Zum Inhalt (Access key c)Zur Hauptnavigation (Access key h)Zur Unternavigation (Access key u)

Station 6: Avenstroths Mühle

Die Mühle Avenstroth befindet sich unmittelbar an der Dalke gegenüber dem Parkbad. Sie ist entweder über die Dalkepromenade in westlicher Richtung stadtauswärts bzw. über die Verler und Buschstraße erreichbar.

Avenstroths Mühle
Avenstroths Mühle, Foto: Stadt Gütersloh

Der Wassererlebnispfad Dalke befasst sich an dieser Station schwerpunktmäßig mit dem Thema Wasserkraft als regenerative Energie. Vor Ort informiert eine Schautafel der Stadtwerke Gütersloh an der Südseite des Mühlengebäudes über die Wasserkraftanlage. Neben Informationen zur Geschichte, zum Denkmalwert und über die Technik der Mühle finden Sie auf diesen Internetseiten eine kurze Beschreibung darüber, wie aus Wasser Strom gewonnen wird und einen Überblick über die Entwicklung der Versorgung der Stadt Gütersloh mit Elektrizität.

Die Umweltstiftung Gütersloh bedankt sich bei den Stadtwerken Gütersloh GmbH für die finanzielle Unterstützung, mit der die Herstellung und Montage einer Info-Tafel vor Ort ermöglicht wurde.

Die Geschichte der Mühle Avenstroth, auch Sundernmühle genannt (Kurzfassung)

Die heutige Sundernmühle gegenüber vom Parkbad zählt zu den ältesten Wassermühlen an der Dalke auf Gütersloher Stadtgebiet. Ihre genaue Entstehungszeit lässt sich nicht feststellen, geht aber möglicherweise bis ins 6. oder 8. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit entstanden in den Heide- und Ödlandgebieten im heutigen Ostwestfalen mehrere Höfe, darunter auch der Meierhof Avenstroth. Zunächst gehörte die Hofmühle am rechten Dalkeufer zum Bistum Osnabrück, bevor sie Graf Konrad zu Tecklenburg und Herr zu Rheda im Jahre 1532 kaufte.

Bis zur Auflösung der Grundherrschaften infolge des Wiener Kongresses von 1815 blieb die Mühle im Besitz der Herren zu Rheda. 1818 wurde sie an die Brüder Johann Heinrich und Friedrich Wilhelm Niemöller verkauft. Ihre Nachfolger - die Gebrüder August und Wilhelm Niemöller - bauten sie 1856/57 zur Großmühle aus. Sie modernisierten die Wassermühle, indem sie am linken Dalkeufer anstelle der alten Bokemühle und früheren Ölmühle ein neues Mühlengebäude errichteten. Im Rahmen dieser Modernisierung ergänzten sie den traditionellen Wasserantrieb mit einer Dampfmaschine und setzten anstelle eines Wasserrades eine Köchling'sche Turbine ein, die eine bedeutende Steigerung der täglichen Mahlleistung erbrachte.

Avenstroths Mühle vor dem Brand von 1902
Avenstroths Mühle vor dem Brand von 1902, rechts das Kesselhaus mit Schornstein, ohne Datum (Foto: Stadtarchiv Gütersloh, B 17635).

Ein Großbrand zerstörte die Mühle 1902. Anschließend wurde nur die linksseitige Getreidemühle neu gebaut, die zukünftig allein durch Wasserkraft angetrieben werden sollte. Damit reduzierte sich die tägliche Mahlleistung auf 2 Tonnen. Die Firma Gebrüder A. & W. Niemöller, Mühlenwerke, hatte bereits 1896 ihren Hauptstandort von Gütersloh nach Dortmund verlegt. Dennoch wurden 1921 bis 1935 verschiedene Modernisierungen in Avenstroths Mühle vorgenommen, die die Mühle auf den neuesten technischen Stand brachten.

Avenstroths Mühle
Avenstroths Mühle, 2006, Foto: Stadt Gütersloh

1984 wurde die Mühle aufgrund ihrer Architektur und der historisch wertvollen technischen Innenausstattung in die Denkmalschutzliste der Stadt Gütersloh aufgenommen. Heute sind die Stadtwerke Gütersloh Eigentümerin der Mühle Avenstroth. Sie ist die einzige noch voll in Betrieb stehende Wassermühle an der Dalke in Gütersloh. Als Pächter betreibt Müllermeister Siegfried Friese die Mahlmühle und führt eine Futtermittelhandlung.

Autorin und Bildredaktion: Elisabeth Sommer, Historikerin, Gütersloh
http://www.esommerhistorikerin.de/services/index.html

Die Geschichte der Mühle Avenstroth, auch Sundernmühle genannt

Die folgenden Artikel geben einen näheren Einblick in die Geschichte von Avenstroths Mühle bzw. der Sundernmühle.

Eine Besichtigung der Mühle ist nach telefonischer Voranmeldung möglich. Bitte wenden Sie sich an Siegfried Friese, Telefon 0 52 41 / 1 20 50.

Quellennachweis:
LA NRW OWL, M 1 I U, Nr. 637.
StA Gütersloh, E 462.
Neue Westfälische, 6. Januar 1992.
Rethage, Harald, Avenstroths Mühle, in: Sunderaner Geschichten. Entwicklung einer Bauerschaft, Gütersloh ²2008, S. 143-147.
Schluckebier, G.-W. (Bearb.), Aus der Geschichte der Gütersloher Wassermühlen. 'Avenstroths-Mühle' im ehemaligen Kirchspiel Gütersloh, Bauerschaft Sundern, Haus Nr. 10, heute: Am Parkbad 10, hg. vom Heimatverein Gütersloh, 1996.

Autorin und Bildredaktion: Elisabeth Sommer, Historikerin, Gütersloh
http://www.esommerhistorikerin.de/services/index.html

Zur Gründung der Mühle, (6. - 12. Jahrhundert) - 17. Jahrhundert

In der Zeit vom 6. bis 8. Jahrhundert entstanden in den Heide- und Ödlandgebieten im heutigen Ostwestfalen mehrere Meierhöfe, darunter der an der Dalke gelegene Hof Avenstroth (heute Kleßmann). Vermutlich verfügte der Meierhof von Anfang an über eine eigene Mühle. Der Hof gehörte zunächst zur Bauerschaft Nordhorn und damit zum Bistum Osnabrück, das 783 gegründet wurde.

Das Rittergeschlecht der Herren von Avenstroth ist auf dem Meierhof erstmals im Jahre 1134 belegt. Ein Ritter von Avenstroth erhielt den Hof als Dienstmannlehen von Bischof Diethard zu Osnabrück (1119-1137) für geleistete Dienste. Die Familie Avenstroth war eine bedeutende Ministerialenfamilie, die vom 12. bis 15. Jahrhundert in der Region nachweisbar ist. Unter anderem ist 1317 ein Ritter Konrad von Avenstroth als bischöflicher Dienstmann belegt. Er wurde in einem Rechtsstreit zum Richter bestimmt. Die Herren von Avenstroth besaßen mehrere Höfe beidseits der Dalke von Gütersloh bis nach Avenwedde hinein. Als ihr Haupthof war der Meierhof Avenstroth entsprechend einem Rittersitz mit Wällen und einer Gräfte (Wassergraben) vor Angriffen geschützt. Insgesamt war die Familie in dem Gebiet von Clarholz bis Kaunitz mit verschiedenen Gütern belehnt. Nachdem das Geschlecht ausgestorben war, belehnte der Bischof die Ministerialenfamilie von Varensell mit dem Hof. Diese Familie war dem Osnabrücker Bischof ebenfalls lehnspflichtig und stellte im Amt Reckenberg Burgmannen.

Eine Urkunde von 1450 ordnet die Mühle dem Meierhof Avenstroth, Sundern Nrummer 2, zu. 1474 bezeichnete man den Meierhof und die dazugehörigen kleinen Hofstellen auch Bauerschaft Avenstroth. Am 1. Februar 1532 verkaufte Otto vorn Dorgeloh, der Erbe der Ritter von Varensell, Avenstroths Hof mit einem Wald und 12 weiteren Höfen sowie 8 Kotten - darunter "Mollen-Johan mit der Mollen" - an Graf Konrad II. zu Tecklenburg und Herrn zu Rheda. Seitdem gehörte die Mühle dem Grafenhaus zu Bentheim-Tecklenburg. Ab 1565 war sie die Zwangsmühle für die Bauerschaften Nordhorn und Sundern sowie des halben Dorfes Gütersloh. Seit dem 27. April 1618 war sie auch Zwangsmühle für die Avenwedder Bauern. Erst mit Fertigstellung der Strangmühle im Jahre 1752 wurden letztgenannte der neu gebauten Strangmühle zu Avenwedde als Mahlgenossen zugeteilt. Neben der Kornmühle gehörte auch eine Bokemühle zum Stampfen von Hanf und Flachs sowie eine Oelmühle zu Avenstroths Mühle.

Nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) wurde das Gebiet zwischen den Bauerschaften Nordhorn und Avenstroth von Markköttern immer mehr zersiedelt. Schließlich wurde das Waldgebiet mit der früheren Bauerschaft Avenstroth von Nordhorn abgetrennt und mit den Markkötterhöfen zur Bauerschaft Sundern (sundern [mittelhochdeutsch] = abgesondert, allein) zusammengelegt. Diese Entwicklung spiegelt sich noch heute in der Bezeichnung Sundernmühle für Avenstroths Mühle wider.

Quellen:
Freitag, Werner (Hg.), Geschichte der Stadt Gütersloh, Bielefeld ²2003.
http://www.guetersloh.de/Z3VldGVyc2xvaGQ0Y21zOjY4MDQ=.x4s
Manuale protocolli mei Ottonis Güterslo de 1578, Fürstlich Bentheim-Tecklenburgisches Archiv Rheda, Bestand E, II G Nr. 71.

Die Mahlgenossen der Mühle Avenstroth, 1618-1788

Die Eingesessenen unterlagen dem Mühlenbann. Der Mühlenbann legte fest, in welcher Mühle die Bauern, Brauer und Bäcker ihr Getreide mahlen lassen durften. Häufig waren die Mahlgenossen jedoch mit dem Müller ihrer Zwangsmühle unzufrieden oder der Weg dorthin war ihnen zu beschwerlich, sodass sie eine andere Mühle aufsuchten. Daraus entstanden regelmäßig Rechtsstreitigkeiten, die in Urkunden und Gerichtsakten festgehalten wurden.

