Erinnerung an die jüdischen Gemeinde in Gütersloh
Die nationalsozialistische Verfolgung führte innerhalb weniger Jahre zur vollständigen Zerstörung des jüdischen Gemeindelebens in Gütersloh. Ausgrenzung, Entrechtung, Deportation und Ermordung beendeten eine jahrhundertelange Geschichte jüdischen Lebens in der Stadt.
Die jüdische Gemeinde war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein fester, wenn auch zahlenmäßig kleiner Bestandteil der Gütersloher Stadtgesellschaft. Ihre Geschichte ist geprägt von religiöser Kontinuität, schrittweiser rechtlicher Gleichstellung und wachsender gesellschaftlicher Teilhabe. Trotz ihrer Minderheitenstellung leisteten jüdische Bürgerinnen und Bürger wichtige Beiträge zum wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben der Stadt.
Ein kurzer Abriss der Geschichte der Gemeinde
Seit dem Beginn der Herrschaft Rheda im Jahr 1565 waren auch in Gütersloh Juden sesshaft. Vom Landesherrn, dem Grafen von Rheda, erhielten Sie das Recht der Niederlassung. Dafür musste - wie damals üblich - eine Schutzgebühr gezahlt werden. Namentlich nachweisbar sind jüdische Bewohner des Dorfes seit 1671. Sie waren in erster Linie Händler und Kaufleute. Der Friedhof befand sich noch in Rheda, bis 1722 ein Begräbnisplatz an der Herzebrocker Straße eingerichtet wurde. Damals wohnten im Dorf zehn jüdische Familien. 1723 wurde ein Gemeindestatut erstellt und 1745 an die inzwischen 90 Personen umfassende Gemeinde angepasst. 1779 waren von 289 Gütersloher Familien elf jüdischen Glaubens. 1808 zählten 145 Personen zur jüdischen Gemeinde.
Von 1752 bis 1763 gab es einen Betsaal an der Münsterstraße, spätestens ab 1765 verfügte die Gemeinde über ein eigenes Synagogengebäude mit Dienstwohnung. 1799 wurde eine jüdische Schule eingerichtet, der erste Lehrer hieß Levi Bamberger. Er war, wie seine Nachfolger im Amt, gleichzeitig Vorbeter und Prediger. 1852 wurde neben der Synagoge ein eigenes Schulgebäude gebaut. Nach Übernahme der Landesherrschaft durch Preußen 1815 wurde den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung ("Judenemanzipation") zuerkannt. 1847 wurde die Gütersloher Synagogengemeinde von der Gemeinde Rheda getrennt und die Rechte und Pflichten durch Statuten als rechtlich eigenständige Gemeinde festgelegt. Von 1871 bis 1895 stieg die Zahl der Gemeindemitglieder von 71 auf 96, bis 1934 fiel sie auf 56. 1915 wurde die Schule geschlossen, die vier schulpflichtigen Kinder besuchten jetzt städtische Schulen.
Ausführlichere Informationen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Gütersloh bis 1914 finden sich hier.
Verfolgung und Entrechtung im Nationalsozialismus
Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich die antisemitische Stimmung in Deutschland. In Gütersloh wurden Anfang der 1920er Jahre jüdische Wohn- und Geschäftshäuser mit roten Hakenkreuzen beschmiert. 1933 lebten in Gütersloh insgesamt 62 Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens. Sie wurden, wie überall im Deutschen Reich, nach und nach entrechtet, aus der Gesellschaft ausgegrenzt und ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt.
Mit dem Aufruf vom 1.April 1933, die jüdischen Geschäfte zu boykottieren, begann die wirtschaftliche Ausgrenzung auch in Gütersloh. Die Stadtverordneten untersagten der Verwaltung, der Städtischen Sparkasse und den Gemeindebetrieben, ihren Bedarf in jüdischen Geschäften zu decken.
In einem Lagebericht schreibt Bürgermeister Tummes am 16.1.1935: "Die antijüdische Stimmung hatte zu Anfang der Berichtszeit wieder stark zugenommen. Fenster und Türeingänge wurden mit Zetteln beklebt. - Die Eingangstür der 'Erwege' und der Bordstein vor dem Geschäftslokal waren mit Aufschriften wie 'Jude, Juda' versehen. Täter konnten nicht ermittelt werden, sollen jedoch in den Kreisen der HJ, SS oder SA zu finden sein."
