Kiebitz (Vanellus vanellus)
Das Verbreitungsgebiet des Kiebitzes erstreckt sich über nahezu ganz Europa. Nach Osten dehnt sich sein Brutareal bis in die Türkei, in den Nordwesten des Irans, nach Kasachstan, die Mongolei und den Norden Chinas aus. Die Überwinterungsgebiete des Kurzstreckenziehers liegen hauptsächlich küstennah in West- und Südwesteuropa, ihr Zugverhalten wird stark von der Winterkälte geprägt.

Kiebitze brüten hauptsächlich in offenen, flachen Landschaften mit kurzem oder gar keinem Gras, auf Wiesen und Weiden, gerne an Gewässerrändern, auf Feuchtwiesen, Heiden und Mooren. Die überwiegende Anzahl (etwa 90 Prozent) brütet heute auf Ackerflächen (Getreide, Maisäcker, Ackerbrachen), vor allem, wenn sie in feuchten Auebereichen liegen.
Bereits ab März sind die Vögel in ihren Brutrevieren anzutreffen. Nach der Ankunft markieren die Männchen mit spektakulären Balzflügen und lauten „Kiwitt“ rufen ihr Territorium. Kiebitze brüten gerne kolonieartig in lockerer Nachbarschaft untereinander. In solchen Gruppen sind sie gemeinschaftlich gut in der Lage sich gegen Feinde, vor allem aus der Luft, zu verteidigen. Da jedoch in den zunehmend schlechter geeigneten Biotopen größere Kolonien immer seltener werden und die meisten Kiebitze vereinzelt brüten, sind sie inzwischen nicht mehr so wehrhaft wie früher.
Kiebitze legen ihre gut getarnten Eier in eine offene Nestmulde am Boden, die mit Halmen und anderen Pflanzenteilen ausgepolstert ist. Die Eier werden 21 bis 28 Tage von beiden Eltern bebrütet. Während dieser Zeit wird das Nest von beiden Altvögeln vehement gegen Räuber (Prädatoren) wie beispielsweise Fuchs, Marder, Waschbären und Krähen verteidigt. Bereits wenige Stunden nach dem Schlüpfen verlassen die Küken das Nest und suchen sich selbstständig Nahrung. Danach werden die Jungen noch etwa 35 Tage von den Eltern begleitet bis ihr Federkleid vollständig ausgebildet ist und sie flugfähig sind.
Kiebitze ernähren sich von Insekten und deren Larven, Würmern und anderen Wirbellosen, die sie vom Boden aufnehmen. Oft kann man Kiebitze dabei beobachten, wie sie mit einem Fuß auf den Boden trommeln, um Würmer zum Verlassen ihrer Röhren zu bewegen. Kiebitze sind tag- und nachtaktiv, manche Vögel fressen sogar vorwiegend bei Nacht.

Bestände und Bedrohung
Die Bestände des Kiebitz unterliegen auf Grund von Witterungseinflüssen starken natürlichen Bestandsschwankungen. Kalte Winter und feuchte Frühjahre führen regelmäßig zu Einbrüchen bei den Populationen.
Bereits im 19. Jahrhundert kam es u.a. in Deutschland zu erheblichen Bestandsrückgängen. Später kam es regional wieder zu starken Bestandszunahmen, die bis in die 1970er Jahre anhielten. Zu der Bestandserholung trug bei, dass Kiebitze zunehmend auf Agrarflächen brüteten und wärmere Frühlinge zu geringeren witterungsbedingten Gelegeverlusten führten. Mit der vor allem seit den 1980er Jahren weiter zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft gingen jedoch immer mehr Bruthabitate verloren. So betrug der Bestand in Deutschland um 1999 nur noch 60 Prozent des Bestandes von 1975.
In Gütersloh hat der Bestand in den letzten 30 Jahren um rund 70 % abgenommen. Während 1991 noch 143 Kiebitz-Paare im Stadtgebiet gezählt wurden, waren es in den letzten Jahren nur noch etwa 30 bis 40 Paare. Die Verbreitung des Kiebitzes in Gütersloh wird durch die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld e.V. dokumentiert. Zuletzt wurden 2025 im Rahmen der kreisweiten Erfassung der Bestände 39 Brutpaare im Stadtgebiet festgestellt.
Um dem Rückgang entgegenzuwirken, hat die Stadt Gütersloh gemeinsam mit der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld e. V. ein Rettungsprogramm gestartet. Durch den gezielten Schutz der Nester kann der drastische Rückgang in Gütersloh zumindest ausgebremst werden. Dennoch muss der Schlupferfolg der Kiebitze zunehmen und mehr Küken flügge werden, damit sich die Population langfristig erholen kann.

