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Halbzeit beim Forschungsprojekt „Stadtgeschichte seit 1945“

21.09.2023

Mitwirkung der Gütersloher weiterhin gefragt – Junge Leute als Zeitzeugen insbesondere gesucht.

Ziehen eine positive Halbzeitbilanz über das Forschungsprojekt zur jüngeren Gütersloher Stadtgeschichte: (von links) Dr. Christoph Lorke (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster – Projektleitung „Stadtgeschichte nach 1945“), Michael Deppe, stellvertretender Leiter des städtischen Fachbereichs Kultur, und Lena Jeckel, Leiterin des Fachbereichs Kultur.
Ziehen eine positive Halbzeitbilanz über das Forschungsprojekt zur jüngeren Gütersloher Stadtgeschichte: (von links) Dr. Christoph Lorke (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster – Projektleitung „Stadtgeschichte nach 1945“), Michael Deppe, stellvertretender Leiter des städtischen Fachbereichs Kultur, und Lena Jeckel, Leiterin des Fachbereichs Kultur.

War und ist Gütersloh eine „schmuddelige“ Stadt? Wo sammelt sich der „Schmutz“ und: Was wurde früher eigentlich alles unter „Schmutz“ verstanden? – Weit mehr als das, was man unmittelbar mit dem Begriff assoziiert. In einer aktuellen Podcast-Folge über Gütersloh nimmt das Historiker-Team um Dr. Christoph Lorke, das die Stadtgeschichte von 1945 bis heute erforscht, unter die Lupe, wie in Gütersloh soziale und moralische Grenzen gezogen und diskutiert wurden. Obdachlosigkeit in den 1960ern, der Stadtteil Blankenhagen oder auch Debatten über Erotik in der Öffentlichkeit: Das und mehr wird in der neuen Folge von „Regionalgeschichte auf die Ohren“ unterhaltsam beleuchtet; zu hören überall, wo es Podcasts gibt, und auf dem Kulturportal www.kultur-guetersloh.de. Und die Moralvorstellungen der Gütersloher sind nur einer von vielen Themenkomplexen, zu denen die Historiker zur Halbzeit des Forschungsprojekts schon Erkenntnisse gewonnen haben.

Seit Anfang 2022 arbeitet ein Kernteam um Dr. Christoph Lorke (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster) gemeinsam mit einem Dutzend freier Autorinnen und Autoren im Auftrag der Stadt an der Fortschreibung der Stadtgeschichte. 2025 feiert Gütersloh 200 Jahre Stadtwerdung. Im Frühjahr 2025 soll eine wissenschaftlich fundierte und reich bebilderte Jubiläumsschrift vorliegen, die die Entwicklung der Kommune seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die unmittelbare Gegenwart nachzeichnet. „Eine solche ,dichte‘ Beschreibung einer Mittelstadt oder kleinen Großstadt ist in einem solchen Maße noch nicht erfolgt“, macht Projektleiter Lorke ein Alleinstellungsmerkmal des Forschungsprojekts deutlich.

Einbindung der Stadtgesellschaft von hoher Bedeutung – „Hochinteressierte Stadtöffentlichkeit“

Besonders am Projekt ist auch die unmittelbare Einbindung der Stadtgesellschaft. Denn nicht nur das klassische Aktenstudium ist wichtig ist für die Historiker. Eine weitere zentrale Quelle stellen Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dar. „Sie ermöglichen spannende, lebhafte und sehr persönliche Einblicke, die sich aus den Akten nicht rekonstruieren lassen“, so Lorke. Auf entsprechende Aufrufe melden sich immer wieder Gütersloherinnen und Gütersloher, um ihre Erinnerungen mit der Forscherteam zu teilen. „Es gibt eine hochinteressierte Stadtöffentlichkeit“, bemerkt der Projektleiter. „Die Menschen tragen aktiv zum Entstehen ihrer Stadtgeschichte bei.“ Auch Formate wie die „Erzählcafés“ und „Geschichtswerkstätten“, zu denen der städtische Fachbereich Kultur regelmäßig einlädt, sind von immens hohem Wert, wie Lena Jeckel, Leiterin des Fachbereichs Kultur, bekräftigt: „Dass die Stadtgesellschaft beteiligt ist, war von Beginn an ein wichtiger Baustein des Projekts. Und das ist unglaublich gut gelungen. Wir nutzen die etablierten Formate, um die Menschen mitzunehmen, und das Interesse ist groß. Die Stadtgesellschaft hat auf diese Weise die einzigartige Möglichkeit, an der Stadtgeschichte mitzuschreiben.“