In Gütersloh wurden nun auch jüdische Kaufhäuser "arisiert". Im August 1937 meldete die Glocke beispielsweise: "Das bisher jüdische Kaufhaus Eisenstein, Berliner Straße, ist in arischen Besitz übergegangen und bereits neu eröffnet worden."
Höhepunkt der antijüdischen Aktionen war das Progrom vom 9./10. November 1938. Die Synagoge an der Göbenstraße 5 (heute Daltopstraße) wurde ebenso durch Feuer zerstört wie das Wohn- und Geschäftshaus von Julius und Bernhard Daltrop, Kirchstraße 2 (ehemalige Amtsvogtei), das Wohn- und Geschäftshaus von Ernst Löwenbach, Kirchstraße 3 und das Wohnhaus des Viehhändlers Josef Meinberg, Hindenburgstraße 25 (heute Feldstraße). Darüber hinaus wurden die Wohnungseinrichtungen von Karl Steinberg, Bismarckstraße 16, Josef Steinberg, Kahlertstraße 24 und der Witwe Klara Herzberg, Königstraße 12, zertrümmert. Getragen wurden die Pogrome von der SS unter SS-Obersturmführer Hans Winkelmann. Polizeihauptmann Adolf Dieckmann, seit 1937 Leiter der "Gütersloher Schutzpolizei", lies die SS gewähren und hielt Polizei sowie Feuerwehr zurück. Ebenso lies er alle männlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde verhaften und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppen.
Die Rechtsfähigkeit der Gemeinde wurde 1938 aufgehoben und die Bezeichnung "Jüdische Kultusvereinigung" eingeführt. Man bestimmte die Häuser Bismarckstraße 16 und Kahlertstraße 24 als "Judenhäuser", die gleichsam als Ghettohäuser anzusehen waren. Alle noch in der Stadt lebenden Juden mussten, bis auf eine Ausnahme im Altersheim im Elisabeth-Hospital, dort wohnen.
Durch Auswanderung verringerte sich die Zahl der Gemeindemitglieder auf 27. Am 15. Juni 1940 erstellte der Bürgermeister Josef Bauer, gleichsam als Vorbereitung für die Deportation, eine Liste mit 16 noch in der Stadt lebenden Mitbürgern jüdischen Glaubens. Der letzte Vorsteher der Synagogengemeinde war Paul Meinberg, der noch 1941, kurz vor dem Auswanderungsverbot, mit seiner Frau und seiner Tochter Ellen in die USA ausgewandert war. Er verkaufte nach seiner Rückkehr aus dem KZ Buchenwald im Jahr 1940 den ehemaligen Synagogenplatz an einen Nachbarn und den alten Friedhof an die Stadt. Der Erlös wurde unter den noch verbliebenen Gemeindemitgliedern aufgeteilt. Wem sich die Möglichkeit bot, der wanderte aus.
Von Dezember 1941 an begann für elf von ihnen - mit Zwischenstation in Bielefeld - die Verschleppung in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Jehuda Barlev (ursprünglicher Name: Kurt Herzberg), 1911 in Gütersloh geboren und 1929 nach Israel ausgewandert, führt in seinem Buch "Juden und jüdische Gemeinde in Gütersloh 1671-1943", 2. Auflage 1988, 27 aus Gütersloh stammende Personen auf, die in den Lagern zu Tode kamen. Helmut Gatzen kommt in seinem Buch "Befehl zum Abtransport", 2001, auf 24 jüdische Mitbürger aus Gütersloh, die zwischen 1941 und 1944 von hier oder von anderen Orten aus deportiert wurden.
Nach 1945 ist keine jüdische Gemeinde in Gütersloh mehr entstanden. Seit 1976 und besonders seit der Einrichtung des Stadtarchivs 1984, wird die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Form von Veröffentlichungen, Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen aufgearbeitet und im öffentlichen Bewusstsein wach gehalten.
Jehuda Barlev und Dr. Helmut Gatzen haben die Ereignisse in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November in Gütersloh in ihren Büchern dargestellt. Im Stadtarchiv dokumentieren Fotos und andere Quellen die Brände und die Gewalt.
Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Mitbürger
Der Stadt Gütersloh ist das Gedenken an ihre früheren jüdischen Bürgerinnen und Bürger sehr wichtig. 1971 wurde die ehemalige "Goebenstraße" zur Ehrung und Erinnerung an die jüdische Familie Daltrop in "Daltropstraße" umbenannt. Seit den 1970er Jahren wurde die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Gütersloh verstärkt erforscht, dokumentiert und öffentlich vermittelt – nicht zuletzt auf Initiative engagierter Bürgerinnen und Bürger, insbesondere dem in Gütersloh geborenen Jehuda Barlev alias Kurt Herzberg. Er verfasste zahlreiche Abhandlungen und Veröffentlichungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Gütersloh.
2005 wurde damit begonnen, sogenannte Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig aus Köln an den Orten verlegen zu lassen, wo jüdische Menschen gelebt haben. Weitere Verlegungen fanden 2006, 2008 sowie 2009 statt. Insgesamt sind dabei 44 Steine an 17 Standorten verlegt worden. Die Aktion des Künstlers wurde 1992 ins Leben gerufen, um deportierten jüdischen Frauen, Männern und Kinder zu gedenken, die in den Konzentrationslagern und Tötungsanstalten der Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Steine sind an den Orten zu finden, wo jüdische Mitbürger vor ihrer Deportation beziehungsweise vor ihrem Wegzug gelebt haben. Berücksichtigt wurden alle, die in Gütersloh geboren oder von hier aus deportiert wurden.
Die fortschreitende Erforschung und Auswertung der nicht im Stadtarchiv verfügbaren Quellen, vor allem der Datenbank des Bundesarchivs „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“, führte dazu, dass weitere, bisher nicht bekannte Personen, für das Stolpersteinprojekt berücksichtigt werden konnten.


Weiterführende Links zum Thema Stolpersteine
Stolperstein-Broschüre
Ihr Leben wurde gewaltsam beendet - "ihr Name lebt weiter". In einer Broschüre, die die Stadt Gütersloh zu den "Stolpersteinen" in Gütersloh herausgegeben hat, sind die Lebensgeschichten derjenigen Mitbürger und Mitbürgerinnen aufgezeichnet, die in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet wurden oder deren Spur sich mit der Deportation in Richtung Theresienstadt oder Auschwitz verliert.
Insgesamt erinnern 44 der Quadrate aus Messing, die in das Pflaster der Gehwege eingelassen sind, an Orte jüdischen Lebens in Gütersloh und an die Menschen, die hier gewohnt haben. Gütersloh ist eine von insgesamt mehr als 1.100 Orten in Deutschland und anderen europäischen Ländern, die sich dem inzwischen weltweit bekannten Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig angeschlossen haben. Finanziert wurde die Verlegung durch Patenschaften aus der Gütersloher Bevölkerung. Die Broschüre, die der Grafiker Eckard Kleßmann und der Gütersloher Fotograf Detlef Güthenke gestaltet haben, ergänzt diese Form des Gedenkens im Stadtbild.
Sie nimmt den Grundgedanken der „Stolpersteine“ auf und setzt ihn in Beziehung zu den wenigen Informationen, die uns über die zwar kleine, aber aktive und in Gütersloh fest verwurzelte Jüdische Gemeinde geblieben sind. Auch in der Broschüre „stolpert“ man über weiße Seiten, über „Platzhalter“, wo Bilder fehlen oder über Aufnahmen von Straßen, Plätzen und Fassaden, die Lücken lassen. Detlef Güthenke hat diesen Eindruck fotokünstlerisch mit Nachtaufnahmen der Orte geschaffen, an denen wir heute die Stolpersteine finden. Und mit einem Blick wird deutlich, dass hier mehr verschwunden ist als nur ein Gebäude, in dem Gütersloher Familien wie die Sterns oder die Katz‘ gewohnt haben.
In den Texten finden wir die Informationen zu den Namen auf den Stolpersteinen, die der ehemalige Stadtarchivar Stephan Grimm zusammen mit Remigius von Boeselager recherchiert hat. Und auch hier nimmt die Gestaltung den Gedanken von Verlust und Vergessen wieder auf: Während zum Schicksal einiger jüdischer Mitbürger und Mitbürgerinnen die Quellenlage gut ist, markieren Leerzeilen, wo nur spärliche Informationen über Männer, Frauen und auch Kinder geblieben sind, deren Leben in einer Gaskammer von Auschwitz endete.
