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Kriegsende in Gütersloh

Vor 70 Jahren endete in Gütersloh der Zweite Weltkrieg - Wochen früher als in manch anderer Stadt. Daran hatte unter anderem der damalige Bürgermeister Josef Bauer seinen Anteil, der die Aussichtslosigkeit, Gütersloh "bis zum letzten Mann zu verteidigen", erkannte. Anlässlich der Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren wirft die Serie "Kriegsende in Gütersloh" einen Blick auf die letzten Kriegswochen, bis die Stadt Anfang April 1945 kampflos den Amerikanern übergeben wurde.

Die Informationen basieren auf Quellen des Stadtarchivs und Aussagen des Zeitzeugen Rudolf Herrmann. In den drei Teilen

Verteidigung und Vorgeschichte

Unvorstellbares Leid, unzählige Opfer, materielle Schäden: Der erste schwere Luftangriff vom 26. November 1944 und weitere Angriffe im Januar und Februar 1945 treffen Gütersloh erheblich. Noch gelingt es den Helfern, die Schäden größtenteils zu beseitigen. Am 14. März 1945 trifft Gütersloh dann der schwerste Angriff: Die Amerikaner werfen tausende Sprengbomben und zehntausende Brandbomben ab.

Gütersloh soll jedoch auf Befehl Adolf Hitlers – wie jede Stadt in Deutschland – „bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Mann verteidigt werden“. Die Reichsregierung ruft dazu auf, jeden Ort in den Verteidigungszustand zu versetzen und bis zum Äußersten zu verteidigen. Daher werden ab Mitte März 1945 Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren für den Volkssturm vereidigt. 250 Mann, vier Bataillone, eingeteilt in Kompanien und Züge, ausgestattet mit einigen wenigen Panzerfäusten und Jagdgewehren sollen Gütersloh verteidigen. Kampfkommandant wird der Kommandeur des sechsten Luftnachrichtenregiments Oberst Richard Kröhl. Die Forderung nach Panzersperren an den in Gütersloh einmündenden Hauptstraßen wird währenddessen immer dringender. Bürgermeister Josef Bauer schreibt in seinem Bericht, den er 1948 verfasst, dass jedoch nichts geschieht, obwohl in den Nachbarstädten fieberhaft gebaut wird.

Bürgermeister Josef Bauer widersetzt sich dem Gedanken – nicht aufgrund von mangelnder Vaterslandsliebe, sondern aus Vernunft und Sorge, wie er in seinem Bericht schreibt. „Ich wollte der Stadt weitere Opfer an Gut und Blut um jeden Preis ersparen.“ Er vertritt die Meinung, dass Gütersloh – eine nach allen Seiten offene Stadt – im ebenen Gelände nicht zu verteidigen sei und man in einem Kampf mit der totalen Zerstörung rechnen müsse.

In der letzten Märzwoche werden die Nachrichten von der Front immer ernster, die Amerikaner dringen immer schneller vor. Gründonnerstag, 29. März 1945, finden sich der Kampfkommandant, Bataillonsfrüher des Volkssturms, Landrat, Kreisleiter und Ortsgruppenleiter der Partei zu einer Besprechung im Sitzungssaal des damaligen Rathauses am Berliner Platz ein. Der Protest des Bürgermeisters bleibt zunächst ohne Wirkung, Gütersloh wird verteidigt. Es werden ein äußerer und ein innerer Ring geplant. Am äußeren Ring sollen Schützengräben ausgehoben werden, während der innere Ring unbedingt verteidigt und gehalten werden soll.

Unverzüglich nach der Besprechung empfiehlt Bürgermeister Josef Bauer allen Frauen und Kindern, die Innenstadt zu verlassen undan der äußeren Gemeindegrenze und in ländlichen Nachbargemeinden ein Notquartiert zu beziehen. Dem eigenmächtig veranlassten Aufruf folgen viele Bürger. Auch Rudolf Herrmann, damals 14 Jahre alt. „Wir haben Ostern mit unserer Familie in der Gärtnerei Citzler an der heutigen Erikastraße verbracht“, erinnert er sich.

Gauleiter Dr. Alfred Meyer aus Münster fährt an Karfreitag an den aus Gütersloh ausziehenden Menschen vorbei und erkundigt sich erstaunt, wer den Befehl zur Räumung gegeben habe. Am nächsten Tag wird Josef Bauer der Vorwurf gemacht, die Bevölkerung unnötig gewarnt zu haben, da nicht damit gerechnet zu werden brauche, dass die feindlichen Truppen jemals Gütersloh erreichen würden. „Ahnungslos und verblendet“, nennt das Rudolf Herrmann. Denn drei Tage später ist Gütersloh von den US-Truppen besetzt.