Insbesondere junge Zeitzeugen und Gütersloher mit Migrationsbiografie werden noch gesucht

Das Team ist weiterhin auf der Suche nach auskunftsfreudigen Zeitzeugen. Insbesondere Gütersloherinnen und Gütersloher mit einer Migrationsbiografie sowie die Altersgruppe der heute Unter-30-Jährigen sind mit Schilderungen über ihre Kindheit und Jugend und damit auch die jüngste Gütersloher Vergangenheit noch unterrepräsentiert. Michael Deppe, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Kultur, ermuntert: „Wer seine Erinnerungen mit uns teilen möchte, ist herzlich willkommen, sich jederzeit beim Fachbereich Kultur zu melden.“ Das geht zum Beispiel über das Kulturportal (www.kultur-guetersloh.de) oder über den Instagram-Kanal des Stadtgeschichte-Teams (stadtgeschichten.gt).

„Die Uhren ticken in Gütersloh anders als anderswo“

Woche für Woche sichtet das Forscherteam Briefwechsel von Stadtdirektoren und Bürgermeisterinnen, Protokolle von Ratssitzungen, unzählige Fotografien und Karten sowie viele weitere Quellen. Inzwischen ist klar: „Die Uhren ticken in Gütersloh offenbar ein wenig anders als anderswo“, so Christoph Lorke. Ein dramatischer Strukturwandel mit allen Folgeerscheinungen wie De-Industrialisierung und Arbeitslosigkeit, wie man es aus anderen Regionen kennt, ist in der Dalkestadt nicht zu erkennen. Vielmehr sind die Berichte und Erzählungen von Wachstum und Fortschritt, Dynamik und relativem Wohlstand bestimmt.

Zu den Erkenntnissen und „Gütersloher Besonderheiten“, die das Historiker-Team inzwischen recherchiert hat, gehören zum Beispiel:

  • Eine „auffällig pragmatische Vergangenheitsbewältigung nach 1945“, wie Christoph Lorke es zusammenfasst. In der schon vor dem Zweiten Weltkrieg extrem wirtschaftsstarken Stadt habe man konsequent nach dem Wahlspruch der Unternehmerschaft „Nunquam retrorsum“ (Niemals zurück) aus dem 19. Jahrhundert gehandelt und gelebt, stets nach vorn orientiert. „Es dauerte sehr lange, bis man in Gütersloh entschieden hatte über Arten des Gedenkens an die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes.“ Die Inschrift auf dem Synagogen-Gedenkstein; das Thema Zwangsarbeit, das man „viel zu spät angegangen“ sei; Entschädigungszahlungen an jüdische Familien – in Gütersloh wurden zunächst andere Prioritäten gesetzt. Lorke: „Die heißen Eisen packte man in Gütersloh sehr verspätet an.“ Beispiellos spät wurde auch erst ein Stadtarchiv eingerichtet – in den 1980er Jahren, während andere Städte schon vor 1945 eines hatten.
  • Enge Verwicklungen der Stadtverwaltung mit den örtlichen Unternehmensspitzen, wobei Dr. Gerd Wixforth, Stadtdirektor von 1969 bis 1999, mit seinen Kontakten insbesondere zu den Familien Mohn, Wössner und Miele eine besondere Rolle einnahm; sehr enge Absprachen im Sinne einer Public Private Partnership sowie Einflussnahme der Bertelsmann AG und der Bertelsmann Stiftung auf die städtische Politik. Gütersloh erwies sich nicht zuletzt darum in vielerlei Hinsicht als „Laboratorium“ für größere Reformprojekte. Konzepte für Migration, Bildung, Gesundheit und Verwaltungsmodernisierung waren seinerzeit sehr innovativ und strahlten über die Stadtgrenzen hinaus aus. Die beiden von der Bertelsmann Stiftung finanzierten Lese-Clubs 1980/81 etwa galten als Novum in der Bundesrepublik, ebenso eine 1981 initiierte sozialwissenschaftliche Untersuchung zur „Integration von Ausländern“.
  • Eine weitgehend harmonieorientierte Kommunalpolitik mit nur wenigen großen „Aufregern“. Insbesondere die 1980er Jahre sind auffällig „aufgeregt“. Beispiele: der Bau des Parkhotels 1983, insbesondere durch den Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Reinhard Mohn vorangetrieben und in enger Abstimmung mit Stadtdirektor Wixforth umgesetzt – gegen Widerstand aus der Bevölkerung, die gegen den Abriss von historischer Bausubstanz protestiert hatte. Die Gründung der Stadtbibliothek 1984, weil der Einfluss von Bertelsmann anfangs hohe Wellen schlug; die Eröffnung der Weberei im selben Jahr gegen bürgerlichen Widerstand, der ein Marxisten-Zentrum befürchtete; in den 2000er-Jahren dann der Streit um den Theater-Neubau bis zur Eröffnung 2010.
  • Personelle Kontinuitäten an den Beispielen Dr. Gerd Wixforth – sein Vater Walter war Kämmerer und Erster Beigeordneter der Stadt Gütersloh, Gerd Wixforth später 30 Jahre lang Stadtdirektor –, Bürgermeisterin Maria Unger mit einer Amtszeit von 21 Jahren sowie Norbert Morkes, der als derzeitiger Bürgermeister unter anderem auf 21 Jahre in der Kommunalpolitik und im Rat der Stadt zurückblickt.

„Das sind Beispiele, die im innerstädtischen Vergleich ihresgleichen suchen“, macht Dr. Christoph Lorke deutlich. Auf die ausführliche Schilderung im Jubiläumsband darf man also gespannt sein. Bis dahin versorgt das Forscherteam die interessierte Öffentlichkeit nicht nur über themenbezogene wissenschaftliche Veröffentlichungen (wie kürzlich zur Rolle Dr. Gerd Wixforths), sondern auch regelmäßig über den Instagram-Kanal stadtgeschichten.gt und in loser Folge über den Podcast „Regionalgeschichte auf die Ohren“ mit weiteren Informationen. Bis zum Stadtjubiläum 2025 wollen Lorke und seine Mitarbeitenden weitere Gütersloh-Themenpodcasts produzieren und alle Interessierten so an den Erkenntnissen aus ihrer bisherigen Forschung teilhaben lassen – unterhaltsam und verständlich für alle.

Hintergrund: Forschungsprojekt „Gütersloher Stadtgeschichte nach 1945“

Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Stadtgeschichte Güterslohs vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart beauftragt sind das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster – Projektleitung PD Dr. Christoph Lorke – und die Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg. An dem geplanten Band, der aus Anlass 200 Jahre Stadtrechte zum Jubiläumsjahr 2025 erscheinen soll, arbeitet ein Dutzend weiterer Autorinnen und Autoren mit, die ihrerseits Spezialisten auf ihrem Gebiet sind. Sie vertiefen verschiedene Themenbereiche, um auf diese Weise eine möglichst multiperspektivische Geschichte der Stadt Gütersloh zu erzählen. Die Stadt Gütersloh ist mit rund 600.000 Euro am Projekt beteiligt, die beiden Institute mit einem Eigenanteil von rund 285.000 Euro.