Der Bielefelder Rezess (Vereinbarung, Vertrag) vom 27. April 1618 ordnete alle Eingesessenen (andere Bezeichnung für Bewohner, Einwohner, Einheimischer) der Bauerschaft Avenwedde Avenstroths Mühle zu. Die Eingesessenen aus Spexard, Kattenstroth und Lintel mussten zur Mühle am Haus Schlettbrügge (Schledebrück) am Oelbach. Der Rezess beendete einen Streit zwischen Bischof Philipp Sigismund von Osnabrück (1568-1623) und Graf Adolf zu Bentheim-Tecklenburg, Herr von Rheda (1577-1623).

Dass sich die Eingesessenen nicht an die vereinbarte Aufteilung hielten, zeigt ein Erlass, den der landesherrliche Sekretär Johann Vortkamps auf Veranlassung von Graf Moritz zu Bentheim-Tecklenburg am 12. September 1629 niederschrieb. Am darauf folgenden Sonntag verlas der Gütersloher Pastor den Erlass in der Kirche, sodass alle Einwohner des Dorfes Gütersloh darüber in Kenntnis gesetzt wurden. Den Dorfbewohnern wurde darin bei Androhung von Strafe verboten, eine andere als die ihnen zugewiesene Zwangsmühle zum Mahlen ihres Getreides aufzusuchen.

Zu Beginn des Jahres 1675 hatte sich der Pächter von Avenstroths Mühle Müller Christian zur Möllen beim Grafen darüber beschwert, dass der Neumüller mehr Mahlgenossen habe als seine Mühle. Am 20. März 1675 teilte ein Vergleich die Mahlgenossen zwischen der gräflich Tecklenburgischen Neuen Mühle zu Pavenstädt und Avenstroths Mühle zu Sundern neu auf.

Zu Avenstroths Mühle gehörten fortan

  1. Henrich Scharpenbaum
  2. Welle
  3. Adrian Hanß
  4. Peter Crämer
  5. Henrich Möller
  6. Ekert Benser
  7. Christoff Jürgens
  8. Curdt Geißing
  9. Cosfelt
  10. Henrich Geißing
  11. Johan Köcker
  12. Jacob Velhauß alß Becker und Brauer
  13. Gert zum Strange (alß Becker und Brauer)
  14. Brüggen Arendt
  15. Cras Arendt
  16. Lübbert Reinerts
  17. Wixgercken
  18. Christoff Spackler
  19. Johan Geißing Junioren
  20. Johan Köker

Als Bäcker gehörten folgende Personen zu Avenstroths Mühle:

  1. Der Custer
  2. Cordt Lippers
  3. Henrich Becker
  4. Bölcke

Doch sah sich der damalige Müller Christian zur Möllen bereits im Oktober 1683 erneut veranlasst, beim gräflichen Gericht Beschwerde gegen die Eingesessenen zu erheben. Erneut zogen es einige von ihnen vor, ihr Getreide andernorts vermahlen zu lassen, anstatt "wie es althergebrachtes Recht" war, Avenstroths Mühle aufzusuchen.

Auch seinem Nachfolger, dem Pächter Otto Mollenheimer, erging es kaum besser. Am 4. Juli 1689 beschwerte er sich, dass viele aus der Bauerschaft Avenwedde Korn in Meiers Mühle kauften und dort mahlen ließen. Zudem beklagte er sich, dass die Mahlmenge der Meier'schen Mühle doppelt so hoch sei wie die der Mühle Avenstroth. Dadurch sei die genannte Mühle eine ernste Konkurrenz für ihn.

Einen deutlichen Zuwachs an Mahlgenossen erfuhr Avenstroths Mühle im Juni 1788. Jetzt wurden ihr 8 Personen zugewiesen, die zuvor ihr Mahlgut in Langerts Mühle mahlen lassen durften. Es handelte sich um die Bauern "Pipenbrock, Harrick, Sürenhöffner, Grügelgert, Becort oder Beck Herrman, Meyer Raßfeldt, Fißlake und Strototto an der Luter". Von Rechts wegen gehörten zu diesem Zeitpunkt 34 Mahlgenossen zu Avenstroths Mühle.

Quellennachweis:
Fürstliches Archiv Rheda, Bestand Rheda, E II, M 228, 230, E V, M 898.
StA Münster, Bestand Fürstbistum Osnabrück, Osnabrückisches Amt Reckenberg, Nr. 105
StA Münster, Grafschaft Tecklenburg – Akten, Nr. 203

Die Müller und Pächter von Avenstroths Mühle, 1662-1829

In regelmäßigen Abständen ließ der Graf von Bentheim-Tecklenburg die Pacht von Avenstroths Mühle an einen Müller oder eine andere Person versteigern. Die Details des einzugehenden Pachtvertrages waren im Wesentlichen im Voraus bekannt gegeben worden. Unter anderem bestimmte der rhedische Grundherr darin, wie hoch die sogenannte Multer (Abgabe auf das Mahlgut zugunsten des Landesherrn) war, die der Müller von seinen Kunden für seine Dienste verlangen konnte. Im Jahre 1752 erlaubte der Graf zu Bentheim-Tecklenburg dem Avenstroth'schen Müller die Multer von 4 auf 6 Becher von 6 Müdden Roggen zu erhöhen. Die Erhöhung der Abgabe sollte den Müller für den Verlust der Avenwedder Mahlgenossen entschädigen, die 1752 der Strangmühle zu Avenwedde als Bannmühle zugeordnet wurden.

Am 21. November 1754 schlossen Graf Moritz Kasimir I. zu Bentheim-Tecklenburg und der rhedische Eigenbehörige Henrich Christian Theißing einen Pachtvertrag über Avenstroths Mühle ab. Die Laufzeit erstreckte sich vom 17. April 1756 bis 17. April 1760. Als Pachtzins erhob der Graf 265 Reichstaler jährlich und einmalig einen Weinkauf in Höhe von 16 Reichstalern. Die Pacht war halbjährlich im Voraus im Rentamt zu Rheda in Louis d'ors oder Dukaten zu bezahlen. Zusätzlich verpflichtete sich der Pächter, die Mühle auf eigene Kosten "in Dach, Fach und wesentlichem Stande [zu] erhalten". Darüber hinaus gingen alle anderen Reparaturkosten, Materialien wie z. B. raues und geschnittenes Holz samt Mühlsteine und Transportkosten zu seinen Lasten. Lediglich wenn Reparaturen oder Unglücksfälle zu einem Stillstand der Mühle für mindestens 8 ganze Tage führen würden, sollte ein angemessener Abzug an der Pachtsumme vorgenommen werden können. Nachdem Henrich Christian Theißing im Jahre 1757 oder 1758 verstorben war, führte seine Witwe Eleonore Theißing, geborene Rieker, die Mühle fort. Sie heiratete 1758 in zweiter Ehe den Müller Joachim Eilers, der fortan die Mühle betrieb. 1762 erreichten sie eine Ermäßigung der Pachtsumme aufgrund der Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) um 40 Taler pro Jahr. Erst 1772 wurde wieder die volle Summe erhoben. Bis 1790 führte Joachim Eilers Avenstroths Mühle.

In der Nacht vom 15./16. Januar 1785 überfielen 4 Sunderaner und 6 Auswärtige Avenstroths Mühle. Als Täter wurden die rhedischen Eigenbehörigen Hermelbracht, Cord Henrich Osthushenrich, der Heuerling Nihus und Otto Avenstroth sowie 2 Soldaten verhaftet. Die beiden Soldaten wurden in Bielefeld bestraft. Hermelbracht wurde zur preußischen Garnison in Wesel überstellt und des Landes verwiesen. Seine Familie musste den Hof verlassen. Da Hermelbracht die Mindestgröße für preußische Soldaten nicht erfüllte, wurde er nach Holland verkauft. Cord Henrich Osthushenrich und seine Frau Elisabeth geborene Buschfranz entgingen der Ausweisung, weil seine Schwiegermutter die entstandenen Kosten übernahm. Otto Avenstroth wurde zu einer vierteljährigen Karrenstrafe bei Wasser und Brot verurteilt, desgleichen der Heuerling Nihus, jedoch nur zu 6 Wochen.

Nachfolgend die Pächter bzw. Müller von Avenstroths Mühle und der jeweils geltende Pachtzins (1662 bis 1829):

Spalte 1 Spalte 2 Spalte 3

Jahr

Pächter/Müller

Jahrespacht

1662-(1688?)

Möllen Christian, auch Christian zur Möllen genannt

188 Taler

1688 (?), 1689

Otto Möllenhermann


1710


212 Taler

1718-1730

Johan Hermann Weitzel (Sohn des gräflichen Kornschreibers zu Rheda)

Unterpächter: Johan Otto Avenstroth

214, 220 Taler

1730-1738

Pächter: Rhedischer Kanzlist Kruse

Müller: Henrich Linnenbrink

250 bzw. 265 Taler

1738-1742

Meyer Johan Otto Avenstroth

265 Taler

1742

Ein Pächter aus Rheda (möglicherweise der Müller der Schlossmühle zu Rheda)

265 Taler

1748-1756

Pächter Müller Caspar Henrich Temme ("Ausländer" = Auswärtiger)

265 Taler

1756-1758

Henrich Christian Theißing, verstarb wohl 1758


1758-1790

Witwe Eleonore Theißing geborene Rieker und ihr zweiter Ehemann Joachim Eilers

225 Taler + 50 Taler Weinkauf bzw. 250 Taler; 1762-1771: 185 Taler

1790-1810

Colonus Detmar und sein Schwiegersohn Untervogt Poggenhans

ab 1800: 280 Taler in Gold, 100 Taler Weinkauf

1812-1822

Peter Henrich Poggenhans

45 Pistolen (225 Taler)

1829

Pächter Peter Friedrich Westerhelweg aus Sundern


Im Jahre 1818 verkaufte Fürst Emil zu Bentheim-Tecklenburg Avenstroths Mühle an die Gütersloher Kaufleute Gebrüder Johann Heinrich und Friedrich Wilhelm Niemöller. Der Kaufvertrag hielt unter anderem fest, dass die Pacht von Peter Heinrich Poggenhans bis zu ihrem regulären Ende im Oktober 1822 weiterlaufen sollte. Spätestens 1829 verpachteten die Gebrüder Niemöller die Mühle zur Bewirtschaftung an Peter Friedrich Westerhelweg aus Sundern.