Die Ursachen für den dramatischen Einbruch der Bestände sind sehr vielfältig. Die stärkste Beeinträchtigung geht von intensiver Nutzung landwirtschaftlicher Flächen aus (u.a. frühe und häufige Ackerbearbeitung und Grünlandschnitte, intensive Düngung, Gülle- und Pestizideinsatz, hohe Viehdichten, zu dichtes und hoch aufwachsendes Grünland). Weitere Ursachen sind die Zerschneidung von Lebensräumen, der anhaltende Flächenverbrauch oder Störungen durch menschliche Freizeitaktivitäten. Dazu kommen Auswirkungen des Klimawandels, die sich in den letzten Jahren durch extreme Trockenheit oder intensive Niederschläge bemerkbar machen. Das führt dazu, dass von den wenigen derzeitigen Brutflächen nicht alle jedes Jahr geeignet sind für die Kiebitze. Hinzu kommt eine hohe Mortalität in den Durchzugs- und Überwinterungsgebieten. Allein in Frankreich werden pro Jahr legal über 400.000 Kiebitze geschossen.
Schutzmaßnahmen
Zur Erhaltung der verbliebenen Restbestände des Kiebitzes ist ein konzertiertes „Rettungsprogramm“ dringend erforderlich. Die Stadt Gütersloh hat 2022 begonnen, den Kiebitzschutz zu intensivieren und hat zusammen mit der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld e.V. und der Unteren Naturschutzbehörde das „Kiebitznotfallprogramm“ gestartet. Schon seit vielen Jahre arbeitet die Stadt mit der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld e.V. für den Schutz des Kiebitzes zusammen.
Der Schutz beinhaltet die Bestandserfassung der Kiebitz-Brutpaare und den Schutz der Gelege. Dazu werden die Nester auf landwirtschaftlich genutzten Flächen markiert, damit sie bei der Flächenbearbeitung ausgespart werden.
Zum anderen werden die Landwirte und Landwirtinnen über die brütenden Kiebitze informiert und beraten, wie bei der Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen in stärkerem Maße Rücksicht auf die Gelege und die Küken genommen werden kann. Arbeitsschritte bei der Frühjahrsbestellung der Äcker sollten zeitnah erfolgen oder müssen gegebenenfalls aufgeschoben werden, um die Störung der Kiebitze so gering wie möglich zu halten. In Einzelfällen können stillgelegte Ackerbrachen vor der Brutsaison umgebrochen und damit für den Kiebitz attraktiv gemacht werden.
Während der Zeit der Jungenaufzucht (März bis Juni) sollten Randstreifen an Äckern nicht mit bearbeitet oder ausgemäht werden, um Nahrungs- und Versteckflächen für die flügge gewordenen Jungvögel zu erhalten. Als Nestflüchter verlassen die Kiebitzküken („Pullis“) das Nest direkt nach dem Schlüpfen. Besonders auf krautreichen Ackerrändern finden sie insektenreiche Nahrung und Schutz vor Räubern (Prädatoren). Solche Flächen müssen groß genug sein (mindestens 5000 Quadratmeter), zu schmale Flächen können zur Falle werden, da sich Prädatoren von den Rändern heranschleichen.
Maßnahmen auf landwirtschaftlichen Flächen zum Schutz des Kiebitz können über den Vertragsnaturschutz oder Agrar-Umweltmaßnahmen finanziell gefördert werden. Das "Rettungsprogramm" stärkt auch hier die Zusammenarbeit und die Beratung. Solche Maßnahmen helfen dabei nicht nur dem Kiebitz sondern auch anderen gefährdeten Feldvögeln wie dem Rebhuhn oder der Feldlerche.
Mehr dazu hier: Fördermaßnahmen für Feldvögel im Kreis Gütersloh


Sonstiges
Die Stadt Gütersloh ist seit 2022 Mitglied der AG Kiebitzschutz des Nabu
(https://lapwingconservation.org/). Ziele der AG sind u.a. die Schaffung eines bundesweiten Kiebitzschutz-Netzwerkes durch den regelmäßigen fachlichen Austausch von lokalen Initiativen sowie Akteurinnen und Akteuren innerhalb und außerhalb des NABU, die Schaffung einheitlicher Standards zur Ermittlung von Reproduktionserfolgen von Kiebitzen und die Öffentlichkeitsarbeit zum Kiebitzschutz.
Quellen:
- Biologische Station Gütersloh/Bielefeld e.V. (2023): Kiebitz (Vanellus vanellus), in: Artenschutzhandbuch Kreis Gütersloh, https://biostationgt-bi.de/artenschutz/index.php?page=1&category=1&id=15 [05.04.2023]
- Lapwingconservation.org (2023): Kiebitz, https://lapwingconservation.org/kiebitz/ [05.04.2023]
- Biologische Station Gütersloh/Bielefeld e.V. (2025): Wiesenvogelkartierung im Kreis Gütersloh und der Stadt Bielefeld 2025, unveröffentlichtes Manuskript.
- Grüneberg,C., S.R. Sudmann et al. (2013): Die Brutvögel Nordrhein-Westfalens, 2013, Nordrhein-Westfälische Ornithologengeselschaft e.V. und Landesamt für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz NRW (Hrsg.), LWL-Museum für Naturkunde, Münster
- Stefan R. Sudmann, Michael Schmitz, Christoph Grüneberg, Peter Herkenrath,
Michael M. Jöbges, Tobias Mika, Klaus Nottmeyer, Kathrin Schidelko, Werner
Schubert & Darius Stiels (2023): Rote Liste der Brutvogelarten Nordrhein-Westfalens, 7. Fassung, Stand: Dezember 2021, Charadrius 57: 75–130: 1-66.