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Abschied von Bartels - ein Rückblick von Philip Pautsch

Großes Kulturfest zum Abschluss einer facettenreichen Geschichte: Am 2. und 3. September öffnet Bartels noch einmal seine Pforten, um dann für immer zu verschwinden.

Schon bald wird nicht mehr viel von den historischen Bauten der Seidenweberei Gebrüder Bartels zeugen. Auf dem etwa 30.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Berliner Straße und Bismarckstraße sowie Grüner Straße und Nordring entsteht eine neue Wohnsiedlung mit integrierten Einkaufsmöglichkeiten. Lediglich die 1903 erbaute Kleinkinderschule, der alte Fabrikschornstein, das alte Bürogebäude und das Pförtnerhäuschen, sowie einige Mauerreste werden in Zukunft noch an das traditionsreiche Familienunternehmen im Herzen von Gütersloh erinnern, das bis Anfang der siebziger Jahre tätig war.

Vom Leinenweber zum Seidenweber

Die Geschichte der Gütersloher Seidenweberei ist die Geschichte zweier Brüder: Wilhelm Bartels (1818-1892) und Ferdinand Bartels (1834-1905) beschließen im Jahre 1856 die Gründung einer Seidenfabrik in ihrer Heimatstadt Gütersloh. Als Basis diente das Tuchgeschäft ihres Vaters. Die Verkaufs- und Büroorganisation des Tuchgeschäftes wurde in Teilen für die Seidenweberei zur Verfügung gestellt, um etwaigen Risiken vorzubeugen und nicht unnötig viel Kapital in die neue Firma zu investieren. Ein Herausforderung stellte die Beschaffung von qualifizierten Arbeitskräften dar. Zwar gab es viele Weber auf die man zurückgreifen konnte, doch waren diese nur in der Verarbeitung von Leinen geschult und im Umgang mit Seide völlig unerfahren. Aus diesem Grund eröffneten die Gebrüder Bartels Anfang 1857 eine Schule zur Umschulung von Leinen- zu Seidenwebern, auch mit dem Ziel später direkt Seidenweber auszubilden. Diese Aufgabe übernahm ein von Ferdinand Bartels eingestellter Meister aus Krefeld.

Seidenprodukte aus Heimarbeit

Stoffe wurden an Handwebstühlen in Heimarbeit gewebt, so war es Mitte des 19. Jahrhunderts üblich. Die wenigen vorhandenen mechanischen Webstühle wiesen noch erhebliche Mängel auf. Daher war auch die Firma Bartels auf die Produktion im privaten Umfeld angewiesen. Dies hatte einige Vorteile. So musste kein Werksgelände gekauft und Produktionsstätten errichtet werden. Auch die Herstellung von Seide, deren benötigte Mengen stark von der Mode und der Saison beeinflusst wurde, war flexibel regelbar. Vor diesem Hintergrund nahm am 1. April 1857 die Firma Gebr. Bartels ihre Tätigkeit auf. Trotz Verlusten im ersten Arbeitsjahr des Unternehmens konnte sich der Betrieb halten und zusammen mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, ausbauen, was nicht zuletzt auf den Arbeitseifer der beiden Firmengründer zurückzuführen war.

In den 1860er Jahren überschritt die Anzahl an Webstühlen erstmals die 400er Marke. Auch die Produktpalette wurde nun großzügig erweitert und ständig an die neuen Markterfordernisse angepasst.

Die Brüder fanden ihre Rollen: Ferdinand Bartels wurde immer mehr zum eigentlichen Geschäftsführer der Seidenweberei, während Wilhelm Bartels weiterhin hauptsächlich das väterliche Tuchgeschäft betreute, das immer noch als Hauptabsatzort für die Seidenprodukte diente.

Die Expansion - aus der Provinz in die Welt

Das Geschäft expandierte, bis Berlin und London verkauft die Firma ihre Seidenprodukte. In den 1860er Jahren wurden auch die Geschäftsräume der Weberei von denen der Tuchhandlung getrennt.
Die Expansion ging weiter, nicht nur, dass die Webstuhlkapazität ständig weiter In den achtziger Jahren lieferte die Firma in viele bedeutende europäische Städte, aber auch in Übersee, wie in New York waren Agenten der Firma tätig und sorgten für den Verkauf von "Bartelsseide".

In der firmeneigenen Winderei, einem der direkten Seidenweberei vorgelagerten Arbeitsschritte, wurde 1873/1874 auf mechanische Hilfe durch einen Deutzer Gasmotor zurückgegriffen. Den ersten seiner Art in Gütersloh. Bis 1880 stieg die Stuhlzahl auf fast 600. Die ersten Arbeiterhäuser wurden im Zuge dieses Anstieges errichtet.