Quellennachweis:
Eickhoff, Hermann, Geschichte der Stadt und Gemeinde Gütersloh, Gütersloh 1904, S. 308ff.
Fürstliches Archiv Rheda, Bestand Rheda, E II, M 215, 216, 228, 229.
Staatsarchiv Münster, Akten Reichskammergericht C Nr. 968, Fürstbistum Osnabrück, Amt Reckenberg, Nr. 104.
Rethage, Harald, Avenstroths Mühle, in: Sunderaner Geschichten. Entwicklung einer Bauerschaft, Gütersloh ²2008, S. 143-147.
http://www.hrgdigital.de/id/karrenstrafe/stichwort.html

Avenstroths Mühle im Besitz der Gebrüder Heinrich und Friedrich Niemöller, 1818-1854

Nachdem im Jahre 1810 durch einen königlichen Erlass der Mahlzwang bzw. der Mühlenbann aufgehoben worden war, veränderte sich die wirtschaftliche Situation der Mühlen. Fortan konnten die Mahlgenossen frei wählen, welche Mühle sie zum Mahlen ihres Getreides aufsuchen wollten. Ein anderes wichtiges politisches Ereignis waren die Vereinbarungen des Wiener Kongresses von 1815. Im Rahmen der hier ausgehandelten Umgestaltung des Deutschen Reiches wurden die bisherigen Territorialherrschaften aufgelöst, darunter auch die Herrschaft Rheda.

Infolgedessen verloren die Grafen zu Bentheim-Tecklenburg unter anderem ihre Herrschaft Rheda. Als Ausgleich erlangten sie jedoch die Fürstenwürde. Mit dem Verlust der alten Herrschaftsrechte gestaltete sich die wirtschaftliche Grundlage der ehemaligen Grundherren neu. Vor diesem Hintergrund bot Fürst Emil zu Bentheim-Tecklenburg (1765-1837) Avenstroths Mühle zum Kauf an. Die Berechnung des Wertes der Mühle Avenstroth vom 10. Dezember 1817 ergab folgende Schätzwerte (in Reichstaler):

  • Stau-, Flutwerk und Gossen: 300
  • Mühlenhaus: 160
  • Mahlgänge mit allem Zubehör: 238
  • Scheune und Stallung: 130
  • Bokemühle mit Haus und Gangwerk: 160
  • Gesamtwert: 988

Als Kaufinteressenten meldeten sich im Februar 1818 die Gebrüder Johann Heinrich und Friedrich Wilhelm Niemöller. Weil die Mühle reparaturbedürftig war, boten sie als Kaufpreis 3.687,50 Reichstaler zuzüglich 100 Reichstaler Erbpacht. Ihr Angebot errechneten sie aus dem oben genannten Materialwert zuzüglich einer Abfindung für entgangene Pachteinnahmen.

Am 17. April 1818 schlossen Rentmeister Ludwig Balthasar Lynker als Bevollmächtigter des Fürsten Emil zu Bentheim-Tecklenburg als Verkäufer und die Branntweinbrennereibesitzer Johann Henrich und Friedrich Wilhelm Niemöller zu Gütersloh als Käufer einen Kaufvertrag. Der Vertrag wurde vor dem Königlichen Land- und Stadtgericht zu Rheda schriftlich niedergelegt. Die Gebrüder Niemöller erwarben die Mühle mitsamt Inventar und einem noch bis zum 19. Oktober 1822 laufenden Pachtverhältnis von Peter Henrich Poggenhans zu Gütersloh. Der Kaufpreis betrug 3.687 Reichstaler und 12 gute Groschen sowie eine jährliche Erbpacht in Höhe von 100 Reichstalern Courant. Für die Kaufsumme wurde Ratenzahlung über eineinhalb Jahre vereinbart. Am Tag des Kaufs zahlten die Gebrüder Niemöller lediglich 258 Reichstaler und 15 Silbergroschen. Erst am 12. März 1843 notierte Rentmeister Lynker von der Fürstlichen Verwaltung die Ablösung der noch auf der Mühle lastenden Hypotheken von 2.600 Reichstalern.

Im Juni 1821 ergab sich die Möglichkeit, die Erbpacht von jährlich 100 Reichstalern durch eine Einmalzahlung von 2.500 Reichstalern abzulösen. Die Gebrüder Niemöller waren jedoch nur bereit, 2.000 Reichstaler dafür zu zahlen, sodass keine Einigung erzielt wurde.

1825 legten die Gebrüder Johann Heinrich und Friedrich Wilhelm Niemöller einen weiteren Mahlgang an. Eine Mühlenkatasteraufnahme vom 27. Mai 1829 nennt als Besitzer Georg Plange, den Schwiegersohn von Friedrich Wilhelm Niemöller, und Heinrich Nigemöller [Johann Heinrich Niemöller], Brauereibesitzer zu Gütersloh. Der Müller war zu dieser Zeit Peter Friedrich Westerhelweg zu Sundern. Weiter trieben 4 unterschlächtige Wasserräder 3 Mehlmahlgänge sowie eine Boke- oder Stampfmühle mit 6 Stampfen an. Das ganze Jahr hindurch konnte nur ein Gang betrieben werden, lediglich in den Wintermonaten reichte die Wassermenge, um zusätzlich einen zweiten Gang nutzen zu können.

Am 11. April 1852 verstarb Johann Heinrich Niemöller. Seine Witwe Katharina Friederike Niemöller, geborene Poppenburg, aus Gütersloh trat das Erbe ihres Mannes an Avenstroths Mühle als Allein-Eigentümerin an. Am 15. Januar 1854 übertrug Witwe Niemöller Avenstroths Mühle an ihre beiden Söhne die Gütersloher Kaufleute Johann Friedrich August (1820-1880) und Wilhelm Gottlieb Niemöller (1931-1915), die Gründer der Firma Gebrüder A. & W. Niemöller.

Quellennachweis:
Fürstliches Archiv Rheda, Bestand Rheda, E V, M 898.
Stadtarchiv Gütersloh, A 213, C 231, Sammlung Kornfeld.
Freitag, Werner (Hg.), Geschichte der Stadt Gütersloh, Bielefeld ²2003.

Zur Baugeschichte von Avenstroths Mühle, 1856-1857

Ursprünglich befand sich das Gebäude der Getreidemühle der Mühle Avenstroth auf der rechten Seite der Dalke. Dabei handelte es sich um eine traditionelle Fachwerkkonstruktion. Die linksseitig der Dalke befindliche Boke- und Ölmühle war durch ein einfaches Holzhaus geschützt. Erst 1856/57 ließen die Gebrüder A. & W. Niemöller am linken Ufer der Dalke ein massives Mühlengebäude errichten. Sie beabsichtigten, die Mühle zu einer modernen Großmühle umzubauen, die durch Dampf- und Wasserkraft angetrieben werden sollte. Als Architekten gewannen sie den Barmener Baumeister Christian Heyden (1803-1869). Heyden hatte sich in der Region um Wuppertal einen Namen als Baumeister von Fabrikgebäuden gemacht. Darüber hinaus entwarf und baute er auch Kirchen und Privathäuser. In den Jahren 1850 bis 1853 war er als Stadtbaumeister in Barmen (heute Stadtteil von Wuppertal) tätig. Wie die Verbindung zwischen den Gütersloher Kaufleuten und Heyden genau entstanden ist, lässt sich heute nur schwer nachweisen. Eine Lesart besagt, dass die Familie Niemöller persönlich mit dem Architekten bekannt war. Nicht zuletzt habe sie ihr gemeinsamer pietistischer Glaube verbunden. Eine andere Lesart spricht sich für die Vermittlung des Jöllenbecker Pfarrers Johann Henrich Volkening aus, der 1838 von Gütersloh aus zur evangelischen Gemeinde nach Jöllenbeck wechselte. Dort entwickelte Christian Heyden 1839 und 1842 die Baupläne für die evangelische Kirche. Nicht zuletzt gab es durch die Textilindustrie enge wirtschaftliche Verbindungen zwischen ostwestfälischen und Wuppertaler Fabrikanten und Kaufleuten.

Avenstroths Mühle: Inschrift: Erbaut 1856-57
Avenstroths Mühle: Inschrift: Erbaut 1856-57, An Gottes Segen ist alles gelegen, Foto: R. Herrmann

Die neue am linksseitigen Ufer der Dalke liegende Mühle ist ein viergeschossiger Ziegelbau unter flach geneigtem Satteldach. Die Nordseite am Dalkebach ist verputzt, die übrigen Seiten sind durch Lisenen (wenig vortretende senkrechte Mauerverstärkung) und Tropfenfriese (tropfenförmige, wenig vortretende Mauerverstärkungen) unterbrochen. Die Rundbogenfenster sind mit Eisensprossen versehen. An der Ostseite befindet sich ein hölzerner Aufzug. Die in Sandstein geschlagene Inschrift "Erbaut 1856-1857. An Gottes Segen ist alles gelegen" stellt das Gebäude unter göttlichen Schutz. Insgesamt erinnert das Bauwerk an frühe Industriebauten und nicht an eine Mühle, die bis dahin stets in Fachwerktechnik gebaut wurden. Neben der neue Anlage blieb die alte Mühle am rechten Dalkeufer weiterhin bestehen. Das neue Gebäude deutete in seiner Größe auf die von den Gebrüdern Niemöller beabsichtigte deutliche Steigerung der Mahlleistung hin. Den Schritt vom Handwerk zur industriellen Produktion verkörpert auch das architektonisch neue Erscheinungsbild der Mühle. Wegen ihrer industriegeschichtlichen Bedeutung wurde die Wassermühle Sundern am 25. Oktober 1984 in die Denkmalliste der Stadt Gütersloh eingetragen.

Avenstroths Mühle vor dem Brand von 1902
Avenstroths Mühle vor dem Brand von 1902, rechts das Kesselhaus mit Schornstein, ohne Datum (Foto: Stadtarchiv Gütersloh, B 17635).