Doch die Broschüre bringt auf verschiedene Weise auch den Gedanken ein, dass die Erforschung all dieser Schicksale kein abgeschlossener Prozess ist. So wird der aufmerksame Leser Fortentwicklungen, ja sogar vermeintliche Unstimmigkeiten im Vergleich zwischen den Inschriften auf den Stolpersteinen und den Texten zu den Biografien entdecken. Auch sie sind bewusst so belassen worden. Seit der Verlegung der Gütersloher Stolpersteine um das Jahr 2005 herum konnten über einige Mitbürger und Mitbügerinnen weitere Details in Erfahrung gebracht werden, die nun in die Dokumentation eingeflossen sind. Das gilt unter anderem für die Familie Stern. Ein Neffe, Alfred Stern, stellte der Stadt 2013 umfangreichen Briefverkehr und Fotos seiner Verwandten zur Verfügung, das dem Stadtarchiv half, Wissenslücken zu schließen.
„Ihr Name lebt weiter“ zeichnet aber auch den Weg der Stolpersteine durch die Stadt nach. Eine Karte stellt die Verlegungsorte dar – von der Berliner Straße 19, wo Familie Hope bis 1936 eine Metzgerei betrieb, über die Kirchstraße 2, wo nach der Pogromnacht 1938 die Häuser der Familie Daltrop und Beifus der Brandstiftung zum Opfer fielen, bis hin zu den so genannten „Judenhäusern“, in die jüdische Familien umziehen mussten, bevor man sie in die Vernichtungslager deportierte.
Die Broschüre findet sich auf dieser Seite unter "Downloads".
Gedenksteine und Mahnmale
An die jüdische Gemeinde und die Synagoge, die in der Pogromnacht im November 1938 niedergebrannt wurde, erinnert seit 1984 der Gedenkstein vor der Mediothek des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums in der Daltropstraße. Zur Eröffnung am 9. November 1984, bei der auch Jehuda Barlev anwesend war, wurde die Frage des Umgangs mit der nationalsozialistischen Geschichte der Stadt durch Bürgerinnen und Bürger neu aufgeworfen. Im weiteren Verlauf dessen wurden ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger für einen Besuch auf Kosten der Stadt eingeladen.
An dem Gedenkstein in der Daltropstraße finden jedes Jahr am 9. November Gedenkveranstaltungen und Andachten statt.
Darüber hinaus erinnert auch seit 2006 eine vom Heimatverein Gütersloh e.V. gestiftete Bronzeplatte am Standort der im November 1938 durch Brandstiftung zerstörten Synagoge in der Pflasterung des Fußweges der Daltropstraße an die ermordeten Mitglieder der jüdischen Gemeinde.
An das Kapitel „Zwangsarbeit in Gütersloh während des Zweiten Weltkriegs“ erinnert an der Blessenstätte unmittelbar neben der Stadtbibliothek ein Mahnmal, das auf dem Entwurf von Sonja Gerdes, damals Schülerin der Anne Frank-Gesamtschule, basiert. Es symbolisiert Gewalt, Härte und Verzweiflung über Zwangsarbeit unter nicht selten menschenunwürdigen Bedingungen. Gleichzeitig ist es aber auch ein Symbol für die aktive Auseinandersetzung mit diesem Teil der Stadtgeschichte in Gütersloh. Im Rahmen eines Projektes erforschten Schüler die Lebenswege von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiten und luden sie – unterstützt von der Stadt – schon Mitte der Neunziger Jahre zu Begegnungen zwischen den Generationen nach Gütersloh ein.

Im Stadtarchiv findet sich auch die Sammlung von Jürgen Zimmermann, ehemalige Lehrer an der Anne-Frank-Gesamtschule, der diese Projekte in der Vergangenheit mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt hat. Sie enthält zahlreiche Briefe und Schriftwechsel mit Erfahrungsberichten über die in Gütersloh während des Krieges durchgeführte Zwangsarbeit. Eine Übersicht findet sich auf dem Archivportal NRW.
Einladung ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger 1985/86
Das Jahr 1984 markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Gütersloher Erinnerungskultur. Mit der Einrichtung des Stadtarchivs und der Einweihung eines durch Spenden finanzierten Gedenksteins für die ehemalige Synagoge begann eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde und ihrer Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus.