Kampflose Übergabe

40 Menschen sterben an Karfreitag, dem 30. März 1945, in Gütersloh. Die Stadt wird sturmreif gebombt und mit Bordwaffen beschossen. "Fast den ganzen Tag waren feindliche Flugzeuge am Himmel über Gütersloh", erinnert sich Zeitzeuge Rudolf Herrmann. Ohne Widerstand kann die US-Luftwaffe den Flugplatz bombardieren, etliche schwere Bomben auf den nördlichen Bereich der Kaiserstraße, den Nordring und die Kahlertstrasse in Höhe des Hofes Meier Nordhorn werfen. Ein Personenzug mit Flüchtlingen aus dem Ruhrgebiet wird im Güterbahnhof von Tieffliegern mit Bordwaffen beschossen. Viele Insassen sterben.

Bei einer Besprechung im Rathaussitzungssaal wird die Verteidigung der Stadt besprochen. Der Kampfkommandant gibt die Verteidigungslinien bekannt. Der äußere Verteidigungsring verläuft im Zuge des Nordrings, Carl-Miele-Straße, Ostring, Brunnenstraße, Südring und Westring. Für den inneren Verteidigungsring, welcher bis „zum Äußersten“ gehalten werden sollte, ist die Linie Bahnhof, Strengerstraße, Schulstraße, Schulhof, Hohenzollernstraße, Münsterstraße, Dalkestraße, Bahndamm und Bahnhof vorgesehen. Der äußere Verteidigungsring muss bis zum Abend des Karfreitags, 30. März 1945, besetzt werden. Gegen 18 Uhr ertönt Panzeralarm: Amerikanische Panzer dringen auf der „Reichsautobahn“ bis Spexard vor und besetzen Wiedenbrück.

Am Abend des ersten Ostertags, 1. April, geht die amerikanische Artillerie im Halbkreis um Gütersloh gegen die Stadt in Stellung. Gegen 23 Uhr erreicht Bürgermeister Josef Bauer die Meldung, dass ein amerikanischer Offizier den Angriff durch Luftwaffe und Artillerie angekündigt habe. Noch spät in der Nacht sucht der Bürgermeister Oberst Kröhl auf, um sich mit ihm zu besprechen. Am nächsten Tag eröffnet der Kampfkommandant dem Bürgermeister, dass er sich im Laufe des Tages mit seinen Truppen zurückziehen werde, die Verteidigung aber durch den Volkssturm aufrechterhalten werden soll. Aus den Aufzeichnungen Josef Bauers geht hervor, dass er den Krieg als endgültig verloren ansieht und alles versucht, um eine kampflose Übergabe der Stadt zu erreichen.Mit den Bataillonsführern hat der Bürgermeister vereinbart, dass sie den Befehlen des Kampfkommandanten nur bis zu seinem Abrücken Folge leisten und nach Abzug der Wehrmacht den Volkssturm sofort auflösen würden.

Nach Abzug der Truppen bittet Josef Bauer Pastor Paul Gronemeyer, den Amerikanern die Stadt kampflos zu übergeben. Dieser fährt am Ostermontag, 2. April 1945, mit einem Fahrrad und einer weißen Fahne Richtung Neuenkirchen den Amerikaner entgegen. „So haben Bürgermeister Bauer und Pastor Gronemeyer durch ihren Mut und unter Lebensgefahr die Zerstörung Güterslohs verhindert“, erinnert sich Rudolf Herrmann, der sich – mit seinen damals 14 Jahren – noch nicht recht über die Aufgabe der Soldaten freuen konnte. „Als Junge glaubte ich bis zuletzt an die versprochenen Wunderwaffen, die noch eine Wende herbeiführen sollten. Doch der Krieg war endgültig verloren.“ Er hat recherchiert, dass der Bürgermeister von Brackwede bei dem Versuch, seine Stadt ebenfalls kampflos zu übergeben, erschossen wurde.

Nach der kampflosen Übergabe fahren etwa 15 Panzerspähwagen auf dem Rathausplatz vor. Josef Bauer berichtet dem Führer der Kolonne von der Situation in der Stadt. Anschließend wird er aufgefordert, eine Waffensammelstelle einzurichten, bei der die Bevölkerung alle Waffen abzugeben hat. Um 22 Uhr verlangen die Amerikaner die Räumung des Rathauses.