Die Seidenfabrik Bartels entsteht

Die Weiterentwicklung der mechanischen Webstühle war inzwischen schnell vorangeschritten und um konkurrenzfähig zu bleiben, wurde die Errichtung einer Fabrik, die mit diesen neuen Maschinen ausgestattet war, beschlossen. Am 23. April 1887 wurde dann der Grundstein für die Errichtung des Werksgebäudes an der Stelle gelegt, an der noch heute die Ruinen der Seidenfabrik zu betrachten sind. Dabei wurde der Bau so geplant, dass auch für zukünftige Firmenerweiterungen Platz zur Verfügung stand.

Der 1. Weltkrieg - Bartels kämpft ums Überleben

Die Vorkriegszeit bescherte der Firma trotz einiger Einbrüche in den Verkaufszahlen neue Höchstumsätze, das Geschäft florierte und lieferte seine Stoffe bis nach Südamerika. Innerhalb der Geschäftsleitung fand ein Wechsel der Verantwortung auf die Nachkommen von Firmengründer Ferdinand Bartels statt, nachdem er, vor heute nunmehr einhundert Jahren, am 5. September 1905 verstarb. Die Linie von Ferdinand Bartels wurde 1898 nach Auszahlung der Erben seines 6 Jahre zuvor verstorbenen Bruders Wilhelm zum alleinigen Träger des Geschäftes.


1913 wurde die Firma, aufgrund der großen Anzahl an Erben von Ferdinand Bartels, in ein GmbH umgewandelt. Der erste Weltkrieg führte zu einem dramatischen Produktionseinbruch. Ein Großteil der Arbeiter wurde zum Kriegsdienst einberufen, der Warenverkehr ins Ausland war unterbrochen, ein Teil der Produktion wurde vom Staat beschlagnahmt und die Rohstoffpreise schnellten in die Höhe.

Die Nachkriegsjahre - langsamer Aufschwung

Erst Mitte der zwanziger Jahre gelang es der Firma wieder auf die Beine zu kommen. Vor allem der Handel mit Kunstseide führte dazu, dass der Umsatz wieder stieg. Es mussten neue Maschinen gekauft, sowie das Betriebsgebäude in den kommenden Jahren stetig erweitert werden, vor allem durch den Ankauf von Nachbargrundstücken an der Grünen Straße wurde das Gelände vergrößert. Die Weltwirtschaftskrise warf das Unternehmen wieder zurück und nur durch die geschickte Anpassung ihrer Produkte an die Bedürfnisse des Marktes konnte es relativ unbeschadet daraus hervorgehen. Auch die Auslandsgeschäfte liefen wieder an. Bis Anfang des 2. Weltkrieges hatte sich das Gütersloher Unternehmen eine solide Marktposition erarbeitet, die Zahl der Webstühle für Kunstseide war ständig gestiegen, ebenso die Beschäftigtenzahlen.

Der 2. Weltkrieg - erneutes Ringen um das Bestehen der Firma

Der Krieg verringerte den Gesamtumsatz schnell. Teile der Fabrikgebäude wurden an einen Rüstungsbetrieb vermietet und die Produktion von Seidenwaren nahm beständig ab. Ein Luftangriff im März 1945 beschädigte die Gebäude leicht und zerstörte einen Teil des Materiallagers. Die Besatzungszeit brachte am Anfang ebenfalls keinen wirtschaftlichen Aufschwung, da es vor allem an Rohmaterial fehlte.

Die Nachkriegszeit - der Anfang vom Ende

Erst ab 1948 mit der Währungsreform begann ein neuer Aufschwung. Jedoch erst 1955 überstiegen die Ertragssätze erstmals diejenigen vor Kriegsbeginn. Alte Maschinen werden durch automatische Webstühle ersetzt, zusätzlich wurden die Betriebsräume klimatisiert. 1951 entstand in Hermeskeil sogar ein Zweigwerk. Doch auch die Räumlichkeiten in Gütersloh wurden erweitert, vor allem die Verkaufs- und Bürofläche. Auch das Webereigebäude wurde vergrößert. Zum einhundertjährigen Betriebsjubiläum 1957 wurde ein Neubau mit Betriebsbüro und Garderobenanlagen für die Mitarbeiter eingeweiht.
Aufgrund von aufkommenden Konjunkturschwierigkeiten musste man allerdings bereits im Sommer 1958 den Webereibetrieb einstellen und die Webstühle veräußern. Nur eine Weberei zur Herstellung von Schals und Halstüchern mit 50 Angestellten wurde zu diesem Zeitpunkt noch betrieben.

Kurze Zeit später ging das Unternehmen in der "Vereinigten Seidenwebereien AG" aus Krefeld auf und wurde 1971 im Zuge einer "generellen Strukturbereinigung" geschlossen und die Angestellten in anderen Betrieben untergebracht. Dies stellte das endgültige Ende eines der älteste Industrieunternehmen in Gütersloh dar, das es über 100 Jahre geschafft hatte allen Widrigkeiten zu trotzen. Auch ein Stück Stadtgeschichte war damit verschwunden.

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