Nachdem die Gebrüder August und Wilhelm Niemöller den Architekten ins westfälische Gütersloh geholt hatten, übernahm er hier weitere Aufträge. Neben einigen Privathäusern für angesehene Gütersloher Bürger baute Christian Heyden die Martin-Luther-Kirche (1857-1861). An profanen Bauten errichtete der Barmener (heute Wuppertal) Architekt das Gütersloher Rathaus (1862-1864) am heutigen Berliner Platz. Das dreigeschossige, mit stilistischen Elementen aus der Romanik, der Gotik und der Renaissance versehene Gebäude wurde im Oktober 1971 abgerissen. Das Evangelische Krankenhaus an der Berliner Straße - heute befindet sich dort das Hermann-Geibel-Haus - wurde am 15. Oktober 1862 eröffnet. Die Stiftung des Gütersloher Garnhändlers Heinrich Eberhard Barth verfügte über 13 Betten und diente vor allem der Armenversorgung. Darüber hinaus beauftragte ihn die konservative Herrengesellschaft Erholung, ihr neues Gesellschaftshaus in der Kökerstraße zu entwerfen.

Mit seinen Bauten gab Christian Heyden dem zuvor eher dörflichen Gütersloh ein städtisches Gesicht. Der Barmener Baumeister ebnete in der westfälischen Kleinstadt den Weg für die moderne Architektur.

Quellennachweis:
http://www.stadtgeschichte-guetersloh.de/gesellschaften.php
Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Westfälisches Amt für Denkmalpflege (Hg.), Wasserkraft in Westfalen. Bestandsaufnahme. Band 1: Kreis Gütersloh, Münster 1986.
Felchner, Ulrich, Nachrichten über einen großen Unbekannten. Christian Heyden (1803-1869) und die Gütersloher Baugeschichte, in: Der Minden Ravensberger, 71. Jg., 1999, S. 69-75.
Freitag, Werner (Hg.), Geschichte der Stadt Gütersloh, Bielefeld ²2003.

Die Firma Gebr. A. & W. Niemöller als Mühlenbesitzer, 1854-1913

Am 15. Januar 1854 verkaufte die Witwe Johann Heinrich Niemöller Avenstroths Mühle an ihre Söhne, die Kaufleute August und Wilhelm Niemöller. Im Jahre 1856/57 errichteten die Gebrüder Niemöller am linken Dalkeufer anstelle der früheren Boke- und Oelmühle ein neues Mühlengebäude. Rechtsseitig blieb das alte Mühlengebäude mit der Müllerwohnung und dem Wasserrad weiterhin bestehen. Im März 1857 beantragten die Kaufleute, anstelle der früheren Bokemühle eine Köchling'sche Turbine zum Betrieb von 4 neuen Mahlgängen und im daran anstoßenden Gebäude einen "Dampfentwickler" von 4,5 Atmosphären Überdruck anlegen zu dürfen. Die Dampfmaschine sollte in Zeiten des Wassermangels die Mahlgänge antreiben. Die baupolizeiliche Genehmigung wurde erteilt und Anfang September desselben Jahres bestätigte Amtmann Haege die ordnungsgemäße Ausführung der neuen Anlage. Mit der Inbetriebnahme der Dampfmaschine in Avenstroths Mühle hielt die moderne Technik erstmals in Gütersloh Einzug.

Avenstroths Mühle, Situationsplan zum Kesselkonzessionsgesuch
Situationsplan zum Kesselkonzessionsgesuch Herren A. & W. Niemöller, 22. Dezember 1868: Alte Mühle und Wohnung für den Müller auf der rechten Dalkeseite, links "Mühle der Herren Niemöller" mit "Turbine, Kessel u. Maschinenhaus" (von 1857) und "Neues Kesselhaus". Gegenüber der Mühlenanlage rechts der Dalke befindet sich ein zur Mühle gehörendes Oeconomie-Gebäude (StA Gütersloh, KAR 1232).

Im November 1857 hielt das Mühlenkataster für die Bauerschaft Sundern, Bürgermeisterei Gütersloh, folgende Angaben fest: Niemöller produziere nur für die eigene Mühlhandlung. Die am rechten Ufer der Dalke gelegene Mühle werde mit 2 unterschlächtigen Wasserrädern allein mit Wasserkraft angetrieben, jedes mit einem besonderen Gerinne. Jedes Rad setze 2 Mahlgänge, zusammen 4 in Betrieb. Von diesen werden 3 für Weizen und einer für Roggen benutzt. In dem Mühlengebäude am linken Ufer der Dalke befinde sich eine Dampfmaschine von 24 PS, die 4 Mahlgänge in Betrieb setze. Als Wasserwerk diene eine Turbine, die jedoch nur bei auffallend starkem Wasserzufluss benutzt werden könne, da bei der Mühle leider nur ein Gefälle von 8 Fuß (2,51 Meter) vorhanden sei. So viel Wasser, dass die Turbine gleichzeitig mit dem Wasserwerk an der rechten Uferseite betrieben werden könne, sei nie vorhanden.

1858 entfernten die Gebrüder A. & W. Niemöller ein Wasserrad und damit 2 Mahlgänge am rechten Dalkeufer. Stattdessen richteten sie in dem Gebäude am linken Ufer 3 neue Mahlgänge ein. Die Stauvorrichtung blieb unverändert bestehen. Darüber hinaus vergrößerten sie den Mühlen- und Lagerraum, indem sie die Dalke zwischen dem alten und dem neuen Mühlengebäude überbauten. 1869 fügten sie der Mühlenanlage ein neues Kesselhaus hinzu. 1879 ersetzten sie das inzwischen baufällig gewordene rechtsseitige Wasserrad ebenfalls durch eine Turbine. Als der Kaufmann und Kommerzienrat August Niemöller im Jahre 1880 verstarb, erbte seine Witwe Pauline Helene Niemöller, geborene Bartels, zunächst seinen Anteil. Nachfolgend wurden ihre Söhne August Niemöller junior und Hermann Niemöller Alleinbesitzer der Firma. Ihr Onkel Wilhelm Niemöller war bereits beim Tod seines Bruders aus dem Geschäft ausgetreten.

Um das Mühlengeschäft deutlich auszubauen, verlegte die Firma Gebrüder A. & W. Niemöller, Mühlenwerke, ihren Hauptstandort im Jahre 1896 nach Dortmund. Ein Vergrößerung des Mühlenbetriebes, wie August und Wilhelm Niemöller es sich vorstellten, war in Gütersloh nicht möglich. Deshalb errichteten die beiden Kaufleute eine dampfbetriebene Großmühle am Dortmunder Kanalhafen, die Mühlenwerke Gebrüder A. & W. Niemöller. In der Gütersloher Dampf- und Wassermühle an der Dalke sollten nur noch Futtermittel hergestellt werden. Zunächst wurden dort die Arbeitskräfte um die Hälfte verringert. Doch bereits im Jahre 1898 beschäftigten die Gebrüder Niemöller in Avenstroths Mühle wieder 20 Arbeiter. Ihre wöchentliche Arbeitszeit betrug 60 Stunden. Arbeitsbeginn war morgens um 6.00 Uhr, um 12.00 Uhr unterbrachen eine halbstündige Mittagspause und am Nachmittag noch einmal eine ebenfalls halbstündige Kaffeepause die Arbeit. Um 19.00 Uhr endete der Arbeitstag. Der Arbeitslohn lag zwischen 1,80 und 2,40 Mark pro Tag.

Ein Großbrand zerstörte in der Nacht vom 12. Mai 1902 einen großen Teil von Avenstroths Mühle und das Getreidelager. Über die Galerie, die die Dalke überquerte, breitete sich das Feuer bis zum Kornsilo aus. Nur das Wohnhaus des Müllers und die Scheune blieben verschont. Ein Arbeiter, der Nachtdienst hatte, bemerkte das Feuer und alarmierte sofort die Feuerwehr. Dennoch brannte die Mühle weitestgehend aus. Obwohl die Dortmunder Großmühle den Haupterwerb ausmachte, stellte die Handelsgesellschaft Gebrüder A. & W. Niemöller nach dem Brand die Mühle an der Dalke wieder her. Am linken Dalkeufer ließen sie ein neues Mühlengebäude errichten. Auf die Wiederherstellung der Überbauung der Dalke und des Mühlengebäudes am rechten Dalkeufer verzichteten sie. Laut der Baubeschreibung von 1902 sollten 2 Mahlgänge Futtergetreide aller Art vermahlen. Der Antrieb erfolgte durch unterschlächtige Räder und eine Kraftübertragung per Transmission. Eine Wasserturbine, die in einem vorhandenen schon früher für denselben Zweck dienenden Schacht eingebaut wurde, erzeugte die benötigte Energie. Das im Wagen ankommende Getreide wurde mittels einer Transmissionswinde auf die zweite Etage hoch gezogen. Von hier wurde es nach Bedarf in die über den Mahlgängen angebrachten Einschütt-Rümpfe geschüttet. Das die Vermahlmaschine verlassende Produkt wurde im Erdgeschoss durch eine entsprechende Rohranordnung in Säcke aufgefangen und entweder zur Verladung oder zur erneuten Vermahlung gebracht. Die baupolizeiliche Schlussabnahme der neuen Anlage erfolgte am 6. Mai 1903. Nach dem Wiederaufbau wurde die Mühle nur noch mit Wasserkraft betrieben, wodurch sich die tägliche Produktion auf 2 Tonnen reduzierte.

Der teilweise bei dem Brand von 1902 zerstörte Getreidesilo wurde erst im Jahre 1905 wieder neu überdacht. Im August desselben Jahres wurde der große Schornstein an Niemöllers Mühle, früher das Wahrzeichen der großen Dampfmühle, bis auf 5 Meter niedergelegt.

In ihrer Mühlenhandlung an Avenstroths Mühle verkaufte die Handelsgesellschaft Gebr. A. & W. Niemöller Mehl und Futtermittel. Regelmäßig inserierten sie ihre Waren in der lokalen Zeitung und warben um Kunden.

Die Preise für die Verkaufsstelle an Avenstroths Mühle betrugen:

Spalte 1 Spalte 2

Weizenkeime

à Mark 6,40 per 50 Kilogramm

Weizenvollmehl

à Mark 6,00 per 50 Kilogramm

Weizenkleie

à Mark 5,80 per 50 Kilogramm

Maisschrot

à Mark 8,30 per 50 Kilogramm

Bohnenschrot

à Mark 8,50 per 50 Kilogramm

Gerstenschrot

à Mark 6,50 per 50 Kilogramm

Darüber hinaus gehörten 15 Morgen (37.500 Quadratmeter) gute Wiesen zur Mühle. Auch der Grasschnitt von diesen Flächen wurde regelmäßig zum Verkauf angeboten.

