen in Norddeutschland in den Kreis Paderborn gekommen (2012). Dort wurde, nach einer ersten erfolgreichen Umsetzung, die Reinhard Mohn Stiftung im Jahr 2014 Projektpartner.