Werte Mitglieder des Rates, liebe Mitbürger.
Die Vorkommnisse in der Ukraine sind natürlich auch an mir nicht spurlos vorübergegangen.
Im Rahmen meiner Zusammenarbeit mit Kulturkollektiven der ehemaligen Sowjetunion durfte ich den Umbruch Ende der 80er Jahre miterleben. „Glasnost“ und „Perestroika“. Michail Gorbatschow ließ die Fahne der Freiheit über dem Kreml wehen und nicht nur die russische Seele, sondern auch die der über 100 verschiedenen Völker in diesem Riesenreich machten sich auf, die Ketten der über Jahrhunderte dauernden Diktaturen und Unterdrückungen abzuschütteln. Die deutsche Wiedervereinigung, Entspannung zwischen Ost und West.
Vieles hätte ich für möglich gehalten, aber nicht das. Die ukrainische Stadt Lwiw / Lemberg, war 2012 noch Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft. Gestern wurde sie auf Befehl des russischen Präsidenten Putin angegriffen. Das Weltkulturerbe, zugleich wichtigstes Oberzentrum der Westukraine, liegt nur 760 km von Deutschland entfernt. Kiew ist mit dem Flugzeug von Berlin aus in ca. zwei Stunden zu erreichen. Aufgrund ihrer historischen Bedeutung trägt die Stadt den Titel „Mutter aller russischen Städte“. Seit heute Morgen steht auch die Hauptstadt unter Beschuss. Putin will offenbar nun auch seine eigene Mutter zur Schlachtbank führen.
Ich war mehrmals in Kiew, auf der Krim, in Odessa, Sewastopol und habe die Ukraine, die Menschen kennen und lieben gelernt.
Was wir in diesen Tagen erleben müssen ist uns allen näher, als wir im ersten Moment denken. Es klingt unglaublich, aber es passiert hier in Europa. Menschen sterben, sie werden aus ihren Häusern gebombt.
Der Westen hat schon viel zu oft geschwiegen und zugeschaut, wie russisches Militär die zarten Pflänzchen der Demokratie zertreten hat. Aufstände in der damaligen DDR, Ungarn, Polen, der Tschechischen Republik. Russische Panzer wälzten Demokratiebewegungen nieder. Nun scheint sich Geschichte zu wiederholen.
Diplomatie hin oder her. Putin hat mit seinen Lügen und seiner Propaganda den Westen hinters Licht geführt.
Wir müssen uns nun fragen: Werden Sanktionen greifen, und was können sie überhaupt noch verhindern? Putins Armee steht vor den Toren Kiews und es scheint eine Frage von Stunden zu sein, bis die Flagge der Russischen Föderation über dem Regierungsgebäude weht. Tausende von Menschen machen sich auf, um ihre Heimat zu verlassen.
Seit gestern sind wir aufgewacht, auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Unglücklich auch mit uns selbst, weil die allermeisten – auch ich – in ihrer Einschätzung falsch lagen.
Was können wir hier in und von Gütersloh aus tun? In die Weltpolitik können wir nicht eingreifen, Maßnahmen muss die „große Politik“ treffen.
Wir können uns mit dem ukrainischen Volk solidarisch zeigen. Vor dem Rathaus wird eine Mahnwache stehen, unter dem Glockenspiel projizieren wir die ukrainische Fahne mit der Friedentaube, wir zeigen auf vielfältige Weise Solidarität mit den Menschen in der Ukraine.
Dazu gehört auch, dass wir uns vorbereiten auf Menschen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat flüchten. Dass wir ihnen Unterkünfte zur Verfügung stellen, und dass wir sie herzlich in unserer Stadt willkommen heißen. Darauf bereiten wir uns vor.
Und auch das schaffen wir.