Eine weitere Geschäftsidee der Gebrüder Niemöller war es, die Wasserkraft der Dalke für die Stromerzeugung zu nutzen. Die Wasserturbine sollte elektrische Energie für die nahe gelegenen Villen und Häuser liefern. Im November 1903 begann der Elektrotechniker Conrad Theodor Müller (der spätere Direktor der städtischen Versorgungsbetriebe) mit der Einrichtung einer von Wasserkraft angetriebenen "Elektrizitätszentrale" bei Avenstroths Mühle. Ein Gleichstromgenerator lieferte 11 Kilowatt bei 220 Volt. Ein Akkumulator von 135 Amperestunden diente als Reserve. Die Anlage versorgte bis zu 37 Villen und Wohnhäuser im Stadtpark und das Gesellschaftshaus Eintracht in der Kirchstraße mit Strom für Licht sowie 4 Straßenlaternen. Die einzelnen Abnehmer wurden über Freileitungen von insgesamt 8.400 Metern Länge mit Strom versorgt. 1911 erhielt die Mühle eine neue Dampfanlage mit einer Lokomobile (Dampfmaschine) für die Stromerzeugung. Bis zum Beginn der städtischen Elektrizitätsversorgung im Oktober 1913 blieb die Anlage in Betrieb.

Avenstroths Mühle, Lokomobil-Anlage
Lokomobil-Anlage für die Mühle der Firma A. & W. Niemöller, Gütersloh-Sundern, Paderborner Str. Nr. 14,
Avenstroths Mühle, Grundriss Maschinenanlagen
Grundriss die Maschinenanlagen mit Transmission und zwei Dynamos, September 1911 (Quelle: StA Gütersloh, KAR 1892).

Quellennachweis:
LA NRW OWL, M 1 I U, Nr. 637.
StA Gütersloh, C 231, E 462, KAR 1232, KAR 1233, KAR 1234, Sammlung Kornfeld.
Gütersloher Zeitung, 20.1.1905 (Getreidepreise), 17.6.1905 (Grasverkauf und Maisschrot), 5.8.1905 (Schornsteinniederlegung).
Beine, Günter, 125 Jahre Stadtwerke Gütersloh, dokumentarische Chronik, 1987.
Rethage, Harald, Avenstroths Mühle, in: Sunderaner Geschichten. Entwicklung einer Bauerschaft, Gütersloh ²2008, S. 143-147.

Avenstroths Mühle im 20. Jahrhundert

Im Januar 1913 fragte der Barmer Bank-Verein, Hinsberg, Fischer & Co. zu Bielefeld beim Rentamt des Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg zu Rheda an, zu welchem Preis die Belastung von 300 Mark jährlich auf Avenstroths Mühle abgelöst werden könnte. Als Grund für ihr Interesse gab der Bank-Verein an, dass sich die "Besitzung der Firma A. & W. Niemöller zu Gütersloh seit einiger Zeit in Vermögensverfall" befinde. Das Fürstliche Rentamt bot den Rückkauf der Erbpacht für 10.000 Mark an. Der Preis erschien dem Bank-Verein zu hoch, so dass er das Angebot ablehnte.

Im Mai 1913 fand sich eine Käufergruppe für die Wassermühle an der Dalke. Am 15. und 25. Juli 1913 ging die Liegenschaft einschließlich der zugehörigen Grundstücke und Gebäude in das Eigentum des Bauunternehmers August Westheermann, der Koloni Heinrich Klessmann, Ludwig Oesterhellweg und August Bockschatz - alle wohnhaft zu Gütersloh Die Eigentümergemeinschaft baute das Wohnhaus des Müllers, seinerzeit Paderborner Straße Nummer 10, um. Neben einer Waschküche wurden ein Abort und Stallungen angebaut. Der Dampfmaschinenraum am linken Dalkeufer, der bisher lediglich aus Brettern bestand, wurde mit einer massiven Umfassungsmauer versehen. Am 4. Oktober 1913 erfolgte bereits die Schlussabnahme.

Avenstroths Mühle, Elektromotor als Hauptantrieb
Elektromotor als Hauptantrieb, Baujahr 1921, Leistung 15 Kilowatt bei 965 U/min.

Im Oktober 1917 ist die offene Handelsgesellschaft W. Schrewe & Co. als Besitzer von Avenstroths Mühle im Grundbuch eingetragen. Am 12. November 1917 hatte Wilhelm Schrewe die auf den Grundstücken liegende Grundschuld in Höhe von 10.000 Mark in Form von Kriegsanleihen beglichen. Die genannte Handelsgesellschaft verpachtete die Mühle an den Müller Wilhelm Osthushenrich, der den Betrieb insgesamt von 1905 bis 1937 führte. 1921 und 1935 wurde die technische Innenausstattung modernisiert. Neben einem neuen Elektromotor als Hauptantrieb mit einer Leistung von 15 Kilowatt bei 965 Umdrehungen pro Minute im Jahre 1921 wurden 1935 ein Doppelwalzenstuhl, ein Mehlmischer und ein zweiteiliger Plansichter der Firma Adolf Baumgarten aufgestellt. 1926 ließ die Eigentümerin, die Handelsgesellschaft W. Schrewe & Co., Inhaber W. Knufinke, von der Firma Möller aus Brackwede eine neue Francis-Zweikammer-Turbine anstelle der Köchling'schen Turbine einbauen. Die Modernisierung war notwendig geworden, weil die bisherige Turbine veraltet und nicht mehr betriebsfähig war. Gleichzeitig wurde ein neuer Generator zur Stromerzeugung eingebaut, der statt der bisherigen 11 jetzt 22 Kilowatt lieferte.

Avenstroths Mühle, Doppelwalzenstuhl
Doppelwalzenstuhl der Firma Adolf Baumgarten, Typ 600 x 300, Baujahr 1935.

1937 wechselte der Eigentümer erneut. Die Sparkasse Gütersloh erwarb die Wassermühle und verpachtete den Betrieb an den Bauern Karl Bischoff. Die Stadtwerke Gütersloh kauften das Anwesen im Jahre 1953 und verpachteten die Mühle an Müllermeister Gustav Kraus, dem Schwiegersohn des Vorpächters. Seit 1989 ist Müllermeister Siegfried Friese Pächter von Avenstroths Mühle, der noch heute die Mühle bewirtschaftet und den Futtermittelhandel führt.

1984 wurde die Mühle aufgrund der gut erhaltenen und voll funktionsfähigen technischen Ausstattung aus der Zeit zwischen 1921 und 1935 unter Denkmalschutz gestellt. Nachdem die 1926 eingebaute Francis-Turbine im Jahre 1994 einmal einer Generalüberholung unterzogen wurde, ist sie noch heute zuverlässig im Einsatz. Bei einer Fallhöhe des Wassers von 3 Metern beträgt der Wasserdurchsatz der Turbine bei 140 Umdrehungen pro Minute 970 Liter pro Sekunde. Insgesamt erzeugt die Turbine etwa 104.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Mit dieser Energie können etwa 25 Einfamilienhäuser versorgt werden.


Quellennachweis:
LA NRW OWL, M 1 I U, Nr. 637.
StA Gütersloh, E 462.
Neue Westfälische, 6. Januar 1992.
Rethage, Harald, Avenstroths Mühle, in: Sunderaner Geschichten. Entwicklung einer Bauerschaft, Gütersloh ²2008, S. 143-147.
Schluckebier, G.-W. (Bearb.), Aus der Geschichte der Gütersloher Wassermühlen. 'Avenstroths-Mühle' im ehemaligen Kirchspiel Gütersloh, Bauerschaft Sundern, Haus Nr. 10, heute: Am Parkbad 10, hg. vom Heimatverein Gütersloh, 1996.
Autorin und Bildredaktion: Elisabeth Sommer, Historikerin, Gütersloh
http://www.esommerhistorikerin.de/services/index.html

Denkmalschutz und Denkmalwert der Mühle Avenstroth

Avenstroths Mühle wurde vom Westfälischen Amt für Denkmalpflege zu Beginn der 1980er Jahre auf Denkmalwürdigkeit untersucht und in die Kulturgutliste für die Stadt Gütersloh aufgenommen. Sie wird als viergeschossiger Ziegelbau unter flach geneigtem Satteldach, mit einer Gliederung der Wandfläche (Nordseite, am Dalkebach verputzt) durch Lisenen und Tropfenfriese, beschrieben. Als Ausstattung werden neben den Rundbogenfenstern mit Eisensprossen ein hölzerner Aufzugschacht an der Ostseite genannt. Am 25.10.1984 erfolgte die Eintragung in die Denkmalliste der Stadt Gütersloh unter der Kurzbezeichnung "Wassermühle Sundern".

Visuell fällt Avenstroths Mühle durch ihre ungewöhnliche Architektur auf. Während die meisten Wassermühlen als Fachwerkbauten, oft mit quadratischem Grundriss bei den kleineren ländlichen Mühlen, errichtet wurden, erkennt man hier ein für die Bauzeit (1856 -1857) sehr großes Bauwerk, das sich durch seine aufwändige Gestaltung und die Verwendung von Backstein als neuem Material deutlich abhebt. Die Eisensprossenfenster und Zierelemente erinnern an frühe Industrieanlagen, diese wiederum kennzeichnen den Wandel von traditionellem Fachwerk zu Massivbauten. Eine derart großzügige Bauweise wie bei Avenstroths Mühle verdeutlicht zum einen die Anforderungen an die Mahlleistung sowie zum anderen die Bedeutung innerhalb der Mühlenlandschaft. Dabei spielt auch die Zuordnung zur Hofstätte Avenstroth, Sundern Nummer 2, die in einer Urkunde von 1450 als Meierhof bezeichnet wird, eine entscheidende Rolle.

Die Pläne für diese Mühle stammen von Christian Heyden aus Barmen (heute Wuppertal), der mit diesem ersten Bauwerk sowie der wenig später errichteten Martin-Luther-Kirche, dem Rathaus, dem Evangelischen Krankenhaus (Barthsche Stiftung) sowie dem Gesellschaftshaus „Erholung“ in Gütersloh nachhaltige städtebauliche Akzente setzte. Seine Ideen für die junge aufstrebende Stadt haben dazu beigetragen, den Wechsel von althergebrachter zu einer modernen Bauweise einzuläuten und damit eine Dynamik zu entwickeln, die sich bis heute fortsetzt.

