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25. September 2026

Engagement in einer Zeit von Not und Aufbruch

27. September 1946: Erinnerung an Wilhelm Baumann, der zum ersten frei gewählten Gütersloher Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg wurde.

Der erste frei gewählte Bürgermeister Güterslohs: Wilhelm Baumann. Foto: Stadtarchiv/DIE GLOCKE
Der erste frei gewählte Bürgermeister Güterslohs: Wilhelm Baumann. Foto: Stadtarchiv/DIE GLOCKE
Gütersloh vor 80 Jahren: Unter Aufsicht der britischen Militärregierung fanden 1946 die ersten demokratischen Kommunalwahlen nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs statt. Am 27. September 1946 wählte die Stadtverordnetenversammlung, in der die neu gegründete CDU die Mehrheit hatte, den 58-jährigen Wilhelm Baumann zum Bürgermeister. Wer war der Mann, der als erstes „frei gewähltes Stadtoberhaupt nach dem Krieg“ in die Gütersloher Geschichte einging? – Eine Spurensuche im Stadtarchiv.

Wilhelm Baumann war bescheiden, eher zurückhaltend, vor allem aber „redlich, treu, hilfsbereit“ und „offen gegenüber Jedermann“. All diese Attribute schreiben ihm die zahlreichen Zeitungsartikel zu, mit denen er an runden Geburtstagen und in Nachrufen zu seinem Tod am 4. Juli 1971 gewürdigt wird. Sein Leben ist geprägt von einer bemerkenswerten Kontinuität, die ihn für das Bürgermeisteramt in schwieriger Zeit offensichtlich prädestinierte: Wilhelm Baumann hat sich – als evangelischer Christ auf der Basis seines Glaubens – seit seiner Jugend politisch engagiert. Der 1888 in ein protestantisch geprägtes Elternhaus in Pavenstädt Hineingeborene war bereits als Vertreter des Evangelischen Volksdienstes 1931 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden und war im Magistrat bis 1935 Mitglied der Kommission zur Förderung des Baus von Arbeiterwohnungen. „Für den Mitbegründer der örtlichen christlichen Gewerkschaften, der auch Betriebsratsvorsitzender in seiner Firma gewesen ist, war dann erst nach dem Zusammenbruch wieder der Augenblick öffentlicher Mitarbeit gekommen“, würdigt ein Zeitungsartikel zum 80. Geburtstag Baumanns seinen Einsatz für die Lokalpolitik, die im Nationalsozialismus keine Zukunft hatte.

Mit Blick auf diese Vorgeschichte scheint es folgerichtig, dass Baumann nach dem Krieg zu den Mitgründern der Christlich Demokratischen Union, sprich CDU, in Gütersloh gehörte. Auf den neuen Bürgermeister warteten Herkulesaufgaben: Ein Teil der Stadt – man kennt die Bilder vom Alten Kirchplatz, vom Bahnhof und Blessenstätte – war zerstört. Aus West und Ost kamen Flüchtlinge und Menschen, die bei Bombenangriffen Wohnung, Hab und Gut verloren hatten. Zusammen mit dem damaligen Stadtdirektor Paul Thöne und anderen Mitstreitenden baute Baumann ein Hilfswerk auf, das praktische Unterstützung in allen Lebensbereichen bot – vom Wiederaufbau von rund 400 beschädigten und zerstörten Wohnungen über die Weitergabe von Haushaltsgegenständen und Bekleidung bis hin zu finanzieller Unterstützung aus Spenden. Im besonders harten Winter 1946/47 sorgten Bürgermeister und Stadtdirektor für die Einrichtung von Wärmestuben in Gaststätten, ab Mai 1947 begannen die Schulspeisungen, an denen rund 6700 Kinder teilnahmen. „Es gibt keinen, dem er nicht mit Rat und Tat zur Seite steht“, beschreibt ihn ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1948 und zitiert einen Gütersloher mit den Worten: „Was unser Bürgermeister verspricht, das hält er auch.“

Dennoch endet die Ära Bürgermeister Baumann schon 1948, als bei den nächsten Kommunalwahlen auf Basis der Verfassung des neu gegründeten Landes NRW, die SPD die Mehrheit in Gütersloh erlangt und Hans Hossius Stadtoberhaupt wird. Baumann bleibt noch bis 1952 Ratsmitglied. Im Jahr zuvor ist er als Werkmeister und Betriebsleiter bei der Firma Vogt&Wolf in Ruhestand gegangen, nach fast 50 Jahren Betriebszugehörigkeit.

Wilhelm Baumann hat von sich aus wenig über seine Zeit als Bürgermeister gesprochen, wollte seine Person niemals in den Mittelpunkt stellen. Für ihn seien die Aufgaben in der Nachkriegszeit eine Selbstverständlichkeit im Geist christlicher Nächstenliebe gewesen, vermerken die Chronisten. Das bestätigt auch seine Enkelin Annette Kornblum, die Unterlagen aus dem Nachlass ihres Großvaters dem Stadtarchiv übergeben und dafür gesorgt hat, dass Name und Grabstein Wilhelm Baumanns seinen Platz im Lapidarium zur Erinnerung an Gütersloher Bürgermeister auf dem Friedhof Unter den Ulmen bekommen hat.

Die Zeitgenossen und Weggefährten wussten jedoch sehr wohl, was sie Wilhelm Baumann zu verdanken haben. Das belegen unter anderem sehr persönliche Glückwünsche bekannter Gütersloher Persönlichkeiten zu seinen Geburtstagen, die sich in Baumanns Nachlass finden. Dass seine Anerkennung auch über Parteigrenzen hinweg groß war, zeigt nicht zuletzt seine Ernennung zum Stadtältesten im Jahr 1957. Die Urkunde hängt heute eingerahmt im Wohnzimmer von Enkelin Annette Kornblum, neben ihrer eigenen, denn auch sie wurde zur Stadtältesten ernannt. Auch wenn sie selten mit dem Großvater über sein politisches Engagement gesprochen hat, blieb es nicht ohne Wirkung auf sie. Ganz bewusst sei sie am 17. Mai 1988 in die SPD eingetreten – dem Geburtstag des Großvaters, auf dessen Leistung in einer Zeit voller Not und Aufbruch nicht nur sie stolz ist. Darüber, dass eine Straße – nicht weit von seinem lebenslangen Wohnort heute nach ihm benannt ist, hätte Wilhelm Baumann vielleicht den Kopf geschüttelt. Aber vielleicht hätte es ihm doch gefallen.