Einmarsch der Amerikaner

Nach der kampflosen Übergabe der Stadt ist zwar die Bedrohung durch Kampf und Bomben vorbei, doch bis Ordnung und wirklicher Frieden einkehrt, dauert es noch eine Weile. Plünderungen, Räumungsbefehle und Überfälle, bei denen Menschen auch noch nach der Übergabe der Stadt ihr Leben lassen, gehören zu diesem Teil der Geschichte.

Am zweiten Ostertag, 2. April 1945, um 22 Uhr verlangen die Amerikaner die Räumung des Rathauses. Am nächsten Tag wird für die Bevölkerung ein Ausgehverbot von 18 bis 6 Uhr verhängt, das einige Wochen gültig ist. Ab dem 7. April 1945 befinden sich die Räume der Militärregierung im Rathaus. Leiter der Militärregierung und Stadtkommandant ist US-Major Olsen. Das taktische Hauptquartier der Amerikaner zieht am 12. April 1945 von Haltern nach Gütersloh in die frühere „Luftnachrichtenkaserne“ an der Verler-Straße (heute Mansergh Barracks).

Am 16. April eröffnet Major Olsen dem Bürgermeister Josef Bauer, dass nach einer Anweisung von General Eisenhower kein Bürgermeister im Amt bleiben könne, der der NSDAP angehört habe. Jedoch dankt er ihm für die loyale und korrekte Zusammenarbeit und versichert ihm, dass er sein Amt uneigennützig zum Wohle der Stadt ausgeführt habe. Aber auch sein Nachfolger, Paul Thöne, bleibt vorerst nicht lange im Amt. Am 21. April wird er abgesetzt, da er angeblich der „Deutschen Arbeitsfront“ angehört hatte. Nachfolger wird Adam Weinand. Nach einer Überprüfung kehrt Paul Thöne dann aber am 9. Juni in das Bürgermeisteramt zurück.

In Gütersloh waren unter anderem viele russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Barackenanlagen untergebracht. Sie kommen nach dem Einmarsch der Amerikaner frei. Ausgehungert wie sie sind, nehmen sich viele von ihnen auf Bauernhöfen und Lagerstätten die Lebensmittel, die sie brauchen. Auch Gebrauchsgegenstände aller Art werden aus den Geschäften und bei Bewohnern – häufig unter Anwendung von Gewalt – mitgenommen. Auf einigen Bauernhöfen kommen auch Schusswaffen zum Einsatz, so dass es in den Randbezirken auch jetzt noch Todesopfer zu beklagen gibt. Hunger leiden auch viele Gütersloher und Gütersloherinnen, auch sie plündern – dem Bericht Josef Bauers aus dem Jahr 1948 zufolge in Branntweinbrennereien, Kasernen, Lebensmittelhändlern und Fleischwarenfabriken, wie zum Beispiel bei Sewerin, auf dem Gelände des heutigen Media Marktes. Die Polizei, die ihre Waffen abgegeben hatte, kommt nur schwer gegen die Plünderungen an. Aber die Amerikaner versuchen, Exzesse so weit wie möglich zu unterbinden.

Ein weiteres Problem sind die Räumungsbefehle. Rudolf Herrmanns Erfahrungen stehen für zahlreiche andere Berichte aus der Zeit: „Ein paar Tage nach Ostern mussten wir plötzlich unsere Wohnung mit elf anderen Familien in der Nachbarschaft inner­halb von zwei Stunden für amerikanische Truppen räumen. Mit Verwandtenhilfe haben wir es geschafft, bis auf den Keller alles auszuräumen. Bis Mitte Juni haben wir bei meinen Großeltern an der Straße Zum stillen Frieden Unterschlupf gefunden.“ Bereits eine Stunde nach dem Räumungsbefehl warten die Amerikaner vor dem Haus auf ihren Einzug. Insgesamt müssen bis zum 13. April in der Innenstadt etwa 150 Gebäude für durchziehende Truppen zur Verfügung gestellt werden. Ende Juni 1945 übergaben die Amerikaner Gütersloh an die Engländer. Ein neues Kapitel der Stadtgeschichte wird aufgeschlagen. Die Nachkriegszeit hat begonnen

wirft die Serie von Alexa Werner einen Blick auf die letzten Kriegswochen, bis die Stadt Anfang April 1945 kampflos den Amerikanern übergeben wurde.

Karte Einmarsch der Amerikaner 1945

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