Die erhaltene Mühlentechnik

Eine Exkursion durch das Denkmal der Mühle Avenstroth mit einer Kurzbeschreibung zur Mühlentechnik aus 1921 - 1935

Bild 1: Unterste Ebene

Avenstroths Mühle, Elektromotor als Hauptantrieb

Kurzbeschreibung:
Ansicht vom Mühlen E – Hauptantrieb (Elektromotor) , Baujahr 1921 Leistung 15 Kilowatt mit 965 Umdrehungen pro Minute. Der Elektromotor treibt mittels Flachriemenscheibe / Übersetzung die Hauptantriebswelle der Mühle an.

Bild 2: Unterste Ebene

Avenstroths Mühle, Hauptantriebswelle

Kurzbeschreibung:
Teilansicht der Hauptantriebswelle Durchmesser 100 Millimeter mit Flachriemenscheiben Breite: 200 Millimeter und Flachriemen. Dient zum Antrieb der entsprechenden Müllereimaschinen (In Gruppen wie Reinigung, Schälen, Vermahlen und Sieben) über Vorgelegewellen, die sich auf den verschiedenen Etagen (Ebenen) in der Mühle befinden.

Bild 3: Erste Ebene

Avenstroths Mühle, Doppelwalzenstuhl

Kurzbeschreibung:
Ansicht vom Doppelwalzenstuhl. Hersteller: Adolf Baumgarten, Typ 600 mal 300, Baujahr: circa 1935 mit 2 gegenüberliegenden Riemenantrieben zum Antrieb des jeweiligen Walzenpaares (Mahlwerksorgan).

Funktionsbeschreibung:
In dem Vorbehälter über dem Doppelwalzenstuhl liegt das zu vermahlende Getreide.
Über eine Walzenspeisung wird das Getreide auf das Walzenpaar geführt.
Mit dem Walzenpaar wird das Getreide ( z.B. Roggen) je nach Voreinstellung des Müllers, in mehreren Arbeitsabläufen vermahlen. Hierbei entsteht das Endprodukt Mehl. Also vom „Korn zum Mehl“. Ziel ist es - je nach gewünschter Anforderung ( Mehltype) - den Mehlkern (Endosperm) von der Schale (Frucht- und Samenschale) aufzubrechen und aufzulösen. Hierzu zählen die Vermahlungsphasen wie „Schroten“, „ Auflösen“ oder „Ausmahlen“ zum Prozess der „Feinmüllerei“.
Enderzeugnisse der Müllerei sind Mehltypen wie beispielsweise ein Weizenmehl T 405 bzw. T 550 oder ein Roggenmehl T 997 bzw. T 1150. Die Mehltype gibt eine Aussage über den Aschegehalt ( Mineralanteil). Prinzipiell kann gesagt werden: „je höher der Aschegehalt / Mehltypezahl desto höher ist der Anteil an wertvollen Ballaststoffen ( Vitamin + Mineralstoff) in der Mehltype“.

Bild 4: Erste/zweite Ebene

Avenstroths Mühle, Mehlmischer

Kurzbeschreibung:
Ansicht des Mehlmischers Hersteller: Adolf Baumgarten, Volumen: circa 4,5 Kubikmeter Mehl mit stehender Mischschnecke. Flachriemenantrieb mit Winkelgetriebe über Vorgelegewelle.

Bild 5: Dritte Ebene

Avenstroths Mühle, Plansichter

Kurzbeschreibung:
Ansicht von dem Plansichter ( Stapelsichter, 2-Teilig) Hersteller: Adolf Baumgarten. Besteht aus 2 Stapeln mit verschiedenen Sieben / Siebmaschen für Schrot-, Grieß-, Dunst- und Mehlsiebe. Hier findet die Trennung des Mehlkerns von der Schale durch Siebung und Sichtung statt. Die zu vermahlenden Erzeugnisse vom Doppelwalzenstuhl werden mechanisch über die 3 Stockwerke in den Plansichter befördert.

Die Umweltstiftung Gütersloh bedankt sich bei Herrn Müllermeister Siegfried Friese (Pächter der Mühle Avenstroth) für die Zurverfügungstellung des Text- und Bildmaterials.

Aus Wasser wird Strom

Wasserkraft ist die einzige regenerative Energiequelle, die schon seit über 100 Jahren großtechnisch genutzt wird. Neben den Dampfmaschinen zählen die Wasserkraftwerke zu den ersten Anlagen, die eine Gewinnung von elektrischer Energie ermöglichten. Derzeit wird rund 20 Prozent des weltweit produzierten Stroms in Wasserkraftwerken gewonnen. Während das Potenzial der weltweiten Wasserkraft damit ebenfalls nur zu 20 Prozent ausgeschöpft ist, beträgt dieser Anteil in Deutschland bereits 80 Prozent. Damit werden aus rund 7.000 Wasserkraftanlagen etwa 4 Prozent des deutschen Stroms gewonnen.

Historischer Rückblick
Wasser lieferte in der Kulturgeschichte die erste und über Jahrhunderte einzige Kraftquelle, mit der mechanische Arbeit ohne Muskelkraft verrichtet werden konnte. Technische Vorgänger der Wasserkraftwerke waren die (Wasser-)Mühlen, deren Ursprung bis in die Zeit um 1200 vor Christus zurückreicht. Damals wurden in Mesopotamien die ersten Felder mit Hilfe von Wasserschöpfrädern künstlich bewässert. Im zweiten Jahrhundert vor Christus machte sich der Mensch dann auch die Bewegungsenergie der Bäche und Flüsse zunutze. Dafür reichte es aus, ein Rad mit einer Welle in die Strömung zu stellen. Diese einfachen Wasserräder dienten meist zum Antrieb von Getreidemühlen, deren Mahlsteine ohne weitere Übertragungselemente direkt an der Welle des Wasserrades angebracht waren.

Die ersten Wasserräder mit waagerechter Welle und dazugehörigem Umlenkgetriebe wurden im ersten Jahrhundert vor Christus von den Römern gebaut. Aber erst im Mittelalter setzte sich das Wasserrad dann endgültig als allgemeine Antriebsmaschine durch. Mit der Erfindung der sogenannten „Daumenwelle“ im 11. Jahrhundert bestand erstmals die Möglichkeit, eine Drehbewegung in eine Hin- und Herbewegung umzuwandeln. Damit hielt das Wasserrad auch in Schmieden, Schleifereien, Sägewerken und später auch in Webereien und im Bergbau Einzug. Die mengenmäßig begrenzte Energiequelle Wasserkraft war immer ein wertvolles Gut und entsprechend reguliert und umstritten. Eine erste „Energiekrise“ konnte dann im 19. Jahrhundert durch den Zugriff auf fossile Energiequellen gelöst werden, die eine weitere industrielle Entwicklung überhaupt ermöglichten.

Stromerzeugung aus Wasserkraft
Das Prinzip der Stromerzeugung aus Wasserkraft ist eigentlich mit wenigen Worten erklärt:
Die im Wasser enthaltene Strömungsenergie (fließendes oder fallendes Wasser) wird mittels einer Turbine (früher: eines Mühlrades) in Bewegungsenergie umgesetzt. An die Turbinenwelle wiederum wird ein Generator angeschlossen, der die mechanische Bewegungsenergie der Turbine in elektrische Energie umwandelt.

Turbine und Generator
Bei Wasserkraftwerken wird das sich eher langsam drehende Wasserrad durch eine schnell laufende Turbine ersetzt. Turbinen bilden ein geschlossenes System und erreichen Wirkungsgrade von teilweise über 90 Prozent.
Von den heute im Einsatz befindlichen Turbinen ist die sogenannte Francis-Turbine, eine im Jahr 1849 in den USA von dem Ingenieur James Bicheno Francis verbesserte Wasserturbine, die am meisten verbreitete Turbinenart.
Bei der Fancis-Spiralturbine wird das Wasser durch ein schneckenförmiges Rohr, die Spirale, in zusätzlichen Drall versetzt und anschließend durch ein feststehendes „Leitrad“ mit verstellbaren Schaufeln auf die gegenläufig gekrümmten Schaufeln des Laufrads gelenkt. Ist der Einlaufbereich zum Leitrad nicht spiralförmig ausgebildet, spricht man von einer Francis-Schacht-Turbine. Dieser Turbinentyp ist auch in Avenstroths Mühle eingebaut.
Bei eine Wasserturbine wird die kinetische Energie des Wassers in mechanische Energie umgewandelt. Die Turbine wird mit Hilfe des strömenden Wassers in Drehung versetzt.

Unter einem (Wechselspannungs-) Generator versteht man eine elektrische Maschine, welche mechanische Energie in elektrische Energie umwandelt. Wechselspannungsgeneratoren nutzen das Prinzip der elektromagnetischen Induktion aus. Die Wechselspannung wird dabei durch das Drehen eines Rotors in einem Magnetfeld erzeugt. Entsprechend der in Deutschland üblichen Frequenz im Stromnetz muss sich der Generator 50mal pro Sekunde drehen.

Stromerzeugung in Avenstroths Mühle
Bereits 1903 verfügte die Mühle Avenstroth über eine Wasserturbine mit 11 Kilowatt/220 Volt. Damit konnten 37 Häuser am Stadtpark mit Strom versorgt werden. (siehe auch: Elektrifizierung der Stadt Gütersloh) 1925 erfolgte dann durch die Firma Möller, Brackwede, der Einbau der bis heute noch vorhandenen und betriebsfähigen Francis-Schacht-Turbine mit einer Leistung von ca. 22 Kilowatt. Diese Turbine diente zunächst ausschließlich zum Antrieb des Mahlbetriebes.

Im Zuge ohnehin notwendiger Unterhaltungs- und Restaurierungsarbeiten an der Mühle in den Jahren 1993/94 wurde nicht nur die vorhandene Turbine grundlegend überholt, sondern gleichzeitig auch ein Generator zur Stromversorgung rund um die Uhr eingebaut. Bei einer Fallhöhe des Wassers von 3 Meter und einem Wasserdurchlass von 970 Liter pro Sekunde können jährlich etwa 104.000 Kilowattstunden Strom erzeugt werden. Basierend auf dem Energiemix Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts kann die Umwelt damit um 11 Kilogramm Kohlenmonoxid, 43 Kilogramm Stickoxide, 49 Kilogramm Schwefeldioxid und 61 Tonnen Kohlendioxid entlastet werden.