Aus dieser Entwicklung entstand auch die Idee, ehemalige jüdische Gütersloherinnen und Gütersloher zu einem Besuch in ihre frühere Heimatstadt einzuladen. Mit Unterstützung des aus Gütersloh stammenden Holocaustüberlebenden Jehuda Barlev konnten 1985 insgesamt 17 noch lebende ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt ausfindig gemacht werden. Ein Teil von ihnen folgte der Einladung und besuchte Gütersloh 1985 und 1986.
Für einige der Besucherinnen und Besucher waren diese Reisen eine Rückkehr an einen Ort, den sie unter dem Eindruck von Verfolgung und Flucht verlassen hatten. Marion de Flores, geborene Gottschalk, traf bei ihrem Besuch 1985 ehemalige Mitschülerinnen wieder. Sie war 1938 mit ihrer Familie nach Chile geflohen und hatte einen großen Teil Ihrer Familie in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten verloren. Ellen Tarlow, geborene Meinberg, kehrte ebenfalls 1985 nach Gütersloh zurück. Als jüdisches Kind hatte sie hier Ausgrenzung und Verfolgung erlebt und musste 1941 mit ihrer Familie in die USA fliehen. Ihr Elternhaus am Dreiecksplatz war während der Pogromnacht 1938 in Brand gesetzt worden.
Die Besuche wurden von der Stadt finanziell unterstützt und vor allem durch das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht. Zwischen den ehemaligen Gütersloherinnen und Güterslohern und ihren Gastgeberinnen und Gastgebern entstanden teilweise langjährige Kontakte. Die Einladungen waren ein wichtiger Schritt in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Stadt – auch wenn sie mehr als vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für viele der Betroffenen sehr spät kamen.
Die Initiativen von 1984 bis 1986 waren Ausgangspunkt für eine kontinuierliche Beschäftigung mit der NS-Geschichte Güterslohs. Bürgerschaftliches Engagement, Schulen, Vereine und Privatpersonen haben in den folgenden Jahrzehnten dazu beigetragen, die Geschichte der jüdischen Gemeinde zu erforschen und sichtbar zu machen. Das Stadtarchiv bewahrt zahlreiche Quellen zur Geschichte der jüdischen Gütersloherinnen und Gütersloher und unterstützt die weitere Aufarbeitung.
Die Erinnerung reicht dabei bis in die Gegenwart. Noch heute kommen Nachfahren ehemaliger jüdischer Gütersloherinnen und Gütersloher nach Gütersloh, um die Geschichte ihrer Familien zu erforschen und sich auf die Spuren ihrer Vorfahren zu begeben. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde und ihrer Verfolgung ist damit nicht nur Teil der Vergangenheit, sondern wirkt auch in die Gegenwart und in die kommenden Generationen hinein.
Riga-Komitee
Am 23. Mai 2000 gründeten 13 Städte aus der Bundesrepublik Deutschland und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. das Deutsche Riga-Komitee. Aufgabe dieses Zusammenschlusses ist es, an das Schicksal von über 20.000 deutschen Juden zu erinnern, die in den Jahren 1941/42 nach Riga deportiert worden sind. Die meisten von ihnen sind anschließend im Wald von Bikernieki bei Riga ermordet worden.
Da auch aus Gütersloh jüdische Bürgerinnen und Bürger nach Riga deportiert und dort ermordet worden sind, ist die Stadt Gütersloh dem Riga-Komitee beigetreten, um so zum dauernden Erhalt der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki einen Beitrag zu leisten. Die Beitrittsurkunde wurde in einem offiziellen Festakt am 09. November 2009 unterzeichnet.

Hinweise auf ergänzende oder korrigierende Quellen sind willkommen.
Mehr Informationen zur jüdischen Gemeinde finden sich sowohl im Stadtarchiv Gütersloh als auch im Fürstlichen Archiv Rheda (Einsicht über das LWL-Archivamt in Münster).
Weiterführende Links
- Interaktiver Stolpersteine Guide für Gütersloh
- Stolpersteinprojekt des Künstlers Gunter Demnig, Köln
- Übersicht der Stolpersteine im Kreis Gütersloh
- Übersicht der ehemaligen Synagogen im Kreis Gütersloh
- Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe
- Straßenportal der Stadt Gütersloh
- Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
- Stadtarchiv Gütersloh
- Audiowalk