Quellen:
Realschule Saarburg, verschiedene Seiten auf dem Bildungsserver Rheinland-Pfalz
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie
Elektronik-Kompendium.de
Sunderaner Geschichten, 2. Auflge 2008
Stadtwerke Gütersloh GmbH

Elektrifizierung der Stadt Gütersloh

Nachdem im Jahr 1860 die Königlich-Preußische Bezirksregierung die Einführung von "Straßen-Erleuchtung" auch für die Stadt Gütersloh vorgeschlagen hatte, brannten am 11. November 1862 die ersten Gaslaternen in den Straßen von Gütersloh. Dies war die Geburtsstunde der zentralen Energieversorgung. Bis zur Einführung von elektrischem Licht sollten aber noch viele Jahre vergehen.

Die ersten elektrischen Beleuchtungen

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts hielt zunächst in vielen Gütersloher Gewerbebetrieben die elektrische Beleuchtung Einzug. Allerdings erzeugten die Unternehmen ihren Strom ausschließlich für den Eigenverbrauch.
Erst Ende November des Jahres 1903 errichtete der Elektrotechniker Conrad Theodor Müller eine durch Wasserkraft getriebene „Elektrizitätszentrale“ in der Nähe von Avenstroths Mühle. Die Anlage versorgte bis zu 37 Villen und Wohnhäuser im Stadtpark über Freileitungen mit Strom.

Weitere 6 Jahre vergingen, bis am 19. Juli 1909 in Gütersloh eine Elektrizitäts-Werks-Kommission eingesetzt wurde, die eine flächendeckende Stromversorgung für die Stadt Gütersloh vorbereiten sollte. Dabei galt es unter anderem die Frage zu klären, ob eine eigene Stromerzeugung oder ein Anschluss an bestehende Überlandwerke (mehrere Angebote lagen vor) wirtschaftlicher sei. Eine Einwohnerbefragung über „das Bedürfnis nach elektrischer Energie“ im Frühjahr 1910 hatte ein reges Interesse der Gütersloher an einem Hausstromanschluss ergeben.

Elektrizitätswerk Westfalen AG

Nachdem sich mehrere Angebote als nicht vorteilhaft für die Stadt Gütersloh erwiesen hatten, ging ein weiteres Angebot des Elektrizitätswerkes Westfalen AG in Bochum ein. Dieses Werk erklärte sich im Gegensatz zu anderen Anbietern auch bereit, die Kosten für den Ausbau und die Unterhaltung des Zuleitungsnetzes zu übernehmen. Bei dem 1907 gegründeten Elektrizitätswerk Westfalen handelte es sich um einen rein kommunalen Verband, dessen Aktien sich vollständig in den Händen der versorgten Kommunen befanden und nicht an Dritte veräußert werden durften.
Am 12. Juli 1912 wurde dann ein zunächst auf 25 Jahre befristeter Stromlieferungsvertrag mit dem Elektrizitätswerk Westfalen AG geschlossen. Mit Vertragsabschluss erwarb die Stadt auch ein entsprechendes Aktienpaket.
Im gleichen Jahr trat der bereits erwähnte Elektrotechniker Conrad Theodor Müller in die Dienste der Stadtwerke ein und war als Direktor des Elektrizitätswerkes Gütersloh maßgeblich bis zu seinem Tod im Jahr 1934 für den Ausbau der Stromversorgung in Gütersloh verantwortlich.

Strom im städtischen Netz

Gemäß Vertrag hatte die Westfalen AG den Strom bis zur Transformatorstation (Trafostation) an der Marienfelder Straße zu liefern. Von dort wurde der Strom an 5 weitere Trafostationen im Stadtgebiet weiter verteilt und auf die noch heute übliche Netzspannung von 220 Volt / 380 Volt umgespannt. Für die Stromversorgung im Stadtgebiet einschl. der Trafostationen war die Stadt / Stadtwerke verantwortlich. Lediglich die Abnehmer mit jährlich mehr als 50.000 Kilowattstunden wurden von der Westfalen AG direkt versorgt.
Die von der Stadt auszuführenden Leitungsarbeiten waren bis Herbst 1913 so weit fortgeschritten, dass eine Stromversorgung der Wohnhäuser und Gewerbebetriebe hätte erfolgen können. Man rechnete damit, dass etwa 4.000 Glühlampen und eine Anzahl Motoren angeschlossen würden.
Der Westfalen AG stellten sich jedoch beim Bau der Fernleitungen unerwartete Grunderwerbs- und Genehmigungsschwierigkeiten entgegen. Um den Zeitraum bis zu einer Stromlieferung durch die Westfalen AG zu überbrücken, entschied man sich, eine 80-PS-Lokomobile zur Stromerzeugung in einem Schuppen in der Nähe des Wasserturms aufzustellen. Nach einem kurzen Probebetrieb wurde dann am 29. Oktober 1913 das städtische Netz erstmals unter Spannung gesetzt. Am 26. Februar 1914 lieferte dann auch das E-Werk Westfalen den ersten Strom durch eine 10.000-Volt-Überlandleitung an die Schaltstation an der Marienfelder Straße. Eine weitere geplante 50.000-Volt-Leitung konnte infolge des I. Weltkrieges zunächst nur teilweise fertig gestellt werden und transportierte erst 1921 Strom nach Gütersloh.

Während das Leitungsnetz in der Innenstadt von Anfang an unterirdisch verlegt wurde, wurden die weiter außerhalb liegenden Straßen über Freileitungen versorgt. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes, der auf den Innenstadtbereich beschränkt war, waren 648 Anschlüsse verlegt. Damit wurden 6.256 Glühbirnen und 71 Motoren mit 149 PS versorgt. Bereits in den ersten 5 Betriebsmonaten betrug die Stromabgabe 19.737 Kilowattstunden.

Ausbau der Stromversorgung in Gütersloh

Noch im Jahr 1914 wurden weitere 152 Hausanschlüsse hergestellt. Auch die Einwohner der Außenbezirke traten nun mit dem Wunsch an die Stadtverwaltung heran, mit dem 2. Bauabschnitt zu beginnen. Am 11. Juni 1914 beschloss die E-Werks-Kommission nach einer erneut durchgeführten Befragung der Bürger den zweiten Bauabschnitt zu beauftragen. Ausgenommen davon waren Blankenhagen und Pavenstädt, da dort keine Einigung mit den Betroffenen erzielt werden konnte.
Bei Ausbruch des I. Weltkrieges am 01. August 1914 mussten die Arbeiten komplett eingestellt werden, da die Arbeiter bereits einen Tag später „zu den Fahnen“ einberufen und sämtliche Kupfervorräte durch das Kriegsministerium beschlagnahmt wurden.
Erst im Jahr 1915 gelang es, wenigstens die Bauabschnitte, mit denen noch vor Kriegsausbruch begonnen worden war, fertig zu stellen. Auf diese Weise konnten noch vor „Einbruch der dunklen Jahreszeit“ weitere 159 Häuser mit Strom versorgt werden.
Trotz aller kriegsbedingten Einschränkungen stieg die Zahl der installierten Stromzähler bis März 1919 auf insgesamt 1.914.
Im Frühjahr 1919 wurde auch die E-Werks-Kommission aufgelöst. Statt dessen wurde durch Beschluss der städtischen Gremien ein gemeinsamer Betriebsausschuss für das „Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk“ gebildet.

Nach Kriegsende nahm die Zahl der installierten Hausanschlüsse deutlich zu:
Rechnungsjahr 1919: + 422
Rechnungsjahr 1920: + 201
Rechnungsjahr 1921: + 252
Rechnungsjahr 1922: + 406

Die hohe Zahl der Hausanschlüsse im Rechnungsjahr 1922 dürfte wohl vor allem darauf zurückzuführen sein, dass die Stadtverordnetenversammlung am 06. März 1922 den Anschluss der nördlichen und westlichen Stadtaußenbezirke beschlossen hatte, da auch hier inzwischen – im Gegensatz zu der Befragung von 1914 – eine deutliche Nachfrage nach Stromanschlüssen bestand. Mit Abschluss der Bauarbeiten in diesem Bereich war damit das gesamte Gebiet der Stadt Gütersloh an die Stromversorgung angeschlossen.

Betrachtet man den Stromabsatz, so wird die rasante Entwicklung der Elektrifizierung in Gütersloh noch deutlicher:
Bereits im Rechnungsjahr 1914 (01. April 1914 bis 31. März 1915) wurden 104.095 Kilowattstunden Strom verkauft. Ende des Rechnungsjahres 1922 waren es bereits 745.104 Kilowattstunden und im Rechnungsjahr 1926 wurde erstmals die Millionengrenze überschritten. 1934 ging es über 2 Millionen, 1937 über 3 Millionen und 1939 über 4 Millionen Kilowattstunden. Trotz erneut kriegsbedingter Einschränkungen wurden im Jahr 1942 über 5 Millionen Kilowattstunden Strom verkauft. Schon 1948 konnten über 10 Millionen Kilowattstunden abgesetzt werden. 1960 waren es 32,5 Millionen Kilowattstunden und 2 Jahre später wurden bereits 45 Millionen Kilowattstunden Strom verkauft. Der Geschäftsbericht der Stadtwerke Gütersloh GmbH für das Jahr 2008 weist einen Stromabsatz von 785 Millionen Kilowattstunden aus; eine Steigerung von 120 Millionen Kilowattstunden gegenüber dem Vorjahr, die vor allem durch Neukunden außerhalb des Netzgebietes zustande kam.

Strom in alle Haushalte

Mit Abschluss des Stromliefervertrages von 1959 übernahmen die Stadtwerke Gütersloh das Mittelspannungsnetz der VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG, Rechtsnachfolger der Elektrizitätswerk Westfalen AG) mit einer Netzlänge von 39,5 Kilometer. 1969 umfasste das Niederspannungsnetz eine Länge von 304,7 Kilometer, das von 95 Transformatorenstationen gespeist wurde. Die Stromabgabe betrug rund 80 Millionen Kilowattstunden. Von den Stadtwerken wurden bei einem Bestand von 7.768 Wohnhäusern 8.577 Hausanschlüsse versorgt.
Die kommunale Neuordnung von 1970 brachte dann auch eine erhebliche Erweiterung des städtischen Netzes. Seit 1975 werden die Ortsteile Isselhorst, Ebbesloh und Niehorst von den Stadtwerken versorgt. Aber erst mit Abschluss eines neuen Stromliefervertrages mit der VEW im Jahr 1987 konnten die Stadtwerke am 01. August 1988 auch die Stromversorgung in den Ortsteilen Avenwedde, Friedrichsdorf und Spexard übernehmen. 1996 wurden dann noch im östlichen Friedrichsdorf 317 Tarif- und ein Sondervertragskunde von den Stadtwerken Bielefeld übernommen.

Der Grad der Elektrifizierung der Gütersloher Haushalte kann allenfalls geschätzt werden. Davon ausgehend, dass in den Nachkriegsjahren nur ein Zähler pro Haushalt installiert war (der Strom wurde noch immer fast ausschließlich zur Beleuchtung verwendet) waren bereits 1946 bei 11.116 Haushalten 9.388 Stromzähler installiert. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts sind dann wohl auch die letzten noch unversorgten Häuser an das Stromnetz angeschlossen worden. Heute ist eine Stromversorgung für alle nur denkbaren Anwendungen in jedem Haushalt eine Selbstverständlichkeit. Wie abhängig wir mittlerweile vom Strom geworden sind, zeigt sich immer dann, wenn die Stromversorgung mal für mehr oder weniger lange Zeit ausfällt.

Besonderheiten und Interessantes

Die folgenden Ereignisse sind zwar für eine Beschreibung der Entwicklung der Stromversorgung in Gütersloh entbehrlich, sollen aber dennoch dem interessierten Leser nicht vorenthalten werden.

Herstellung der Hausanschlüsse
Am 08. Januar 1913 wurden die Bedingungen und Preissätze für die Lieferung elektrischen Stroms beschlossen und festgesetzt und am 25. Februar 1913 die für eine „gediegene fachtechnisch richtige Ausführung der Installationen“ in den Häusern erforderlichen „Vorschriften für die Herstellung elektrischer Anlagen im Anschlusse an das städtische Elektrizitätswerk der Stadt Gütersloh“ beschlossen.
Damals wie heute mussten die Strom abnehmenden Kunden die Einrichtung der elektrischen Anlagen in den Häusern durch zugelassene Fachbetriebe des Elektrohandwerks herstellen lassen. Der verbrauchte Strom wurde von besonders dazu angestellten „Ablese- und Kassenboten“ gemeinsam mit den im gleichen Zeitraum verbrauchten Gas- und Wassermengen monatlich festgestellt und an Ort und Stelle berechnet und kassiert.

Stromlieferungen an die Staatsbahn
In Verhandlungen der Stadt mit der Eisenbahndirektion hatte sich die Bahn bereit erklärt, den für die Beleuchtung der Bahnanlagen und für Kraftzwecke erforderlichen Strom von der Stadt zu beziehen. Entsprechende Verträge mit der Eisenbahnverwaltung wurden im Mai und Juni 1914 geschlossen. Im Jahr 1916 war der Lokomotiv- und Betriebsbahnhof soweit fertig gestellt, dass die Inbetriebnahme nur noch von einem Stromanschluss abhing. Für das ursprünglich geplante unterirdische Hochspannungskabel fehlten jedoch die erforderlichen Rohstoffe. Der Strom wurde deshalb einstweilen durch ober- und unterirdische Niederspannungskabel an die Bahn geliefert. Da es sich bei der Stromlieferung an die Bahn um die „Aufrechterhaltung eines militärwichtigen Staatsbetriebes“ handelte, konnte der zuvor beschlagnahmte Kupfervorrat für diese Leitungen wieder beschafft werden. Parallel dazu wurde auch mit dem Bau einer „Aushilfs-Hochspannungsleitung“ bis zur bahneigenen Trafo-Station begonnen. Da erneut verschiedene Materialien nicht sofort beschafft werden konnten, wurden diese Arbeiten erst im Mai 1917 abgeschlossen.

Da die Westfalen AG ihren Strom von verschiedenen Kraftwerken bezog, aber über kein eigenes Elektrizitätswerk verfügte, war der Bau eines großen Kraftwerkes bei Stockum an der Lippe vorgesehen. Die Inbetriebnahme des sogenannten „Gersteinwerkes“ sollte im Herbst 1914 erfolgen. Kriegsbedingt wurde das Kraftwerk erst im Oktober 1916 fertig gestellt, konnte aber mangels Kohlen keinen Strom erzeugen. Hierunter litten auch die Stromlieferungen an die Staatsbahn. Die Bemühungen der Stadt, die auch von der Eisenbahndirektion und anderen Stellen unterstützt wurden, führten schließlich dazu, dass das Gersteinwerk am 16. August 1917 in Betrieb genommen werden konnte und seitdem den größten Teil des Gütersloher Strombedarfs deckte.

Behelfsmäßige Stromversorgung
Wie bereits oben erwähnt, wurden noch im Kriegsjahr 1915 weitere 159 Hausanschlüsse hergestellt. Da der Kupferdraht jedoch beschlagnahmt worden war, griff man auf verzinkten Eisendraht zurück, der allerdings eine deutlich schlechtere Leitfähigkeit besaß. Dies hatte zur Folge, dass Strom auf dem Weg vom Elektrizitätswerk (bzw. Trafostation) bis zum Kunden in der Leitung „verschwand“, was für das Gütersloher Elektrizitätswerk zu nicht näher bezifferten finanziellen Verlusten führte. Der von der Westfalen AG gelieferte Strom wurde nämlich an der Trafostation an der Marienfelder Straße gemessen und mit der Stadt abgerechnet. Die Kunden ihrerseits brauchten aber nur die Kilowattstunden zu bezahlen, die sie auch tatsächlich verbraucht hatten. Der durch die schlechten Leitungsmaterialien bedingte Verlust musste vom städtischen Elektrizitätswerk getragen werden.
Die Verwendung von verzinktem Eisendraht hatte aber auch für die Kunden nachteilige Folgen, zumal auch andere Beleuchtungsmittel der Kriegsbewirtschaftung unterlagen. In den neuen Netzteilen entstand zeitweise eine so hohe Nachfrage, dass „das Licht zu dunkel brennt, um noch dabei sehen zu können“.

Strompreise „Anno dazumal“
Für den Strom gab es 2 Tarife für Licht- und Kraftstrom. Zu Beginn der Stromversorgung in Gütersloh sollten für Licht 35 Pfennig und für Kraftstrom 18 Pfennig je Kilowattstunde bezahlt werden. Bis 1917 stiegen die Verkaufspreise auf 40 / 20 Pfennig und wurden nach Einführung der Kohlensteuer im gleichen Jahr auf 46 / 25 Pfennig erhöht.
Während die Preise bis Ende des I. Weltkriegs noch leidlich im Zaum gehalten werden konnten, gerieten diese ab der zweiten Hälfte des Jahres 1922 immer mehr aus den Fugen. Seit dem 21. August 1923 wurden die Verbrauchstarife wöchentlich festgesetzt und erreichten am 17. November 1923 ihren Höhepunkt: Eine Kilowattstunde Lichtstrom kostete 360 Milliarden Mark (!). Wer mehr als 3 Kilowattstunden verbraucht hatte, musste mit Billionenbeträgen rechnen.
Erst durch Gesetz vom 13. Oktober 1923, mit dem die Papiermark durch die Renten- bzw. Goldmark ersetzt wurde, normalisierten sich auch die Preise wieder. Im Januar 1924 kostete eine Kilowattstunde Lichtstrom 55 Pfennig.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Entwicklung der Stromtarife zwischen 1919 und 1923 (Strompreise je Kilowattstunde in Mark):

Spalte 1 Spalte 2 Spalte 3

Gültig ab

Lichtstrom

Kraftstrom

01.04.1919

0,68

0,35

01.05.1922

5,20

4,70

01.10.1922

67,50

43,00

01.12.1922

280,00

180,00

01.06.1923

3.000,00

1.900,00

21.08.1923

330.000,00

240.000,00

25.08.1923

420.000,00

310.000,00

05.10.1923

60 Millionen

40 Millionen

21.10.1923

1,2 Milliarden

0,9 Milliarden

17.11.1923

360 Milliarden

270 Milliarden

Straßenbeleuchtung
Während vor dem II. Weltkrieg fast 500 Lampen die Straßen von Gütersloh erhellten, ging deren Zahl bis Ende 1948 auf bescheidene 38 Lampen zurück, davon 30 Gas- und 8 elektrische Lampen. Die lebhafte Zunahme des Straßenverkehrs und die Anlage zahlreicher neuer Straßen verlangten einen zügigen Ausbau der Beleuchtung. Der Vierjahresbericht der Verwaltung für 1952 bis 1956 vermeldet dann auch für Ende 1952 einen Bestand von 461 Lampen. Diese Zahl hatte sich bis Ende des vorgenannten Berichtszeitraumes mit 1.085 Lampen mehr als verdoppelt. Doch noch dominierten die Gaslampen die städtische Straßenbeleuchtung. Von den 1.085 Lampen wurden 697 mit Gas und 388 mit Strom betrieben. Erstmals 1958 überflügelten die elektrischen Leuchten mit 692 die der Gasleuchten, die es auf 668 Stück brachten. 1962 erreichte die Zahl der Gasleuchten mit 717 Stück ihren Höchststand; gleichzeitig zeichnete sich aber auch deren Ende ab. Nachdem der Rat im Jahr 1964 die Erdgasumstellung beschlossen hatte, begann die rasche Umstellung der Gasleuchten auf Elektrobetrieb. 1967 vermeldete der Verwaltungsbericht: „Die Straßenbeleuchtung entspricht jetzt allen neuzeitlichen Anforderungen, die der Verkehr stellt.“

Heute gibt es in Gütersloh circa 10.200 Straßenlaternen und 120 Ampelanlagen.


Quellen:
Günter Beine: 125 Jahre Stadtwerke Gütersloh, dokumentarische Chronik, 1987
Deutschlands Städtebau: Gütersloh, Deutscher Architektur- und Industrieverlag, Berlin-Halensee, 1925
Lüdeling-Manuskript, 1962
Verwaltungsberichte über das Elektrizitätswerk, 1913 – 1921
Stadtarchiv Gütersloh
Bildmaterial: Stadtarchiv Gütersloh

Datenschutzhinweis

Diese Webseite nutzt externe Komponenten, wie z.B. Schriftarten, Karten, Videos oder Analysewerkzeuge, welche alle dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Verhalten zu sammeln. Datenschutzinformationen | Impressum